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Ehemaliger Wirtschaftsminister Werner Müller ist tot

"Ruhrbaron" ebnete dem Revier den Weg aus der Kohle - 16.07.2019 14:35 Uhr

Werner Müller als damaliger Vorstandsvorsitzender der RAG-Stiftung. Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister starb in der Nacht zum Dienstag an den Folgen einer Krebserkrankung. © Roland Weihrauch, dpa


Energie und Klaviermusik - das waren Konstanten im Leben von Werner Müller. In der Nacht zu Dienstag ist der Manager und Politiker, der das sozialverträgliche Ende des Steinkohlenbergbaus in Deutschland organisiert und die ersten Beschlüsse zum Atomausstieg verhandelt hat, an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Er wurde 73 Jahre alt und hinterlässt seine Frau und zwei erwachsene Kinder.

"Ein echtes Jahrhundertwerk" habe Müller mit der RAG-Stiftung hinterlassen, würdigte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) den gebürtigen Essener. Die Stiftung soll dafür sorgen, dass die Ewigkeitslasten der Kohleförderung nicht vom Steuerzahler beglichen werden müssen. Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) nannte Müller "einen großen Wirtschaftslenker".

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Müller wurde gerne als der letzte große Ruhrbaron traditioneller Prägung beschrieben. Für einen deutschen Manager hatte Müller einen ungewöhnlichen Berufsweg. Sein Klavierstudium an der Musikhochschule in Mannheim habe ihn deutlich mehr als die parallel belegte Volkswirtschaft erfüllt, berichten Wegbegleiter.

In der Energiebranche machte dem promovierten Sprachwissenschaftler niemand so schnell etwas vor. Er arbeitete für den Stromriesen RWE und den Konkurrenten Veba, eine der Vorgängerinnen des heutigen Eon-Konzerns. Kernkraft und Kohle waren da seine Themen.

Erster Anlauf zum Kohleausstieg

Müller beherrschte die feine Ironie. Etwa wenn er erzählte, wie er 1998 Bundeswirtschaftsminister wurde. Gerhard Schröder habe ihn überraschend zu Hause angerufen und nach Bonn bestellt - im Anzug. Müller war zu dem Zeitpunkt noch im Morgenmantel, schaffte es aber rechtzeitig. Auf der Autobahn habe er dann aus dem Radio den Grund der überstürzten Fahrt erfahren, erzählte Müller gerne mit leicht spöttischem Unterton. Der eigentlich für den Posten vorgesehene Quereinsteiger Jost Stollmann war kurz vor Ende der Koalitionsgespräche abgesprungen. Für die rot-grüne Bundesregierung verhandelte der parteilose Müller den ersten Anlauf zum Kohleausstieg.

Müllers wichtigste Lebensleistung bleibt, den Bergleuten über die Stiftungslösung den Weg zum Ausstieg aus der unrentabel gewordenen Kohle ohne Massenproteste und dramatische Kündigungswellen gewiesen zu haben. Stattdessen wurden die Belegschaften der Zechen schrittweise und sozialverträglich mit Unterstützung staatlicher Förderung über viele Jahre abgebaut. Nur wenige hundert Beschäftigte bleiben dauerhaft - von mehr als 500 000 allein im Ruhrgebiet in den besten Zeiten vor Beginn der Kohlekrise Ende der 1950er Jahre.

Stiftung für den Bergbau

Müller, der seit 2003 Chef der RAG war, spaltete Nicht-Kohleunternehmen aus dem bunt zusammengewürfelten RAG-Konzern ab. Die Chemiesparte formte er zum lukrativen Evonik-Konzern. Aus den Einnahmen und Zinseinkünften sammelt die 2007 gegründete Stiftung Geld für die dauerhaften Lasten des Bergbaus, etwa für das dauerhafte Abpumpen von Grubenwasser. Viele Milliarden Euro hat die Stiftung schon zurückgelegt.

Bei aller Tatkraft passte Müller nicht in das Klischee eines Chefs in der harten Malocherbranche Steinkohle. Er spielte privat mit Begeisterung Klavier. Bei der Arbeit hörte er gern klassische Musik - am liebsten Bach. Müller sprach leise und wägte seine Worte genau - ein intellektueller und traditionsbewusster Querdenker im korrekten Dreiteiler, der selbst ungern Handys nutzte und Duzen im Büro ablehnte.

Seit 2012 an der Spitze der Stiftung wollte Müller noch lange die Kultur im Ruhrgebiet fördern - seine große Leidenschaft. Müllers Vertrag lief bis 2022. Doch schon Ende Februar vergangenen Jahres zwang ihn die schwere Erkrankung, den Rücktritt vom Stiftungs- und Evonik-Aufsichtsratsvorsitz anzukündigen.

Im April 2018 erhielt Müller in der Düsseldorfer Staatskanzlei einen der höchsten Orden des Landes, der auf höchstens 2500 lebende Ordensträger begrenzt ist. Den vollen, weißen Haarschopf hatte er dabei bereits verloren, nicht aber seine distanzierte, gern auch selbstironische Art: "Ich bin etwas heftiger erkrankt", sagte er, wie immer mit leiser Stimme. "Ich hoffe, dass ich ihn (den Orden) einige Zeit tragen kann. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass ich den Platz in absehbarer Zeit wieder freimachen kann für andere Ordensträger." 

dpa

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