Auf Marc-Uwe Klings Spuren

Poetry Slam: Der deutschsprachige Meister wurde in Nürnberg gekürt

10.10.2021, 16:23 Uhr
Auch das gehört – nicht nur in der Nürnberger Meistersingerhalle – zum Konzept: Die Punkte für die Auftritte der Teilnehmenden vergibt das Publikum.

Auch das gehört – nicht nur in der Nürnberger Meistersingerhalle – zum Konzept: Die Punkte für die Auftritte der Teilnehmenden vergibt das Publikum. © Foto: Roland Fengler

Sprungbrett für Stars der Kunst- und Kulturszene, so steht es im Programmheft. Noch vor dem geplanten Ablauf des Abends. Wie eine Rechtfertigung. Mit starken Argumenten in Form von Personen wie Marc-Uwe Kling, Nora Gomringer oder Hazel Brugger. Alles heute bekannte Künstler, die mal an Poetry Slams teilgenommen hatten.

Seit den 90ern machen Poetry Slams aus Literatur ein Event. So die Idee. Die Poeten dürfen etwa fünf Minuten lang einen eigenen Text lesen. Requisiten verboten. Dann folgt die Bewertung durch eine neunköpfige Jury, die aus Menschen im Publikum besteht. Teilnehmende wie Zuschauende sind bei Slams meist zwischen 18 und 30 Jahre alt.

Nicht ausverkauft

An den vergangenen Tagen fanden in der ganzen Region verschiedene Veranstaltungen der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften statt. Hier ein Halbfinale im Bayreuther Reichshof, da ein Halbfinale im Erlanger E-Werk. Inklusive Teamfinale in der Nürnberger Meistersingerhalle am Samstagnachmittag.

Höhepunkt: das Einzelfinale am Samstagabend ebendort. 999 Zuschauer durften dank Hygienekonzept in den Saal, ganz ausverkauft war der Abend nicht, wie Moderator Michael Jakob in einem Nebensatz verriet. Beim Applaus für die beliebtesten Beiträge fiel dies nicht auf.

Künstliche Aufregung

Die Finalisten traten in drei Gruppen zu je vier Personen an. Wer mit Text und Vortrag die höchste Wertung in der Gruppe bekam, zog ins Stechen ein. In den besten Momenten zeigten Poeten wie Henrik Szanto, dass nicht nur laute und aufdringliche Texte einen Raum bei solchen Veranstaltungen haben. Bei ihm ging es um seinen Vater, Ungarn und die Sehnsucht nach Freiheit. "Frage Dich, was bleibt", sagte Szanto in den stillen Saal.

Von vielen anderen Poeten gab es hingegen den kleinsten gemeinsamen Nenner: aufregen. Leute, die an Sternzeichen glauben? Blöd. Kollegen im Büro? Blöd. Leben auf dem Land? Blöd. Sport-BHs? Besonders blöd. Am Ende fehlte diesen Texten meist die Struktur. Was das Publikum nicht störte. Es gab trotzdem munter hohe Wertungen. Als die letzte Teilnehmerin Lotta Emilia dann ihren sehr ernsten Text über sexuelle Belästigung im Alltag vortrug, fegten ihre Worte all diese künstliche Empörung über Banales weg. Sie stand am Ende völlig zurecht mit David Friedrich und Florian Wintels im finalen Stechen.

Zerplatzte Träume

Dort trat Emilia mit einem Text über zerplatzte Träume aus WG-Zimmern an, Wintels arbeitete sich an Jugendfußballtrainern ab. Alles erhielt großen Applaus und Begeisterung.

Dann trat David Friedrich aus München auf die Bühne. Hatte er den Abend noch mit einem Stück über die irrationalen Ängste der Konservativen vor grüner Politik eröffnet, trug er nun fünf Minuten Selbstreflexion über Depressionen und Angststörungen vor. Kein Text traf so sehr, wühlte das Publikum so sichtlich auf. Auch weil Friedrich eine sehr direkte Sprache fand. Was ihm den Titel des deutschsprachigen Meisters im Poetry Slam einbrachte.

Im nächsten Jahr finden die Meisterschaften in Wien statt. Dort ist es vielleicht noch zu früh, doch es wäre Friedrich zu wünschen, dass sein Name in einem der nächsten Programmhefte auftaucht. Als einer der Künstler, deren Namen nicht nur die Slam-Szene kennt und die "das Sprungbrett für Stars der Kunst- und Kulturszene" genutzt haben.

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