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Museum als Verbindung zwischen Nürnberg und Flossenbürg?

Nazi-Täterort steht bei Weg zum Titel als Kulturhauptstadt im Fokus - 10.04.2020 05:57 Uhr

Jörg Skriebeleit (52) leitet seit 1999 die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Der promovierte Kulturwissenschaftler wuchs im oberpfälzischen Vohenstrauß auf und ist einer der Experten für den Wandel der Erinnerungskultur in Deutschland. In Kürze wird er an der Uni Regensburg als Direktor eines erinnerungsgeschichtlichen Zentrums lehren und forschen. © Foto: Michael Husarek


Nürnberg bewirbt sich um den Titel Kulturhauptstadt 2025. Natürlich spielt in der Bewerbung Nürnbergs Auseinandersetzung mit dem NS-Erbe eine herausragende Rolle. Sich dabei nur auf die Nabelschau zu konzentrieren, greife zu kurz. Da müsse mehr her, merkte die Jury nach der ersten Bewerbungsrunde an. Das "Mehr" könnte eine Kooperation mit der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg sein. Ein Interview mit Dr. Jörg Skriebeleit, dem Leiter der Gedenkstätte.

NN: Herr Dr. Skriebeleit, warum könnten sich Flossenbürg und Nürnberg ergänzen?

Skriebeleit: Flossenbürg ist historisch die Antithese zu Nürnberg. Nürnberg ist die Schauseite des Dritten Reiches. Und Flossenbürg ist der Abgrund. Denn in Konzentrationslagern wurden diejenigen vernichtet, die nicht zur Volksgemeinschaft gehören sollten. In Nürnberg wurde diese Volksgemeinschaft inszeniert.

Nürnberg tat sich lange Zeit schwer mit seiner Vergangenheit als Täterort, in Flossenbürg hat es mindestens so lange gedauert. Woran lag das?

Skriebeleit: Opferorte haben sich generell schwerer getan, weil sie die manifesten Orte der Verbrechen waren. Täterorte wie Nürnberg oder auch der Obersalzberg sind die Sichtbarmachung all derer, die dieses Regime gestützt haben. An Orten wie Flossenbürg, Buchenwald oder Dachau sind die Morde exekutiert worden, deshalb gab es dort ganz andere Abwehrreflexe.

Trotz dieser schwierigen Ausgangslage ist es Ihnen und Ihrem Team gelungen, Flossenbürg zu einer weit über die Oberpfalz hinaus akzeptierten Gedenkstätte zu machen.

Skriebeleit: Wir haben immer über den eigenen Tellerrand hinaus geblickt. Nürnberg war uns dabei von Anfang an wichtig, ich habe dort viel gelernt auch von Vereinen wie "Geschichte für Alle" und vom Dokuzentrum. Wir haben dennoch eine eigene Linie entwickeln müssen. Denn alles, was wir in Flossenbürg getan haben, glich einer Operation am offenen Herzen. Wir bewegen uns hier mitten im Dorf, in einem kleinen Ort. Wir bewegen uns also immer innerhalb einer Community.

Und was ist mit den Verbindungen nach Nürnberg? Die sind ziemlich gekappt.

Verteilung von Essen an Häftlinge im Steinbruch des KZ (im Hintergrund die Flossenbürger Burg). Die von ihnen abgebauten Granitsteine wurden unter anderem für den Bau des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg benötigt. © Foto: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg


Skriebeleit: Ich würde mich sehr freuen, wenn unser ursprünglicher Faden, den wir zu Nürnberg hatten, wieder aufgenommen würde. Denn die historischen Bezüge sind klar. Aber auch aktuelle Bezüge könnte man herstellen – dort die Auseinandersetzung mit dem Großrelikt Reichsparteitagsgelände, hier die mit dem Großrelikt Opferort, das sich vor allem am Steinbruch in Flossenbürg festmachen lässt. Das könnte man in eine interessante Beziehung setzen.

Dazu passt auch das Urteil der Kulturhauptstadt-Jury, Täter- und Opferort näher zusammenzubringen.

Skriebeleit: Das wäre absolut in unserem Sinne. Das Bewerbungsbüro ist auch sehr offensiv auf uns zugegangen. Sie hätten uns gerne dabei. Wir wollen uns da nicht an Nürnberg heranschmeißen oder aufdrängen. Vielmehr sehe ich das Potenzial, auch in künstlerischer Hinsicht. Wir arbeiten da an einem Memory-Lab, das in ein Museum "Kunst und Gewalt im 20. Jahrhundert" münden könnte. Vielleicht zunächst nur im Biennale-Format, später gerne mit Standorten in Nürnberg und in Flossenbürg.

Das klingt sehr spannend. Zumal Nürnberg nach einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem NS-Erbe sucht.

Skriebeleit: Genau. Ich bin mir relativ sicher, dass unsere Kooperation etwas werden kann. Wir werden diesen Weg der künstlerischen Intervention auf jeden Fall weiter beschreiten. Kunst ist für uns kein Selbstzweck, für uns braucht Kunst eine politische Kraft. Sie schafft neue Zugänge, die wir mit manchem pädagogischen Programm gar nicht erreichen würden. Das wäre gerade im Verhältnis Nürnberg-Flossenbürg spannend. Denn dabei geht es um die Spanne zwischen DEM Ort nationalsozialistischer Täter und einem der Vernichtungs-, der Opferorte.

. . . der aus Nürnberger Sicht durchaus als DER Opferort bezeichnet werden könnte . . .

Skriebeleit: Das ist vollkommen richtig. Denken wir an die räumliche Nähe, fallen einem sofort die großen Außenlagerkomplexe in Hersbruck oder Pottenstein ein. Denken wir aber auch an die Aussonderungen der Nürnberger Gestapo, die sowjetischen Kriegsgefangenen, die nach Flossenbürg geschickt wurden. Die Bezüge sind evident.

Und der größte, in Nürnberg bis heute omnipräsente Bezug sind die Granitsteine, die in Flossenbürg von den KZ-Häftlingen geschlagen wurden – unter unvorstellbaren Qualen, die nicht selten zum Tod führten. Mit diesen Steinen wurde am Reichsparteitagsgelände gebaut.

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Skriebeleit: Genau. In Nürnberg wurde, etwa beim Bau der Kongresshalle, schon vor der Gründung eines Konzentrationslagers Flossenbürger Granit verbaut. Die Errichtung des KZ im Jahr 1938 erfolgte aufgrund dieser und anderer Granitlieferungen.

Danach wird Granit auf die Großbaustelle des Reichsparteitagsgeländes nach Nürnberg geliefert. Der wird nicht mehr verbaut, weil die Bauarbeiten ruhen. Aber das Deutsche Stadion hätte zum großen Teil aus Flossenbürger Granit errichtet werden sollen. Die Steine wurden beim Wiederaufbau in unterschiedlichsten Gebäuden der Stadt verbaut.

Reden wir über Geld: Nürnberg hat die Zusage, dass insgesamt 85 Millionen Euro in die Sanierung, oder wie die Stadt betont: Trittfestmachung der Zeppelintribüne und des Zeppelinfeldes, gesteckt werden – bei einer vergleichsweise geringen Eigenbeteiligung der Kommune. Blicken Sie neidisch auf diese Summe?

Skriebeleit: Man kann nicht guten Gewissens behaupten, dass in Bayern in den letzten Jahrzehnten nicht auch in die Opferorte investiert worden ist. Was nun aber in Täterorte wie Nürnberg oder den Obersalzberg fließen soll, wird häufig als Missverhältnis in den Größenordnungen wahrgenommen – das wird uns vor allem aus dem Ausland gespiegelt.

Es geht nicht darum, in eine numerische Konkurrenz zu treten. Es geht darum, ein Signal auszusenden, dass auch Großrelikte wie der Steinbruch in Flossenbürg oder der Kräutergarten in Dachau eine erinnerungspolitische Aufmerksamkeit erhalten sollen.

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Was soll auf dem ehemaligen KZ-Steinbruch in Flossenbürg genau passieren?

Skriebeleit: Es handelt sich um ein Areal von 20 Hektar mit sechs denkmalgeschützten Gebäuden. Dieser Steinbruch wird immer noch von einem privaten Pächter weiterbetrieben, doch das wird spätestens Ende 2024 vorbei sein. Wir stehen vor einer großen Aufgabe, die übrigens mindestens so groß sein wird wie die in Nürnberg.

Die Frage lautet dabei: Was macht man mit diesem zentralen Relikt, das es in diesem Erhaltungszustand so in Europa kein zweites Mal gibt? Gestalten wir dieses Gelände? Wenn ja, wie?

Skriebeleit: Hier gibt es zum Beispiel eine Treppe mit 220 Stufen, die in den Steinbruch hinabgeführt hat. Trittfestmachung wäre hier sicher der falsche Weg – es geht um das Bewahren der Authentizität. Dafür haben wir die finanziellen Mittel noch nicht in der Tasche. Wir haben noch nichts.

Sie jammern darüber gar nicht . . .

Skriebeleit: Nein, weil wir uns hier in Flossenbürg immer erst mit der inhaltlichen Planung beschäftigt haben. In Nürnberg, so ist zumindest mein Eindruck, hat man erst die 85 Millionen Euro geholt und macht sich jetzt Gedanken über Konzepte. Wir gehen genau den anderen Weg, der aus meiner Sicht nachhaltiger und innovativer ist. Ich sehe ein großes künstlerisches Potenzial. In Nürnberg holt man Geld und macht sich dann Gedanken.

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