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Neue Wirtschaftsordnung: Mit Gemeinwohl besser durch die Krise?

Verfechter wie der Ex-Sparda-Banker Günter Grzega sehen sich bestärkt - 14.05.2020 19:09 Uhr

Bereits in Zeiten weit vor Corona formulierten 2016 Demonstranten in Frankfurt bei Protesten gegen das Handelsabkommen TTIP diese Zielrichtung. © Foto: Boris Roessler/dpa


Seit Jahren setzt sich der einstige Chef der Sparda Bank München dafür ein, dass dieses neue Wirtschaftsmodell Einzug in die deutsche Unternehmenskultur hält. Die Idee, die hinter der Gemeinwohl-Ökonomie steht, lautet kurz gesagt: Die Wirtschaft soll sich wandeln zu einer ethischen Marktwirtschaft, in der nicht die Vermehrung von Geldkapital als Maxime gilt, sondern das gute Leben für alle.

Genau hier setzt der Top-Banker im Ruhestand an. Hätte sich dieses Leitbild in unserer Gesellschaft schon durchgesetzt, dann hätte in der aktuellen Pandemie beispielsweise niemand befürchten müssen, dass das Gesundheitswesen an seine Grenzen stößt, sagt Grzega.

Warum? Weil der neoliberale Ansatz, der lange weitgehend unangefochten das Denken nicht nur hierzulande bestimmt hat, das Gesundheitswesen in Schieflage gebracht habe, argumentiert der Manager. Denn Privatisierungen und strikte Profitorientierung seien es gewesen, die zu eben jenen Engpässen geführt haben, die uns aktuell umtreiben: den Mangel an Masken etwa oder die Sorge um ausreichende Intensiv-Betten. Und schon vor Corona haben immer wieder Lieferschwierigkeiten Patienten gefährdet, da viele Medikamente nicht mehr in Deutschland, sondern günstiger im Ausland produziert werden.


Kommentar: Was der Staat beitragen kann, um das Gemeinwohl zu stärken


Für Grzega, der seine Karriere einst bei der Bahn gestartet hat, ist deshalb klar: Jene Lebensbereiche, die für uns alle eine fundamentale Bedeutung haben, gehören nicht in die Hände profitorientierter Unternehmen. Gesundheit, öffentlicher Verkehr, Wasserversorgung: All dies müsse von der öffentlichen Hand geführt werden, wahlweise auch von einer gemeinnützigen GmbH oder einer Stiftung, so Grzega.

Zugleich setzt er darauf, dass sich immer mehr private Unternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie verpflichten. Ins Leben gerufen hat die Gemeinwohlinitiative der Österreicher Christian Felber.

Günter Grzega, ehemaliger Vorstandschef der Sparda Bank München. © Foto: privat



Der Salzburger will erreichen, dass die ökonomischen Akteure jene Werte berücksichtigen, die dem Gemeinwohl dienen. Nicht der Finanzgewinn dürfe oberste Maxime sein. Vielmehr müsse berücksichtigt werden, wie Unternehmen mit ihren Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden umgehen, fordert Felber.

Gemessen wird dieses Verhalten anhand der Werte, die in einer sogenannten Gemeinwohl-Matrix zusammengefasst sind. Neben vielen anderen Punkten geht es dabei um die Ausgestaltung der Arbeitsverträge, um ökologische Nachhaltigkeit in der Zulieferkette und um ethische Haltung im Umgang mit Geldmitteln. Sämtliche Informationen fließen in die Gemeinwohlbilanz, die die Unternehmen zusätzlich zu ihrer normalen Bilanz erstellen.

Die Sparda Bank München war einer der Pioniere auf diesem Gebiet. Seit 2011 hat sich das genossenschaftliche Geldhaus dem Gemeinwohl verpflichtet – und fährt nach Angaben Grzegas gut damit. Von den jährlich 10 000 neuen Kunden entschieden sich ein Viertel für die Bank, weil sie eine Gemeinwohlbilanz erstelle, berichtet der Ex-Chef des Instituts. Und aktuell arbeiteten allein in Oberfranken sechs Unternehmen an ihrer Gemeinwohlorientierung.

Bald werde ohnehin keine zukunftsorientierte Firma mehr an dem Thema vorbeikommen, ist Grzega überzeugt. Dafür sorgten allein die 17 Kriterien zur sozialen und ökologischen Unternehmensführung, die die Vereinten Nationen bis zum Jahr 2030 umgesetzt haben wollen.

Informationen zur Gemeinwohl-Ökonomie (englischsprachig): www.ecogood.org

MARKUS HACK

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