Erholsam durch die Nacht

Schlafmittel: Wie wirksam sind eigentlich rezeptfreie Medikamente?

Azeglio Elia Hupfer
Azeglio Elia Hupfer

Online-Redaktion

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11.8.2021, 10:46 Uhr

Der Mensch schläft durchschnittlich etwa ein Drittel seiner Lebenszeit. "Schlaf ist für Menschen überlebensnotwendig und spielt eine wesentliche Rolle im Rahmen biologischer und psychischer Regenerationsprozesse", heißt es in einer Studie des Robert Koch-Instituts. Schlafmangel kann unter anderem zu Stress und Erschöpfung führen, die Konzentrationsfähigkeit verschlechtern, sich negativ auf den allgemeinen Gesundheitszustand, das psychische Wohlbefinden und den Umgang mit sozialen Kontakten auswirken.

Die Krankenkasse Barmer kam 2019 in ihrem Gesundheitsreport zu dem Ergebnis, dass alleine in Bayern mehr als 311.000 Beschäftigte unter einer ärztlich attestierten Ein- und Durchschlafstörung leiden. Laut einem Gesundheitsreport der Krankenkasse Dak sehen sich gar 80 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland von Schlafproblemen betroffen. Eine weitere Erkenntnis: Insgesamt lassen sich nur wenig Betroffene ärztlich behandeln, viele versuchen die Probleme mit rezeptfreien Mitteln zu lösen.

Stiftung Warentest bewertet rezeptfreie Schlafmittel

Stiftung Warentest hat 55 rezeptfreie Schlafmittel untersucht - das Ergebnis ist ernüchternd. Die meisten Müdemacher schnitten schlecht ab. Bewertet wurden unter anderem Anti­histaminika, Baldrianpräparate, Tees und Nahrungs­ergän­zungs­mittel. Nur zwei Gruppen von Präparaten empfehlen die Gutachter.

Antihistaminika als Einschlafhilfe

Als Schlafmittel geeignet empfiehlt Stiftung Warentest Präparate mit den Wirkstoffen Diphenhydramin und Doxylamin. Beide zählen zu den Antihistaminika und bremsen allergische Reaktionen. Zudem gelangen Diphenhydramin und Doxylamin ins Gehirn, dort wirken sie dämpfend, weshalb sie auch als Schlafmittel Verwendung finden.

Beide Wirkstoffe waren früher in Heuschnupfenmitteln zu finden. Heute nicht mehr, da sie müde machen - anders als neuere Antihistaminika. Die bei Heuschnupfenmitteln negative Nebenwirkung wird heute zur Behandlung von Schlafstörungen positiv genutzt.

Präparate mit Diphenhydramin und Doxylamin sollten nur wenige Tage, höchstens zwei Wochen genommen werden, um Nebenwirkungen zu vermeiden. Bei längerem Gebrauch kann sich der Körper an die Substanzen gewöhnen und die Wirkung nachlassen.

Die Tester empfehlen mit dem Wirkstoff Diphenhydramin die Präparate Betadorm-D, Halbmond und von Vivinox Sleep die Schlaftabletten stark sowie die Schlafdragees. Mit dem Wirkstoff Doxylamin wurden die Mittel Gittalun, Hoggar Night und Schlafsterne als geeignet empfohlen.

Schlafmittel: Baldrian mit Einschränkung geeignet

Präparate mit Baldrian sind häufig als Schlaf- und Beruhigungsmittel zugelassen. Allerdings liegen kaum hoch­wertige klinische Studien vor, die den Nutzen bestätigen. Stiftung Warentest hat 33 Mittel mit Baldrian untersucht. Bei acht Präparaten war die therapeutische Wirksamkeit "noch am besten belegt", so die Gutachter. Sie seien mit Einschränkung geeignet und die Dosierung ausreichend hoch.

Die Tester empfehlen sechs Präparate nur mit Baldrian: Abtei Baldrian Forte Beruhigungs­dragees, Baldriparan Stark für die Nacht, Euvegal Balance 500, Klosterfrau Nervenruh Baldrian Forte 600, Sedonium 300 mg und Tetesept Baldrian Schlaf-Dragees Für die Nacht. Dazu kommen noch zwei Kombinationen aus Baldrian und Hopfen: Abtei Nacht­ruhe Baldrian + Hopfen Einschlafdragees und Klosterfrau Nervenruh Einschlafdragees.

Notleidende, die auf Baldrian-Mittel zurückgreifen, sollten Geduld mitbringen, denn bis die volle Wirkung einsetzt, braucht es bei Baldrian oft mehrere Tage bis Wochen. Vorteil bei den Präparaten: Sie verursachen kaum Nebenwirkungen.

Tees zum Einschlafen schneiden schlecht ab

"Immerhin mag das Ritual eines Guten-Nacht-Tees wohltun und beruhigen", trösten die Gutachter, denn viel mehr trauen sie dem Schlaftrunk nicht zu. Alle neun getesteten Tees sind laut Stiftung Warentest wenig geeignet. Bestimmte Pflanzen wie unter anderem Baldrian, Melisse oder Hopfen seien zwar schonend für den Körper und in vielen Schlaf-Tees enthalten, doch die Wirksamkeit solcher Zubereitungen sei nicht ausreichend durch klinische Studien nachgewiesen.

Vorsicht bei Nahrungsergänzungsmitteln

Die Gutachter nahmen auch sechs Präparate unter die Lupe, die als Nahrungsergänzungs- oder diätetische Lebensmittel vermarktet werden. Im Unterschied zu Arzneien brauchen diese Mittel keine behördliche Prüfung und Zulassung. "Überzeugende Nachweise für den Nutzen liegen uns bei keinem der sechs getesteten Mittel vor", rät Stiftung Warentest von der Nutzung und sieht sie als wenig geeignet im Kampf gegen die Schlaflosigkeit.

Konkret ging es um die Präparate: Cherry Plus Silence Nacht-Formulierung, Sleep2Relax, Zein Pharma L-Tryptophan 500 mg, Alsiroyal Gut Einschlafen Melatonin hochdosiert, Dreamquick Schlaf-Optimierer und Green Doc Schneller Einschlafen.

Viele Nahrungsergänzungsmittel, die beim Einschlafen helfen sollen, beinhalten Melatonin. Das Hormon wird vom Körper selbst hergestellt und macht müde. Der schlaffördernde Effekt durch die zusätzliche Zufuhr von Melatonin-Präparaten fällt laut bisherigen Studien höchstens gering aus. Insgesamt ist die Studienlage dürftig.

Schlafprobleme? Ab diesem Zeitpunkt sollten Sie zum Arzt gehen

Stiftung Warentest warnte in seinem Testbericht auch vor rezept­pflichtigen Medikamenten für Ein- und Durch­schlafs­törungen. Viele der Schlafmittel könnten bereits nach wenigen Wochen in die Abhängigkeit führen, so die Gutachter. Wer länger als etwa vier Wochen mit Schlafproblemen zu kämpfen hat, sollte zum Arzt gehen.

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