Sensationelle Entdeckung

Sie heilt tatsächlich: Die Wundererde aus Pfarrer McGirrs Grab

23.7.2021, 10:33 Uhr
Forscher Gerry Quinn hat ein seltenes Bakterium in einem Grab entdeckt, das gegen multiresistente Keime wirken könnte.

Forscher Gerry Quinn hat ein seltenes Bakterium in einem Grab entdeckt, das gegen multiresistente Keime wirken könnte. © Fabian Federl

Er galt als Wunderheiler: Im Jahre 1745 wurde in einem Dorf im heutigen Nordirland James McGirr geboren. Als junger Mann wurde er Pfarrer und konnte von der Krätze bis zur Cholera alles heilen, was seine Pfarrei befiel. Als McGirr im Alter von 70 Jahren starb, sollen seine letzten Worte gewesen sein: "Nach meinem Tode soll der Lehm, der mich bedeckt, alles heilen, was ich zu heilen vermochte."

275 Jahre nach seiner Geburt haben zehntausende Menschen die Erde aus McGirrs Grab in den Händen gehalten, zwischen den Fingern zerrieben, unter ihren Kopfkissen verteilt, in Europa, den USA. So viele, dass der Friedhofswärter ein Schild vor McGirrs Grab anbrachte, mit einer Bitte: Man solle doch die Graberde, wenn man sie sich schon leihe, zurückbringen.

2019 traf die Legende des Pfarrers McGirr auf die Forschung des Mikrobiologen Gerry Quinn. Zwei Dinge verbindet diese Männer: Ihre Herkunft, das Dorf Boho in Nordirland. Und der Lehm. Denn Gerry Quinn fand heraus: Pfarrer McGirrs Graberde heilt wirklich. Nur eben ganz anders, als die Pilger Jahrhunderte lang glaubten.

Die Lösung des lindernden Lehms, glaubt Gerry Quinn, liegt in einem Organismus, der knapp einen Mikrometer groß ist und den Geruch von moosigem Waldboden verbreitet. Ein Organismus, der in Pfarrer McGirrs Grab lebt und an dem zwei Nobelpreise hängen. Und dessen Sporen die Antwort auf eine der wichtigsten Fragen der Medizin enthalten.

An einem regnerischen Tag sitzt Gerry Quinn, ein kleiner Mann mit eisblauen Augen, am Steuer seines Mietwagens. Er fährt durch kleine Ortschaften, vorbei an Seenplatten, Nadelwäldern und Weideland, bis an die Grenze des Vereinigten Königreichs und der Republik Irland, in das Dorf Boho, wo Quinn aufgewachsen ist, und Pfarrer McGirr begraben liegt. Er folgt Serpentinen einen Hügel hinauf, bis ein Kirchturm erscheint, eine kleine Kapelle und am höchsten Punkt: der Friedhof. Darauf liegt eine im Boden eingelassenen Steinplatte mit schwer lesbarer Inschrift. Am Kopfende der Platte liegen 23 Löffel, Überbleibsel der Pilger. Davor ist ein Loch im Boden, das aussieht, als hätten hier mehrere Menschen in der Erde gepult.

Bakterien und Wunder

Die Regeln des heilenden Lehms sind festgeschrieben: Man nehme eine Löffelspitze Graberde, bete das Vaterunser, ein Ave Maria, Ehre sei dem Vater und ein Apostolisches Glaubensbekenntnis, dann ein Gebet für Pfarrer McGirr und eines für die Linderung der eigenen Beschwerden. Man bewahre die Erde sicher auf, in einem Umschlag, und bete drei Mal täglich, für drei Tage. Am vierten Tag bringe man die Erde zurück. Sonst drohe ein Fluch.

Glaubt man den Dorfbewohnern von Boho, heilt diese Erde. Ein Wunder, eben. Glaubt man Gerry Quinn, wirkt diese Erde auch. Aus einem banaleren Grund: Bakterien. Eine einzige Familie von Bakterien. Sogenannte Streptomyces.

Diese sind Gerry Quinns Lebensprojekt. Sie zählen zu den wichtigsten medizinischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts, wirken gegen Viren und Würmer, gegen Krebs und angeblich auch gegen Alzheimer. Vor allem aber sind sie eine wichtige Quelle für Antibiotika. Fast 60 Prozent der heute erhältlichen Antibiotika werden aus Streptomyces gewonnen.

Quinn erforscht, wie Streptomyces gegen multiresistente Keime wirken. Diese, meist in Krankenhäusern verbreiten Bakterien, die gegen viele unserer Antibiotika immun geworden sind, stellen die Pharmaindustrie vor gewaltige Probleme. "Multiresistente Keime sind die größte Gefahr für die menschliche Gesundheit", sagt Paul de Barro, ein Mikrobiologe an Australiens Nationaler Wissenschaftsbehörde CSIRO. "Covid ist da nicht mal in der Nähe."

Die WHO führt eine Liste der am weitesten verbreiteten multiresistenten Keime: Resistenzen gegen E.Coli, einen Erreger, der etwa Blasenentzündung, aber auch schwere Komplikationen wie Nierenversagen verursacht, seien in einigen Regionen so verbreitet, dass nur noch eine von zwei Personen auf Antibiotika anspricht.

Antibiotikaforschung lohnt sich nicht

Es wird kaum mehr nach neuen Antibiotika geforscht. Sieben der heutigen Antibiotika stammen aus Entdeckungen der 1940er Jahre, zehn aus den 50ern, je fünf aus den 60ern und 70ern. In den 80ern wurden noch zwei Stoffe entdeckt. Seither: Null. 88 Prozent aller Verschreibungen gelten für 19 Antibiotika. Und keines davon basiert auf einer Entdeckung der letzten 40 Jahre.

Die meisten Pharmaunternehmen haben in den vergangenen zehn Jahren ihre Antibiotikaforschung eingestellt. Weil es sich nicht lohnt. Antibiotika gegen multiresistente Keime kosten extrem viel in der Entwicklung, werden dann nur für kurze Zeit und zu einem geringen Preis verschrieben. Sie sind ein Heilmittel für wenige. Für diese aber geht es um Leben und Tod. Die WHO zählt rund 700 000 Todesfälle im Jahr durch multiresistente Keime. Und schätzt die Zahl bis 2050 auf jährlich 10 Millionen jedes Jahr.

"In den 40er Jahren, als Penicillin in die Krankenhäuser kam, sprachen die Menschen von Wundern", sagt Wolfgang Jessner, Leiter der Entwicklungsabteilung für Medikamente gegen Infektionskrankheiten beim Schweizer Pharmaunternehmen Roche. "Man kann sich kaum mehr vorstellen, was das für einen Stellenwert hatte, was für eine Revolution der Behandlung." Diese Einsicht aber scheint verloren gegangen zu sein. "Wenn wir die Resistenzen nicht schnellstmöglich angehen, riskieren wir einen großen Rückschritt für die medizinische Versorgung in der Welt", sagt er.

Quinns Obsession mit Streptomyces begann an der Swansea University in Wales, als seine Labornachbarin daran forschte. Sie war Teil einer Gruppe der Mikrobiologen Paul Dyson und Julian Davies, die an abgelegenen Orten nach Antibiotika-produzierenden Organismen suchten. Sie fanden sie in der Gobi-Wüste, in den Steppen von Xinjiang, den Salzseen Boliviens, den Gletschern in British Columbia und an Ufern eines Sees in Sibirien.


Wenn das "Antibiotikum" aus eigenem Anbau kommt


Ende 2018 erwähnte Quinn gegenüber Dyson, er verbringe seinen Urlaub in Boho, einem Dorf im abgelegenen Westen Nordirlands. Er würde dort sowieso Pflanzenproben nehmen, wilden Thymian und Orchideen, die auf dem kargen, alkalinen Kalksteinboden wachsen. Dyson sagte ihm, er solle doch eine Erdprobe mitbringen. Vielleicht finde sich ja etwas. Obwohl Quinn in Boho aufgewachsen war, kannte er die Legende von Pfarrer McGirr nicht. Als er seine Bodenproben nahm, erzählte ihm seine Tante von den Wunderheilungen. Quinn ist kein gläubiger Christ, er sagt, er glaube erst einmal alles. Und teste seinen Glauben. Also ging er auf den Friedhof und nahm seine Bodenprobe direkt aus Pfarrer McGirrs Grab. Er brachte sie ins Labor, fand Streptomyces und dessen antibiotische Stoffe. Er testete sie gegen die sechs meistverbreiteten multiresistenten Keime. Die Graberde wirkte gegen jeden einzelnen davon.

Streptomyces wirken antibiotisch

Gerry Quinn bewies in einem Aufsatz für das Fachjournal Frontiers of Microbiology, dass Pfarrer McGirrs Graberde antibiotische Stoffe enthält. Er hat aber eine größere Theorie: Er glaubt, dass sich viele Wunderheilungen und Pilgerstätten der Welt mit Streptomyces erklären lassen. Sein Mentor, der Chemiker Julian Davies, hat in British Columbia Heilungsrituale der dortigen First Nations untersucht und hohe Konzentrationen von Antibiotika produzierenden Streptomyces gefunden. In Brasilien fanden sich Streptomyces in Pflanzen-Heilmitteln, Forscher aus Jordanien, Russland und Chile zeigten dasselbe in ihren Ländern. Streptomyces im Boden sekretieren ihre antibiotischen, antiviralen, antimykotischen Wirkstoffe in das sie umgebende Wasser, die Erde, die Pflanzen.

Es ist schon lange bewiesen, dass Streptomyces antibiotisch wirken, für diesen Nachweis hat Salman Waksman 1952 den Nobelpreis bekommen. Sie wirken auch gegen Läuse, Milben, Zecken und Fadenwürmer. 2020 wurden aus Streptomyces gewonnene Stoffe erfolgreich gegen Covid-19 getestet. Es gibt nur wenige Organismen, denen die Menschheit so viel medizinischen Fortschritt verdankt.

Als Quinn die Probe aus dem Grab entnommen hatte, sprach sich das im Dorf herum. Der lokale Priester war verärgert. Die Legende von Pfarrer McGirrs Grab ist für ihn eine heidnische Tradition, und der Ort von der katholischen Kirche ist nicht als Pilgerort deklariert. Und Gerry Quinn bekam böse Anrufe. Von vielen wurde er gesehen als einer, der das lokale Geheimnis aller Welt verraten hat.

"Legenden und Glaube geben Menschen Lebensmut", sagt Quinn. "Medizin tut dasselbe." Beide helfen mit Hoffnung. Legende und Medizin überlappen sich häufig, glaubt Quinn, und manchmal bedingen sie sich auch.

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