"Jazz an der Aisch": Tiefenentspanntes Festival in Höchstadt

11.10.2021, 14:12 Uhr
Highlight des Festivals

Highlight des Festivals "Jazz an der Aisch" war das "Charly Antolini Quintett", das ohne seinen erkrankten Chef anreisen musste. © Hans von Draminski, NN

Gut drei Jahre Vorlauf brauchte es, um aus der seit einem Jahrzehnt bestehenden Reihe "Jazz!3" ein Dreitages-Festival zu machen. Auch, weil der Corona-Lockdown über ein Jahr lang fast alle Kulturaktivitäten lähmte. Geht es um "Jazz an der Aisch", hat sich das Warten gelohnt, denn das musikalische Personal, das sich an drei Tagen die Klinke der Fortuna-Tür in die Hand gab, hätte hochkarätiger nicht sein können.

Konzentriert und entspannt

Den Anfang machte ein echter Höchstadter, der schon vor Jahren ins kanadische Neufundland gezogen ist und dort zu einem gefragten Jazz-Star wurde: Der Pianist Florian Hoefner brachte zu seinem Heimspiel den Bassisten Andrew Downing und den Schlagzeuger Nick Fraser mit und zelebrierte ebenso konzentriert wie entspannt hohe Triokunst.

Eröffnet wurde das Festival vom Trio des in Neufundland lebenden Höchstadter Jazzpianisten Florian Hoefner.

Eröffnet wurde das Festival vom Trio des in Neufundland lebenden Höchstadter Jazzpianisten Florian Hoefner. © Hans von Draminski, NN

Jazzguru zu Gast

Schön, dass dieser Auftritt sogar das Interesse des Bayerischen Rundfunks fand. Jazzguru Roland Spiegel war persönlich vor Ort und kündigte an, Hoefners Triokonzert irgendwann vor Weihnachten im Rahmen der Reihe "Jazz auf Reisen" senden zu wollen. Keine schlechte Idee, Florian Hoefners filigrane Kompositionen, sein überaus lyrisches Spiel und seine komplexe Musik-Welt zwischen Klassik und Contemporary Jazz für die Nachwelt festzuhalten.

Joker des

Joker des "Lutz Häffner Quintetts" war der belgische Jazztrompeter und Komponist Bert Joris. © Hans von Draminski, NN

Gut gefüllter Saal

Denn das Publikum erlebte im Fortuna-Saal, der im Rahmen der Corona-Vorgaben auffallend gut gefüllt war, eine echte Jazz-Sternstunde mit hinterfragenden, vieldeutigen, aus einer Myriade von Quellen gespeisten Nummern, in denen neufundländische Traditionals ebenso ihren Platz hatten wie locker-luftige Eigenkompositionen.

Mini-Big-Band

Deutlich handfester ging es einen Tag später beim "Lutz Haefner Quintett" zu, das eigentlich eine Mini-Big-Band aus lauter Bandleadern ist: Der Saxofon spielende Nürnberger Kulturförderpreisträger Haefner hat sich mit profilierten Solisten umgeben. Am Klavier lässt Rainer Böhm die Finger fliegen, Dieter Ilg ist für lässig groovende, felsenfest stabile Bassläufe mit einer Portion Humor zuständig, Paul Höchstäder ersetzt an den Drums feinsinnig und einfallsreich Silvio Morger, der um ein Haar seine eigene Hochzeit vergessen hätte und deshalb relativ kurzfristig absagte.

Trompeter als Joker

Joker ist der belgische Trompeter Bert Joris, der mit hell strahlendem Ton und feiner Phasierung gefällt, wenn er solistisch unterwegs ist. Mit Lutz Haefner bildet er eine Bläsersektion, die zu zweit orchestrale Wucht verströmt, punktgenau aufeinander eingespielt ist und selbst bei komplexem Satzspiel – zeitgenössischer Jazz kann bisweilen sehr vertrackt und vor allem unvorhersehbar sein, was Rhythmik und Harmonik angeht – nie die Übersicht verliert.

Antolini-Quintett ohne Boss

Highlight des samstäglichen Doppelkonzerts war das "Charly Antolini Quintett", das in Höchstadt auf seinen Boss verzichten musste: Der Schweizer Schlagzeuger Antolini, hierzulande spätestens seit der Fernsehreihe "Superdrumming" bekannt, muss aufgrund einer gerissenen Sehne derzeit pausieren. Sein Quintett mit Florian Riedl an Alt- und Tenorsax, Angela Avetsijan an der Trompete, Matthias Bublath am Klavier und Rocky Knauer am Bass war gleichwohl souverän genug, auch mit Einspring-Dummer Lorenz Hunziker ein Jazz-Feuerwerk vom Feinsten zu zünden, in dem die treibenden Rhythmen Lateinamerikas eine tragende Rolle spielen.

Ein fulminanter

Ein fulminanter "Einspringer": Lorenz Hunziker trommelte in Höchstadt anstelle des erkrankten Charly Antolini. © Hans von Draminski, NN

Eigene Trompeten-Ästhetik

Klangzentrum und ruhender Po lwar Angela Avetsijan, die im Vergleich deutlich satter und sämiger als ihr Kollege Bert Joris klingt und auch im Zusammenspiel mit Florian Riedl eine ganz eigene Ästhetik einbrachte.

Stoff für das Kopfkino

Dem atmosphärischen Jazz der Nachkriegsjahre huldigte sie mit einer Ballade, die auch als Soundtrack zu einem schwarzweißen Krimi taugen würde und vor das innere Auge die Straßenschluchten amerikanischer Großstädte projiziert. Tief emotionaler Stoff für das Kopfkino.

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