Unterwegs in Mönchsondheim

Frankens schönste Kirchenburg: Ein Museum mit 160 Einwohnern

Hans Böller
Hans Böller

Redakteur der Nürnberger Nachrichten

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13.10.2021, 14:22 Uhr
Ein wunderbares, geschlossenes Ensemble: Die Kirchenburg von Mönchsondheim.

 

Ein wunderbares, geschlossenes Ensemble: Die Kirchenburg von Mönchsondheim.   © Hans Böller, NN

Lisbeth Hassold sitzt in ihrer guten Stube, das Büffet an der Wand steht hier seit 1938, ihre Eltern haben es beim örtlichen Schreiner fertigen lassen. Das Haus ist noch viel älter, erbaut 1690 als Wohnstallhaus, seit 1852 ist der ehemalige Stall hinter der Stube ein Krämerladen – bis heute. Auf dem Wohnzimmertisch liegt das Kassenbuch, Lisbeth Hassold ist über den Abrechnungen, sie führt den kleinen Laden seit 41 Jahren, genau ihr halbes Leben lang.


Krämerin mit Leib und Seele: Lisbeth Hassold.

 

Krämerin mit Leib und Seele: Lisbeth Hassold.   © Hans Böller, NN

Sie ist 82 Jahre alt, der Laden, sagt sie, „ist meine Heimat, mein Elternhaus, hier bin ich aufgewachsen“. Und auch wenn heute „viele Sehleute“, wie Lisbeth Hassold lächelnd sagt, „und weniger Kaufleute“ kommen, sperrt sie dreimal wöchentlich (oder auf Anmeldung) noch auf. Die fremden Besucher staunen dann, dass es das noch gibt: einen richtigen alten, kleinen und feinen Dorfladen.

Ein Bier für den Opa


Die Einheimischen kommen für ein paar Besorgungen – „und auf einen Plausch“, wie Lisbeth Hassold erzählt, „viele ältere Menschen sind dankbar darum, ein bisschen reden zu können“. Sie ist das auch – und Krämerin „mit Leib und Seele“, wie sie sagt. Schon ihre Urgroßeltern haben den Lebensmittel- und Haushaltswarenladen geführt, später ihre Großeltern. Dem Opa hat sie gern ein Bier geholt, aus der Wirtschaft gegenüber, dem Schwarzen Adler, im Krug.


Die Mädchen haben dann immer einen kleinen Schluck getrunken – und der Opa tat so, als habe er es nicht bemerkt. Beim ihm waren sie gerne, „dem Opa haben die alten Bauern alles erzählt“, sagt Lisbeth Hassold, „das zu hören, war dann für uns wie Radio“.

Bürgermeister von 1945 bis 1972


Den Krämer Fritz Link, ihren Vater, haben die Amerikaner 1945 als Bürgermeister eingesetzt – weil er sich in den Jahren des braunen Regimes „an christliche Werte gehalten hatte“, wie die Tochter erzählt. Fritz Link war der erste Nachkriegsbürgermeister und blieb der einzige, im Amt war er bis 1972, als das Dorf nach Iphofen eingemeindet wurde.


Das Dorf heißt Mönchsondheim und liegt im unterfränkischen Landkreis Kitzingen. „Weilst du länger, dann lernst du hartgeschnitzte Menschen kennen, die sich nicht ein Jota in 500 Jahren geändert haben“, heißt es in einem Sonderdruck der „Landwirtschaftlichen Mitteilungen“ von 1934, in dem vom „Stolz aufs Bauerntum“ und „duftender Minne“ berichtet wird. An diesem Dorf „muss was dran sein“, schreibt der offensichtlich beeindruckte Autor.

50 Jahre sind wie vorher 500


Und obwohl man die freundlichen Menschen hier bestimmt nicht als hartgeschnitzt empfinden würde: Man ahnt, was gemeint war, was 50 Jahre ausmachen können im Vergleich zu vorher 500. „Es ist schon unglaublich“, sagt Lisbeth Hassold, „wie sich alles so schnell, nur in einer Generation, so sehr verändert hat“.

Sie ist heute – auch – in einem Museum zu Hause, einem sehr besonderen Museum, dem Kirchenburgmuseum Mönchsondheim. Die prächtige, gut 600 Jahre alte Kirchenburg steht, gegenüber von Lisbeth Hassolds Laden, mitten im Ort, sie ist eine der schönsten Anlagen ihrer Art.

Zum Schutz der Bauern

Die Gegend war einst von den Würzburger Bischöfen und den Ansbacher Markgrafen umkämpft, in Mönchsondheim lag die Dorfherrschaft bis zur Säkularisation 1803 beim Kloster Ebrach, die Einwohner hatten sich schon 1533 unter den Schutz des (evangelischen) Markgrafen gestellt. Das konnte beide Seiten reizbar machen.


Reinhard Hüßner, der Leiter des Kirchenburg-Museums. Er wohnt in einer ehemaligen Synagoge.

 

Reinhard Hüßner, der Leiter des Kirchenburg-Museums. Er wohnt in einer ehemaligen Synagoge.   © Hans Böller, NN

„Eine Selbsthilfe für die Bauern zu ihrem Schutz“ seien so die Kirchenburgen gewesen, sagt Reinhard Hüßner, „das, was für den Adel Schlösser und für die Städter ihre Stadtmauern waren.“ Weil sie ihre militärische Bedeutung schon nach dem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert allmählich verloren, wurden sie abgetragen. Im Landkreis Kitzingen finden sich aber noch auffällig viele, gut erhaltene, zum Beispiel in Herrnsheim, Kleinlangheim, Einersheim, Marktsteft oder Willanzheim. In direkter Nachbarschaft von Mönchsondheim liegt die prächtige Kirchenburg von Hüttenheim.

25 Gebäude gehören zum Museum


„Die ist größer und bedeutender“, sagt Hüßner, „aber Mönchsondheim ist als Ensemble vollständig geblieben, das macht uns zu etwas Besonderem.“ Reinhard Hüßner, 62 Jahre alt, hat den Beruf des Winzers erlernt, später in Würzburg Volkskunde studiert und seine Magisterarbeit über die von der Geschichtsforschung bis heute nur am Rande beachteten Kirchenburgen geschrieben. Angestellt beim Landratsamt, ist er der Leiter des Kirchenburgmuseums, zu dem 25 Gebäude um die Burg herum gehören, das ehemalige Rathaus, das alte Schulhaus, der 1950 geschlossene Schwarze Adler mit seiner herrlichen alten Wirtsstube, Bauernhöfe und Scheunen.


Man entdeckt eine Kegelbahn von 1909 und das Skelett von Fidibus 6043 RL, einem „Fettvererber des einfarbig gelben Höhenviehs“, wie man lernen kann. Der Stier, geboren am 5. November 1920, brachte es auf stolze 44 Söhne und 102 Töchter. Mönchsondheim war immer, dank der fruchtbaren Lössböden, ein reiches Dorf, hier gedieh der Weizen genauso wie der Wein – in Krisenzeiten gelagert in der Kirchenburg, in den Kirchgaden, den Vorratsräumen.

Es geht auch in die Zukunft

Anders als eine Wehrkirche ist eine Kirchenburg ein Gebäudekomplex, in Mönchsondheim ganz umgeben von einer mittelalterlichen Mauer.
In der Mitte steht die evangelische Dorfkirche, 1688 erbaut und anrührend in ihrer Einfachheit. Die mehrstöckigen Gaden sind heute Ausstellungsräume, man begegnet vergessenen Handwerkskünsten – Wagnern, Sattlern, Büchsenmachern – und der ländlichen Kulturgeschichte. Es geht in die Vergangenheit – und, sagt Reinhard Hüßner, in die Zukunft.


Er wohnt mit seiner Frau Michaela in der 1793 erbauten ehemaligen Synagoge des Nachbarorts Wiesenbronn, die Hüßners haben sie 2005 gekauft, renoviert und sehr liebevoll in den Zustand vor 1938 zurückversetzt, inklusive der Mikwe, des Tauchbades. Der Betsaal, den wieder ein Sternenhimmel ziert, ist das Wohnzimmer, und wie man nachhaltig und ökologisch baut und renoviert, das, erklärt Reinhard Hüßner, zeige ja das Beispiel der Kirchenburg von Mönchsondheim.

Nachhaltig leben


Dass Naturbaustoffe und chemiefreie Farben oft die besten Materialien sind, sagt er, sei leider ein wenig in Vergessenheit geraten, aber aus der langen Geschichte von Dorf und Flur, „dem überwölbenden Thema des Kirchenburgmuseums“, wie es Hüßner formuliert, könne man lernen, wie der Mensch für ein nachhaltigeres Leben auch einmal einen Schritt zurück gehen kann.


Zum Museum gehört der ehemalige Kleinbauernhof Hahn, der, wie auf der Schautafel steht, nur „die geringsten Erwartungen ans Wohnen“ erfüllte, aber bis 1975 auf einfachste Weise bewirtschaftet wurde. Arm und Reich waren auch hier Nachbarn, die großen Gaden an der Wehrmauer dienten den Bauern, die nicht mehr nur für den Eigenbedarf produzierten, sondern einen florierenden Handel betrieben, als Lagerräume. „Der Weg von der Mangel- zur Überschuss- und dann Überflusswirtschaft“ lasse sich, findet Hüßner, auch erkunden in Mönchsondheim.

Museum in originaler Lage


Für die Idee, das Kulturerbe zu pflegen, gründete sich 1975 ein Verein, der heute gemeinsam mit dem Landkreis und der Stadt Iphofen der Träger des 1981 eingerichteten Museums ist. Die Mehrheit der 160 Einwohner engagiert sich dafür, „eine schöne Symbiose“ nennt es Hüßner, das Alleinstellungsmerkmal eines „Museums in situ“, wie er sagt, in originaler Lage – und mit den Menschen, die hier wohnen.

Was zum Museum gehört und was zum Dorf, kann manchmal im Sinne des Betrachters liegen.

Die alte Dorfschule


Reinhard Hüßner liebt auch deshalb den Kramerladen, „so etwas kann man nicht für Geld kaufen“, sagt er, und er hört immer gerne zu, wenn Lisbeth Hassold erzählt – zum Beispiel von ihren Jahren in der 1968 aufgelösten alten Dorfschule, die heute zum Museum gehört: ein Klassenzimmer für acht Jahrgänge, ein Lehrer, der Hauptlehrer Karl Werzinger, der den bis heute aktiven Posaunenchor gründete.


Wer mag, kann sich vor der Kirchenburg in den Schatten setzen, unter zwei alten Linden stehen Tische und Stühle. Es braucht oft nicht viel zum Glücklichsein, einen fränkischen Silvaner bekommt man in Lisbeth Hassolds Laden. „Wir haben gelernt, mit dem, was wir haben, zufrieden zu sein“, sagt sie. Es ist keine Klage, im Gegenteil, das sei ein Geschenk gewesen, „und wir haben uns ja auch leichter getan, weil alles immer besser geworden ist – in Zukunft wieder etwas zurück gehen zu müssen, ist viel schwieriger“.

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