Dritter Roman

Nürnbergs Erfolgsautor Timur Vermes schickt uns in "U" auf einen Horror-Trip

Johannes Alles
Johannes Alles

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4.11.2021, 10:33 Uhr
Denkt gern um die Ecke: Timur Vermes sieht sich als Nürnberger, Fürther und, ja, auch als Münchner.

Denkt gern um die Ecke: Timur Vermes sieht sich als Nürnberger, Fürther und, ja, auch als Münchner. © Michael Matejka

Herr Vermes, als vor drei Jahren Ihr zweites Buch erschien, warb Ihr Verlag dafür mit den Worten "Vom Autor von 'Er ist wieder da'". Ist das heute noch so? Ist Ihr erstes Buch immer noch größer als Ihr Name?
Timur Vermes: Nein und Ja. Tatsächlich kennen heute noch immer mehr Menschen den Titel "Er ist wieder da" als meinen Namen. Ist auch in Ordnung. Besser als: ein unbekannter Name mit einem unbekannten Buch (lacht). Es wäre nur diesmal nicht okay, "U" anzukündigen mit: "Für alle Fans von 'Er ist wieder da'". Damit würde man den Leser in die falsche Richtung schicken.

Tatsächlich unterscheidet sich "U" fundamental von den Vorgängerromanen, in denen Sie satirisch große Themen wie Extremismus bzw. Migration aufgearbeitet haben. War das der große Drang, etwas ganz Neues auszuprobieren?

Vermes: Nein. Meine Spielregel ist einfach: Ich schreibe, was mich gut unterhält. Und "U" hat mich extrem gut unterhalten.

Das scheint der Segen des Erfolgs zu sein...
Vermes: Sagen wir's so: Ich habe keine Sorgen um die Miete und keinen Betrieb mit 35 Angestellten zu führen. Also kann ich auch Dinge tun, die wenig Geld bringen, aber dafür Spaß. Ich übersetze Bücher, bespreche und empfehle Comics, erarbeite Autoren-Workshops und Anti-Hitler-Seminare. Und ich schreibe Bücher wie "U". Einfach mal keine Politsatire, sondern eine gruselige Geschichte, wie ich sie selbst gern hätte. Skurrile Story, extrem kurze Sätze, grafische Effekte... Ich hatte die Geschichte erst als Drehbuch geschrieben, aber das liest heute niemand mehr. Also brauchte ich eine andere Lösung. Die schnellen Dialoge bleiben, aber dazwischen lesen wir, was die Hauptfigur im Kopf wahrnimmt. Keiner denkt ja: "Ich hätte jetzt gerne eine Tasse Kaffee." Man denkt höchstens "Kaffee", vielleicht nur "warm" und an den ersten Schluck und "ahhhh!" Das ist eine Art Wahrnehmungsdeutsch, aus Halbsätzen, Eindrücken. Und das liest sich so rasant, wie wir auch denken.

Haben Sie keine Angst, mit diesem neuen Stil treue Fans zu verprellen?
Vermes: Hab ich eine treue Fangemeinde? Eher nicht. Ich verkaufe ja kein Abo-Modell, für das der Leser im voraus bezahlt und dafür sieben Politsatiren kriegt. Ich bin eher ein Lokal mit wechselnder Speisekarte: Man geht hin, weil man dem Koch vertraut.

Ein Wagnis?
Vermes: Kein großes, ich will die Leser ja nicht quälen, sondern verführen. Ich empfehle: Testen Sie beim Buchhändler die ersten fünf Seiten. Sind keine fünf Minuten, zack, zack, da rutschen Sie von einer Zeile in die nächste und schon haben Sie wieder eine Seite geschafft, und dann wird’s auch noch gruselig, und plötzlich sagt der Buchhändler: "Ahem, wir schließen jetzt." Wenn der Leser hinterher sagt, das war merkwürdig, aber irgendwie gut, und das Buch einer Leserin in die Hand drückt, dann würde mich das freuen.

Die in der U-Bahn gestrandeten Hauptpersonen erleben etwas Surreales, etwas Fiktionales, das am Ende auch nicht aufgelöst wird. Oder habe ich da etwas überlesen?
Vermes: Wer weiß, vielleicht haben wir’s beide überlesen. Ich weiß nur, manches im Leben lässt sich nicht auflösen. Ein Nichtraucher kriegt Lungenkrebs. Tja. Ich mag Filme nicht, wo es am Schluss heißt, ah ja, die seltsamen Dinge sind passiert, weil das Haus auf einem Indianerfriedhof steht. Bauen wir halt woanders. Das ist mir zu aufgeräumt. Ich mag Filme, die nicht so aufgeräumt sind.

Zum Beispiel?
Vermes: "Julia & Julia" von 1987 mit Sting und Kathleen Turner. Seeehr unaufgeräumt. Gibt’s nicht mal auf DVD.

Wie kamen Sie auf die Idee mit dem Horrortrip in der U-Bahn. Hat U-Bahnfahren Sie traumatisiert?
Vermes: Nö. Aber den Moment kennen doch alle, oder? Jetzt müsste langsam mal die nächste Station kommen. Oder im Lift: "Eins? Wieso immer noch Eins? Da stand doch vorhin auch schon Eins!"

Und wie nutzen Sie Ihre Zeit, wenn Sie nicht über Bücher nachdenken oder schreiben?
Vermes: Ich lese Comics und schaue Filme.

Das Cover vom neuem Roman

Das Cover vom neuem Roman "U". © Verlag Piper

Haben Sie je eine Empfehlung?
Vermes: "Gung Ho" von Thomas von Kummant und Benjamin von Eckartsberg. Action, erste Liebe, eine Welt voller Monster. Film: "Blair Witch Project". Wenig Aufwand, wenige Zutaten, billige Kamera: totale Panik. Super.

Wenige Zutaten – das trifft auch auf "U" zu...
Vermes: Ja. Zwei Leute in einem Raum. Das reizt mich mehr, als noch 20.000 Teile reinzumischen.

Geht's beim nächsten Mal wieder zurück zur Satire?
Vermes: Mal sehen, was auf dem Speiseplan steht. Im Frühjahr gibt’s eine neue Tageskarte.

In Ihrer Vita steht, Sie seien Nürnberger, Fürther, Münchner... genau in dieser Reihenfolge?
Vermes: Schon. In Nürnberg bin ich aufgewachsen. Eberhardshof, Muggenhof, rund um die Quelle. In Fürth war ich im Helene-Lange-Gymnasium, dort bin ich abends mit Schulfreunden ausgegangen. Aus Fürth kommt meine Frau.

Wie würden Sie die beiden Städte charakterisieren?
Vermes: Bodenständiger als München oder Berlin. Skeptischer. Authentischer, überprüfbarer. Weniger Influencer, was vermutlich kein Zufall ist. Aber beide machen zu wenig aus sich, immer noch.

Warum sind Sie damals nach München gezogen?
Vermes: Die großen Verlage, Magazine sind in München, Hamburg, Berlin, also waren das für freie Journalisten die sinnvollsten Standorte. Damit die Wege zu den Auftraggebern kurz sind. Damals schickte einen ja noch keiner ins Home-Office.

Kommen Sie oft nach Franken?
Vermes: Alle 14 Tage, meine Mutter lebt in Nürnberg. Was auch eine gute Gelegenheit für Bratwürste ist. Fränkische, wenn möglich. Die sind anderswo einfach schwer zu bekommen.

Timur Vermes liest aus seinem neuen Buch am 16. November, 19 Uhr, im Literaturhaus Nürnberg.