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John Degenkolb: "Enorme Vorfreude" auf die Tour de France

Radprofi mit Weißenburger Vergangenheit äußert sich im Interview auch zu den jüngsten Horrorstürzen - 23.08.2020 11:23 Uhr

Einer der größten Momente in John Degenkolbs Karriere: 2018 gewann er die neunte Etappe der Tour de France. Ab 29. August ist er wieder dabei. Zuschauer im Zielraum werden heuer allerdings fehlen.

21.08.2020 © Foto: Roth/Augenklick


Über dieses Topereignis und die dabei geltenden besonderen Bedingungen in Corona-Zeiten sprachen wir ebenso mit Degenkolb wie über die schweren Stürze nach dem Re-Start, über seine aktuelle Form sowie über die Folgen der Pandemie für den Radsport.

Herr Degenkolb, nach der langen Corona-Zwangspause sind Sie mittlerweile wieder die ersten Rennen gefahren. Wie war der Neustart?

Degenkolb: Es war auf jeden Fall mehr als an der Zeit, dass es wieder losgeht und wir wieder Rennen fahren können. Ich hatte für mich persönlich die gezielte, aber nicht gerade einfache Entscheidung getroffen, den Klassiker Mailand–Sanremo wegzulassen und nicht zu fahren.

Das ist mir schwergefallen, denn dort habe ich einen meiner größten Erfolge gefeiert (Sieg im Jahr 2015, Anmerkung der Redaktion). Ich wollte aber vor den wirklich wichtigen Rennen einen Grundstock an Rennen haben, den ich durch die Polen-Rundfahrt und die Tour de Wallonie in Belgien mit fünf beziehungsweise vier Etappen auch bekommen habe.

Ist die Rechnung also aufgegangen?

Ja, es war die richtige Entscheidung, denn man wird ja nicht jünger (lacht). Als erfahrener und älterer Rennfahrer braucht man einfach etwas mehr Zeit, um nach so langer Pause wieder richtig reinzukommen. Nach den fünf Renntagen in Polen habe ich mich diese Woche bei den vier Etappen der Wallonie in Belgien schon viel besser gefühlt.

Mit meiner Form bin ich sehr zufrieden und ich konnte einen Podiumsplatz einfahren. Auch dadurch ist mein Selbstvertrauen nach oben gegangen. Ich habe das Gefühl, dass ich mich mit den Besten messen kann.


Wieder im Sattel: Radprofi John Degenkolb nimmt wieder Fahrt auf


Der Re-Start im Radrennsport war geprägt von mehreren schlimmen Unfällen. Vor allem der Horrorsturz von Fabio Jakobsen bei der Polenrundfahrt hat für Schlagzeilen gesorgt. Wie haben Sie das Ganze erlebt?

Speziell in Polen war es an dem Renntag wahnsinnig hektisch. Da haben sich viele Faktoren zu einer Rezeptur zusammengetan, die im Grunde total schlecht war: Die Fahrer hatten lange Zeit keine Rennen mehr gefahren, der Bergabsprint war sowieso total hektisch und gefährlich, auch die Absperrung kam dazu.

Da hat alles mitreingespielt, die Voraussetzungen waren nicht ideal und so ist alles eskaliert. Da darf man am Ende auch nicht einem einzelnen Rennfahrer die ganze Schuld geben. Die Verletzungen, die Jakobsen und die anderen Jungs erlitten haben, sind extrem. Ich selber kann nur von Glück reden, denn ich war vorher schon in einen anderen Sturz verwickelt und somit im Finale nicht dabei – so bin ich verschont geblieben.

"Nicht spurlos vorbeigegangen"

Dennoch konnten Sie die Ereignisse und Bilder sicherlich nicht so leicht abschütteln?

Nein, das ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Mir ist es schon schwergefallen, am nächsten Tag wieder in den Sattel zu steigen, und war dann auch vom Kopf her nicht bereit, in ein Sprintfinale zu gehen. Es hat ein paar Tage gedauert, um diese Risikobereitschaft wiederzuerlangen. Ohne funktioniert es nicht im Radsport, sonst kann man nicht mitfahren.

Ich merke halt auch, dass ich keine 22 mehr bin. Ich habe Frau und Kinder zu Hause, es hängt viel mehr dran als früher. Da ist es nicht damit getan, zum Rennen zu gehen, die Startnummer hinten dranzuhängen und loszufahren. Man hat sein Päckchen beziehungsweise seinen Rucksack dabei. Es ist nicht einfach, aber es ist andererseits auch so, dass mir die Familie sehr viel Energie für den Radrennsport gibt.

John Degenkolb ist in Gera geboren und in Hundsdorf aufgewachsen. In Weißenburg hat er seinen Realschulabschluss gemacht und hat beim RC Germania seine ersten Erfolge eingefahren. Parallel zur Polizeiausbildung stieg er in den Profiradrennsport ein und feierte später mit Siegen bei Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix (jeweils 2015) sowie einem Etappensieg bei der Tour de France (2018) seine größten Erfolge. Der 31-Jährige lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Oberursel bei Frankfurt.

21.08.2020 © Foto: Lotto-Soudal


Hier steht für Sie die Tour de France vor der Tür. Wie groß ist trotz der jüngsten Ereignisse und trotz der Corona-Bedingungen die Vorfreude?

Meine Vorfreude ist enorm! Die Tour de France ist das Highlight schlechthin, gerade in diesem besonderen Jahr. Ich hoffe, dass alles so über die Bühne geht wie geplant, dass die Vorsichtsmaßnahmen und Regularien ausreichen, um die Sicherheit zu gewährleisten, und dass sich alle so verhalten, damit niemand gefährdet wird. Für den Radsport ist die Tour als Plattform und Möglichkeit, sich zu präsentieren, extrem und auch existenziell wichtig.

"Ich lauere auf meine Chance"

Im vergangenen Jahr waren Sie bei der Frankreich-Rundfahrt nicht dabei, heuer gibt es eine sehr herausfordernde Strecke mit vielen Berg-Etappen, die Ihnen eigentlich nicht so liegen.

Ja, das stimmt, aber die Tour de France ist einfach das Ereignis! Jeder träumt davon, dabei zu sein und eine Etappe zu gewinnen. Da muss man eben auch die Berg-Etappen auf sich nehmen. Es gibt aber auch die eine oder andere Chance bei Sprint-Wertungen. Hier werde ich meinen Teamkollegen Caleb Ewan in der Sprintvorbereitung unterstützen. Im Hinterkopf lauere ich natürlich auch auf meine eigene Chance, eine Etappe zu gewinnen.

Das ist Ihnen 2018 schon einmal gelungen und dürfte auch heuer wieder ein Traum für Sie sein?

Ja, das ist auf jeden Fall ein Traum. Es ist etwas ganz Besonderes, das vergisst man nie in seinem Leben. Die Chance ist immer da, man darf aber keine Angst haben und muss auch etwas riskieren, wenn es klappen soll.

Die Tour wird aufgrund von Corona unter speziellen Voraussetzungen laufen. Wie haben Sie die Einschränkungen bislang erlebt?

Beim Rennen selber bekommt man das gar nicht so extrem mit. An der Strecke sind ja auch immer wieder Zuschauer. Am meisten spürt man es vor dem Start und im Ziel. Man geht mit Maske zum Einschreiben, die obligatorische Maskenpflicht gilt für uns bis zum Start und dann auch gleich wieder im Ziel. Dass im Zielbereich keine Zuschauer sind, daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Es ist halt einfach eine Ausnahmesituation.

"Mehr Konsequenzen als gedacht"

Wie schätzen Sie die Auswirkungen dieser Ausnahmesituation auf längere Sicht für den Radsport ein?

Ich denke, Corona wird mehr Konsequenzen haben, als im Vornherein gedacht. Die Krise wird sich sicher auf die Budgets der einzelnen Teams auswirken. Hier ist es derzeit etwas zweischneidig: Manche Teams haben aufgestockt und scheinen am Durchstarten zu sein, andere sind sehr zurückhaltend.

Es kommt viel darauf an, wie es bei dem jeweiligen Hauptsponsor in diesen Zeiten wirtschaftlich aussieht. Aufgrund der ganzen Unsicherheit sind jedenfalls Gelder weggebrochen und es tun sich Lücken im Budget auf. Ich habe da aber Verständnis und kann keinem Sponsor einen Vorwurf machen.


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Wie sieht es konkret bei Ihrem Rennstall aus?

Wir bei Lotto-Soudal sind ganz schön betroffen. In den Monaten der Corona-Pause haben alle Fahrer auf 30 Prozent des Gehalts verzichtet. Wie es sich im kommenden Jahr entwickelt, muss man abwarten.

Erst einmal steht aber heuer noch ein dicht gedrängtes Programm in der zweiten Jahreshälfte auf dem Plan.

Was haben Sie persönlich noch vor?

Die Tour de France ist die einzige große Rundfahrt, die ich heuer fahren werde. Nach diesen drei Wochen folgt eine Pause zum Regenerieren und danach das weitgehend komplette Klassiker-Programm, das sonst im Frühjahr stattfindet. Abschluss ist für mich Ende Oktober mit meinem Lieblingsrennen Paris–Roubaix.

 

INTERVIEW: UWE MÜHLING

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