Kommentar: Leerer Flieger ist kein Skandal

Evakuierung aus Kabul: Nur sieben Menschen an Bord - na und?

Stellvertretender Chefredakteur Armin Jelenik.
Armin Jelenik

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17.8.2021, 11:13 Uhr
Hunderte Afghanen versammeln sich am Flughafen von Kabul um ein Transportflugzeugs der US-Luftwaffe in der Hoffnung, mit diesem vor den Taliban fliehen zu können.

Hunderte Afghanen versammeln sich am Flughafen von Kabul um ein Transportflugzeugs der US-Luftwaffe in der Hoffnung, mit diesem vor den Taliban fliehen zu können. © -/AP/dpa

Bis zu 150 Menschen kann so ein A400 M der deutschen Luftwaffe transportieren. Doch jetzt wo es um Leben und Tod geht, fliegt die erste deutsche Maschine mit nur sieben Menschen an Bord aus Kabul wieder ab. "Skandal" skandiert der Boulevard - auch wenn die Erklärung, die das Verteidigungsministerium dafür gibt, durchaus nachvollziehbar ist.

Wer schon mal am Kabuler Airport war, der weiß, dass es dort auch in deutlich friedlicheren Zeiten ziemlich chaotisch zugeht. Aktuell befinden sich wohl Tausende verzweifelte Afghanen auf dem Rollfeld, die irgendwie aus dem Land kommen wollen. In diesem Chaos nachts ein Flugzeug sicher zu landen, zu entladen und dann nach nur 30 Minuten wieder in die Luft zu bringen, ist eine Meisterleistung.

Unkenntnis der Situation

Dass angesichts dieser Situation und der versperrten Zufahrtsstraßen zum Flughafen nicht so viele Menschen an Bord waren, wie es sicher wünschenswert wäre, ist doch klar. Alle, die jetzt den Stab über dieser Aktion brechen, tun dies vermutlich in Unkenntnis der Gegebenheiten vor Ort.

Vor allem aber ging es bei diesem Flug darum, die ersten Fallschirmjäger abzusetzen, die die weitere Evakuierung absichern sollen. Diese Aufgabe wurde erfüllt, jetzt muss sich zeigen, ob das Vorgehen der Deutschen erfolgreich ist. Bei den weiteren Flügen darf es natürlich nicht bei einer Handvoll Menschen bleiben, die gerettet werden.

Nein, skandalös sind im Zusammenhang mit dem Abzug aus Afghanistan ganz andere Vorfälle: Etwa, dass die Bundeswehr erst mit mehreren Tagen Verspätung die Dramatik der Situation erkannt und die Evakuierung eingeleitet hat. Oder, dass die afghanischen Ortskräfte der Bundeswehr erst hingehalten, dann vertröstet und jetzt ihrem Schicksal überlassen wurden.

US-Soldaten bewachen eine Absperrung am internationalen Flughafen.

US-Soldaten bewachen eine Absperrung am internationalen Flughafen. © -, dpa

Die deutschen Ministerien und Behörden sind völlig unvorbereitet in diese dramatische Situation hineingestolpert. Das muss aufgearbeitet werden - auch, wenn die beteiligten Ministerinnen und Minister nach der Bundestagswahl nicht mehr im Amt sein sollten.