Absurde Debatte um Anreize 

Impfung gegen Gewinnchance: Ist das noch euer Ernst?

8.7.2021, 17:06 Uhr
Blick in ein leeres Impfzentrum: Die Impf-Kampagne ist ins Stocken geraten. 

Blick in ein leeres Impfzentrum: Die Impf-Kampagne ist ins Stocken geraten.  © Marijan Murat/dpa

Was da jetzt mit großer Ernsthaftigkeit diskutiert wird, spricht Bände über das seltsame Menschenbild, das nicht wenige in Deutschland pflegen. Ein Menschenbild, in dem der Bürger gar nicht weiß, was gut für ihn ist, wenn es ihm nicht der Staat sagt. Ein Menschenbild, in dem die Aussicht darauf, per Verlosung vielleicht ein Fahrrad oder eine Flugreise zu gewinnen, schon alles ist, was es braucht, um jemanden von seinem Entschluss abzubringen, sich nicht impfen zu lassen.

Mit der Wirklichkeit hat das nur bedingt etwas zu tun: Wer auf eine Corona-Impfung verzichtet, der tut dies in der Regel aus einer gut begründeten Entscheidung heraus. Viele äußern die Sorge um mögliche (Langzeit-)Nebenwirkungen der neuen Impfstoffe. Spätestens seit Astrazeneca zuerst ausschließlich für Jüngere und dann ausschließlich für Ältere empfohlen wurde, ist solch eine Grundskepsis nicht mehr einfach als ignorant vom Tisch zu fegen.

Gerade auf all jene, die lange und hart mit sich gerungen haben, bis sie eine Entscheidung gegen eine Impfung getroffen haben, dürfte es wie Hohn wirken, wenn die Politik nun ernsthaft glaubt, eine Verlosung würde sie umstimmen. Zumal ihre Entscheidung - nebenbei bemerkt - bereits durch die Einschränkungen für Nicht-Geimpfte und den gesellschaftlichen Druck beeinflusst wurde.

Dass Minister in Regierungsverantwortung wie Klaus Holetschek in Bayern nun auch noch Druck auf die Ständige Impfkommission ausüben, um auch Kinder impfen zu lassen, ist nicht nur ein Angriff auf die Unabhängigkeit der Institution, sondern auf das Vertrauen, das die Bürger ihr und dem Staat (noch) entgegenbringen.

Traut den Menschen etwas zu!

Ja, die Impfkampagne stockt – das kann, ja das muss man wohl bedauern mit Blick auf die Bekämpfung der Corona-Pandemie. Doch Menschen ihre eigenen Entscheidungen treffen zu lassen, ihnen etwas zuzutrauen, ist Wesenskern einer freien Gesellschaft. Und diese Freiheit ist nicht selbstverständlich. Sie geht vielmehr langsam und leise verloren – und allzu oft unter dem Deckmantel einer guten Sache.