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Orfeo-Opernfilm: Warum er so gut in die Corona-Zeit passt

Staatstheater hat die Inszenierung nun fürs Streaming bearbeitet - 14.05.2021 16:02 Uhr

Das Glück der Hochzeit ist kurz. Bald wird Euridice sterben und Orfeo zu einer gewaltigen Reise in die Unterwelt aufbrechen müssen.

14.05.2021 © LUDWIG OLAH


Ach, Orfeo hat den Weg zurück aus der Unterwelt des Corona-Totenreichs noch immer nicht gefunden! Das möchte man ausrufen, wenn man jetzt die Filmfassung von Claudio Monteverdis sich fast mystisch aus dem Dunkel der Geschichte schälenden ersten Oper der Neuzeit sieht.

Am 2. Oktober vergangenen Jahres eröffnete das Staatstheater Nürnberg mit diesem "L'Orfeo“ eine Spielzeit der Hoffnung: auf Öffnung und Ende eines da schon monatelang währenden Lockdowns, der nicht zuletzt die Kultur zum Schweigen verurteilte.

Das geschah in einer von Staatsintendant und Regisseur Jens-Daniel Herzog klug auf rund 80 Minuten reduzierten Fassung der Barockoper. Diese wurde von Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz in Zusammenarbeit mit dem Dirigenten und Komponisten Frank Löhr zugleich um knappe Zitate anderer Musikstile und zeitgenössischer Elemente erweitert.

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"L'Orfeo": So lief die Nürnberger Opern-Premiere in Corona-Zeiten

Mit der Premiere von Claudio Monteverdis Oper "L'Orfeo", eine der ältesten Opern überhaupt, wurde am Opernhaus eine sechsmonatige Durststrecke nach der coronabedingten Zwangspause beendet. Wir zeigen entscheidende Momente der Inszenierung von Staatsintendant Jens-Daniel Herzog, es dirigiert GMD Joana Mallwitz.


Wie wir alle wissen, kam es anders. Statt der Wiederbelebung von Schauspiel- und Sangeskunst auf der Bühne sollte ein zweiter, noch längerer und wintertrüber Lockdown folgen, der bis heute andauert. Denn er steht unter dem unerbittlichen Regime des Inzidenzwerts 100, dessen dauerhaftes Überschreiten jegliches Theater vor Publikum unterbindet.

Deshalb hat Herzog mit dem Filmregisseur Hans Hadulla eine filmische Version dieses "L'Orfeo“ erarbeitet. Der Bayerische Rundfunk (BR) ist Ko-Produzent, und seit Christi Himmelfahrt ist dieses künstlerische Lebenszeichen der Opernsparte des Staatstheaters in der ARD-Mediathek, den Internetplattformen des BR und dem Digitalen Fundus des Staatstheaters als Streaming-Angebot abzurufen.

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Die bewegte Geschichte des Nürnberger Opernhauses

In den nächsten Jahren steht die Generalsanierung des Opernhauses bevor. Obwohl das Staatstheater und die Stadt dieses Mammutvorhaben bereits planen, sind viele Details noch unklar, ebenso der Zeitplan. Dabei dürfte in dem Gebäude kaum ein Stein auf dem anderen bleiben. Das 1905 eröffnete Opernhaus blickt auf eine lange, turbulente Vergangenheit zurück. Hier ein Überblick.


Mit der Filmkamera rückt man den Protagonisten um Orfeo (Martin Platz) und seiner geliebten Euridice (Julia Grüter) optisch viel näher als ein Zuschauer im Opernhaus. Bunt und fröhlich feiern sie Hochzeit, bevor Euridice am Biss einer Schlange stirbt und alles Leben und Farbe aus der Welt und dieser Inszenierung weichen.

Die wechselnden Kameraperspektiven der Filmfassung rücken nicht nur Sängerinnen und Sänger – die auch chorisch agieren – direkt ins Bild, sondern ebenfalls die Instrumentalisten und GMD Joana Mallwitz.


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Sie navigiert souverän die weiträumig im Graben, in den Proszeniumslogen und auf den Rängen des Intensivpatienten Opernhaus (Baumängel! Brandschutz! Totaler Sanierungsbedarf! Ungewisse Prognose!) verteilten Musiker.

Dass Close-Ups, also Nahaufnahmen, bei Opernsängern nicht immer vorteilhaft wirken, ist bekannt. In dieser Produktion sieht man auch, dass die Tanz-Choreografien, zum Beispiel der Hochzeitsszene, ein wenig unbeholfen wirken.

Ganz nah dran an den Sängern ist man beim Opernfilm "L'Orfeo": hier Martin Platz in der Titelpartie.

14.05.2021 © LUDWIG OLAH


Doch was leicht in eine parodistische Richtung abdriften könnte, wirkt hier, beim Feiern wie beim verzweifelten Ansingen Orfeos gegen die Hartherzigkeit des Fährmanns (Wonyong Kang), sympathisch menschlich. Man sieht, wie sich die mythische Urfigur des Sängers und Poeten, dessen Künste die Götter der Unterwelt erweichen und Tote ins Leben zurückholen sollen, hier abmüht – und wie sein Scheitern letztlich unvermeidlich ist.


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Kein Happy End für das Leben, Musik und Gesang entfernen sich und verwandeln sich apotheotisch in – hier durch die Distanz von Stream und Screen unmittelbar demonstriert – entrückte Kunst. Ein Trost? Nicht wirklich! Hoffnung? Ja, das Leben und die Kunst werden weiterleben.

Doch im Moment befinden wir uns immer noch im Hades dieser unberechenbaren Pandemie. Dieser "L'Orfeo“ lässt uns wenigstens das intensiv spüren.

Abrufbar auf www.br-klassik.de/concert; www.br.de/kultur; www.ardmediathek.de/klassik und https://staatstheater-nuernberg.de
Im Fernsehen: ARD-alpha am Sonntag, 13. Juni, 21.50 Uhr und BR-Fernsehen, Dienstag, 15. Juni, 0.35

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