Peter Dabrock: Politik braucht mehr Mut

Erlanger Ethik-Experte fordert "kluge Umverteilung"

Alexander Jungkunz
Alexander Jungkunz

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4.6.2022, 16:00 Uhr
Sieht den Zusammenhalt in Deutschland in Gefahr: Ethik-Experte Peter Dabrock.

© epd-bild/Peter Roggenthin, NN Sieht den Zusammenhalt in Deutschland in Gefahr: Ethik-Experte Peter Dabrock.

In einem Interview mit den "Nürnberger Nachrichten" beklagt der 57-Jährige, dass Deutschland in den vergangenen Jahren viele Herausforderungen ignoriert habe. Dabrock: "Das größte Problem, das wir aus der Zeit mitgenommen haben, in der es uns wirklich gut ging, ist: Wir haben einfach viel unterlassen. Die Gesellschaft wurstelte vor sich hin, die Wirtschaft lief gut, wir bekamen billige Energie aus Russland."

"Dann knallt es"

Dabei sei die "Zeitenwende vom Februar" auch da "eine Zäsur, sie zeigt, was wir uns alles rücksichtslos und planlos geleistet haben. Aber so wird es nicht mehr weitergehen. Wir sehen das an den explodierenden Preisen. Wenn wir da nicht zusammen am gesellschaftlichen Konsens arbeiten, dann knallt es. Das ist ein extrem hohes Risiko mit dem Potenzial, demokratiegefährdend zu sein."

"Wir haben so viel ,Wir' im Land"

Der evangelische Theologe setzt auf den starken sozialen Zusammenhalt, den er als Stärke Deutschlands hervorhebt. Dabrock: "Wir brauchen das Signal: Jetzt müssen wir gemeinsam aus dem Schlamassel herauskommen. Wir haben so viel ,Wir' im Land - daran könnte man anknüpfen, das ließe sich anzapfen. Das vermisse ich."

"Da wird ein Füllhorn ausgeschüttet"

Der frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats hält eine "kluge Umverteilung" für notwendig. "Die Schere zwischen arm und reich geht weiter auseinander. Denn die Einkommen aus Vermögen steigen stärker als die Lohnzuwächse, die von der Inflation aufgefressen werden."

Dabrock weiter: "Auch wer drei oder vier Häuser hat, dem nutzt das nichts, wenn das Land in Sachen Infrastruktur und Verwaltung den Bach runtergeht. Wir brauchen da kluge Umverteilung – nicht für kurzfristige Schaufenster-Aktionen wie Tankrabatt oder 9-Euro-Ticket. Gut gemeint, aber völlig falsche Signale. Da wird ein Füllhorn ausgeschüttet – ohne Rücksicht auf die Bedürftigkeit."

Es sei für ihn klar, dass die Wohlhabenden mehr zahlen müssten. "Ich sage als Gutverdiener immer: Ich zahle gern Steuern. Nicht nur für mich, sondern für die Gesellschaft, für eine ordentliche Infrastruktur. Bisher haben wir es geschafft, den Gemeinwohl-Geist mit all den Vereinen, Verbänden, Kirchengemeinden und ihrem Engagement für andere zu bewahren. Engagement für andere und Erfüllung gehen da zusammen – das ist ein ungeheures Pfund, das wir pflegen müssen."

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