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Digitale Kunst: Millionen Euro für eine Datei

Was es mit NFT auf sich hat und warum viele den Hype kritisch sehen - 19.04.2021 13:46 Uhr


Das digitale Werk des US-Künstlers, der mit bürgerlichem Namen Mike Winkelmann heißt, ist mit einer Art Echtheitszertifikat abgesichert.

14.04.2021 © HANDOUT, NN


NTF - was ist das?
Die Abkürzung steht für "non fungible token", also nicht austauschbare, einzigartige Token. Token sind eine Technologie, die auf Blockchains basiert – eine Art digitaler Schlüssel oder Sicherungssystem zur Authentifizierung und Identifizierung von Nutzern. "Wenn Sie eine Online-Überweisung machen, müssen sie eine PIN eingeben, die man auf ihr Telefon schickt. Dann ist das Telefon das Hardware-Token, um sich zu verifizieren. Bei der Kunst ist er eine Art Lesegerät, um das Kunstwerk als Original zu verifizieren", erklärt Marcel Noack vom Bundesvorstand des Verbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK). Der NFT macht digitale Kunst zum Original. "Das ist etwas grundlegend Neues", sagt Noack. Die NTFs werden kryptografisch verschlüsselt als Block an eine Kette, den Blockchains, gespeichert, und zwar dezentral auf ganz vielen Rechnern – fälschungssicher und für immer. "Sie können nicht verloren gehen. Außer bei weltweitem Stromausfall", so Noack.



Was bringen diese NFTs?
Sie verschaffen Künstlern die Möglichkeit, die Urheberschaft ihrer ansonsten vogelfreien digitalen Kunst zu schützen, sie als Originale zu "stempeln", dadurch als Sammelobjekte zu verkaufen und – ein entscheidender Punkt – an jedem Weiterkauf zu partizipieren. "Die Bedingungen des Weiterverkaufs kann jeder Künstler seinem Werk einschreiben", sagt Noack. Künstler können damit zwar Galerien und Auktionshäuser umgehen, müssen aber zunächst einmal technisch in der Lage sein, ein NFT herzustellen. Firmen, die dabei helfen, stehen natürlich bereit. Dem Kunstmarkt beschert NFT mit Millionenumsätzen einen Hype, Sammlern ein neues Investitionsfeld.

Ein Detail aus der Collage von Beeple.

16.04.2021 © e-arc-tmp-20210416_130741-1.jpg, NN


Kann das überhaupt Kunst sein?
"Klar, ein Kunstwerk kann digital sein. Ob mit oder ohne Sicherung durch NFTs", sagt Thomas Heyden, stellvertretender Direktor im Neuen Museum Nürnberg. Im Grunde hinge es überhaupt nicht von der Technik oder dem Medium ab. Wichtiger sei die Qualität: Ist es ein relevantes Werk, das vor der Geschichte standhält? Und da fällt die digitale Collage von Mike Winkelmann für Heyden ganz schnell durchs Sieb: "Das ist popkulturelles Grafikdesign, Lichtjahre weit weg von dem, was ich als Kunst ernst nehme", sagt er.
Der NFT-Hype ist in seinen Augen unter anderen Aspekten viel interessanter: "Es ist vor allem das Bedürfnis nach dem auratischen Original, das so gar nicht zur Digitalität passen will. Denn eigentlich garantiert sie beliebige Reproduzierbarkeit. Doch darunter hat der Tauschwert zu leiden. Da kommt die Blockchain gerade recht." Letztlich gehe es bei der ganzen Chose doch nur um Geld: "Das Auktionshaus steckt neue Märkte ab und versucht, eine junge Klientel zu gewinnen. Bezahlt wird in Ether, einer Kryptowährung. Blockchains sichern den Wert sowohl der Ware als auch der Währung. Aus dieser Ecke pfeift der Wind. Ökologisch übrigens ein einziges Desaster."

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Wer kauft so etwas?
Das erfährt man oft nicht. "Das Bedenkliche ist, dass nicht klar ist, wer diese Kunst erwirbt. Das bleibt anonym. Auch auf dem analogen Kunstmarkt halten sich Sammler oft im Hintergrund, aber auf dem digitalen Markt werden oft weder Käufer noch Verkäufer sichtbar", sagt Marcel Noack vom BBK. Auch das Werk von Beeple wurde unter Pseudonym gekauft. Man weiß aber nun, dass der Käufer der indische Kryptounternehmer Vignesh Sundaresan war. Insgesamt kann man sagen: NTFs sprechen eine junge, digitalaffine, finanziell potente Käuferschicht an, die von dieser neuartigen Technologie angezogen wird. Mehr als die Hälfte der 33 Bieter für Beeples Werk war zwischen 25 und 40 Jahre alt, teilte Christie’s nach der Auktion mit.

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Was hat die spektakuläre Versteigerung bewirkt?
NFTs erleben einen Boom. Nach Christie’s hat nun Sotheby’s nachgezogen. Mehrere Kunstwerke wurden inzwischen zum Teil für Hunderttausende Dollar, bei Sotheby’s für 16,8 Millionen verkauft. "Bei diesen hohen Summen werden viele hellhörig. Da herrscht bei einigen Goldgräberstimmung", sagt Noack. Laut Marktforschungswebsite NonFungible.com erreichte der gesamte NFT-Markt 2018 gerade einmal 42 Millionen US-Dollar, 2020 lag er bei 338 Millionen Dollar. 2021 dürfte er förmlich explodieren.
Warum boomt der Markt so?
Galerien sind derzeit zu, Messen und Aktionen nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Gleichzeitig boomen Kryptowährungen. Auch die Gaming-Branche, ein weiterer NFT-Hotspot, erfährt Zuwachs. Für viele Käufer dürfte NFT-Kunst reines Spekulationsobjekt sein. Sie bedient die Sehnsucht nach dem Original – und dem großen Geld.

Hype oder grundlegende Veränderung?
Eher eine Mode, meint Noack vom BBK. "Das ist ein Riesenfeld, das da gerade aufgemacht wird. Man guckt durch einen Türspalt und schafft es nicht mal, den ganzen Raum zu erkennen, sieht nur weitere Türen und denkt sich: Was ist das für ein abstraktes Universum!"

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Revolution auf dem Markt?
Das glaubt Kristian Jarmuschek nicht. Er ist Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler. "Das ist ein schönes Spiel für Leute, bei denen Geld keine Rolle spielt, aber weit davon entfernt, Standard zu werden", sagt er und spricht von Casino-Mentalität. "Ich beobachte die Entwicklung neugierig, weiß aber noch nicht, ob es das wirklich braucht, ob Aufwand und Nutzen der riesigen Datenmengen im Verhältnis stehen." Kritisch sieht er auch das Bezahlen in der Kryptowährung Ether. "Ist das ein Steuervermeidungssystem?", fragt sich Jarmuschek. Interessant findet er den Gedanken, mit Hilfe der Technik die Echtheit von Werken festzustellen. In der analogen Welt zählt dabei bislang noch seine Expertise. Ja, meint er, NFTs könnten der digitalen Kunst insgesamt einen Schub geben. "Aber noch haben die wenigsten im Wohnzimmer einen riesigen Flatscreen. Die meisten wollen ein echtes Bild an der Wand", sagt er.

Das Aus für klassische Kunstmessen?
"Wer bislang Bilder von Emil Nolde gesammelt hat, wird jetzt nicht Digitales sammeln", meint Ewald Schrade. Er ist Organisator der Kunstmesse Art Karlsruhe. Für Kunstmessen sieht er generell eine große Zukunft: "Ich bin davon überzeugt, dass das Erleben wirklicher Kunst nicht verzichtbar ist. Für DVDs geht keiner auf eine Messe." Digitale Kunst sei nichts Neues, wie man sie verkauft eine andere Sache. In den NTFs sieht Schrade eine Parallelwelt. Das Messeleben werde dadurch nicht beschädigt. Auf dem Kunstmarkt habe es immer Wellen, Auswüchse und Überraschungen gegeben: "Geblieben sind am Ende die Kunstwerke, nicht die Moden."

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Galeristen unter Druck oder mit neuen Chancen?
"Ich bin schon dran und möchte auch solche Kunst anbieten", sagt der Nürnberger Galerist Frank Fluegel. Gerade in der Pandemie sei das Handeln damit ausgesprochen vorteilhaft: "Man muss nichts verpacken, verschicken, verzollen. Alles geht per E-Mail." Auch die Künstler – etwa Mr. Brainwash oder Tracy Emin, die Fluegel vertritt – springen auf den Zug auf: "In atemberaubender Geschwindigkeit haben sie jetzt NTF-Kunst produziert". Fluegel beobachtet eine Dynamik, die es so noch nicht gab: "Jeff Koons oder Damien Hirst haben eine Lebenskarriere gebraucht, um mit ihren Werken die Schallmauer von einer Million Dollar zu durchbrechen. Jetzt schafft ein unbekannter Digital-Künstler 70 Millionen."
Vor allem Kunden aus dem Ausland fragen schon bei Fluegel nach, ob er NFT anbietet. Was ihn noch zögern lässt, ist die Art des Bezahlens über die Kryptowährung Ether. "Das ist komplex", meint der Nürnberger. Er glaubt, dass NFTs neue Käuferschichten für die Kunst erschließen können. Meint aber auch: "Das klassische Bild wird es immer geben."

Was sind Gefahren?
Die liegen eindeutig in der Klimaschädlichkeit. Denn Erzeugung und Verkauf eines einzigen NFTs erfordert ungeheure Rechnerkapazitäten. Der britische Künstler Memo Akten hat den Stromverbrauch von NFTs untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass ein NFT für einen CO2-Ausstoß von 136 Kilogramm verantwortlich ist. Das entspricht einer 700 Kilometer weiten Autofahrt. Während klar ist, dass NTFs Stromfresser sind, sind Fragen des Urheberrechts in Zusammenhang mit diesem globalen Phänomen noch völlig ungeklärt.

Wo führt das alles hin?
Das vermag noch niemand zu sagen. Marcel Noack hat eine Vision: "Es könnte eine Bewegung der Jungen geben, die sagen: Ich würde mir so ein digitales Kunstwerk kaufen, aber nur, wenn es CO2-neutral generiert wird." Bis zu einer digitalen grünen Kunst dürfte es aber noch ein weiter Weg sein.

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