Memorium Nürnberger Prozesse: Das gibt es zu sehen

17.7.2020, 14:43 Uhr

Das Memorium Nürnberger Prozesse ist für internationale Gäste regelmäßig ein fester Programmpunkt des Stadtbesuchs. In der Region tun sich das Museum und der Schwurgerichtssaal 600, in dem sich 1945 und 1946 die Nazi-Prominenz für ihre Verbrechen verantworten musste, schwerer mit der Gunst des Publikums. Für viele läuft das Memorium gegenüber etwa dem Doku-Zentrum ein bisschen unter dem Radar. So kommen über drei Viertel der Besucher aus dem Ausland. Das soll sich allerdings ändern. Erst seit kurzem wird der Schwurgerichtssaal 600 nicht mehr für aktuelle Prozesse genutzt. Saal, Ausstellung und Umgebung werden in den kommenden Jahren umgestaltet beziehungsweise erweitert. Memoriumsleiterin Henrike Claussen wechselt zwar zur Stiftung Forum Recht in Karlsruhe - doch kaum jemand in Nürnberg ist so eng und lange verbunden mit dem Memorium wie sie. 2015 übernahm sie die Leitung des Hauses, da war sie schon acht Jahre dort tätig. Mit einem "gewissen Abschiedsschmerz" hat sie uns noch einmal durch "ihre" Ausstellung geführt, drei persönliche Highlights gezeigt und über die Zukunft gesprochen.

Die Kiste

Sie steht etwas unscheinbar in einer Ecke, die Munitionskiste, in der damals Dokumente nach Nürnberg gebracht wurden. Für Claussen symbolisiert sie jedoch nicht nur das juristische Handwerk, schließlich wurden damit Beweise und Indizien zusammengetragen, sondern auch die "immense logistische Leistung" der Organisatoren des Prozesses. "Das kann man sich aus digitaler Sicht gar nicht mehr vorstellen." Die Aufarbeitung von sechs Jahren Krieg - bei nur drei Monaten Vorbereitung. Außerdem, ein schönes Bild, wurde das klassische Kriegsgut, die Munitionskiste, im wahrsten Sinne auf den Kopf gestellt und - nun mit dem Boden als Deckel - zur Aufarbeitung ebendieses Krieges verwendet.

Die Bank

Auch Claussens zweites Highlight ist ein Objekt. In einer Ausstellung, die an Objekten vergleichsweise arm ist, weil sich "Recht vor allem zweidimensional materialisiert", wie Claussen erklärt. Die Bank, auf der damals die Angeklagten saßen, steht für Claussen für den Wandel in der Wahrnehmung der Nürnberger Prozesse. Lange lagerte sie im Depot des Oberlandesgerichts, erst Ende der 1990er Jahre gab es wieder Interesse daran - eine Parallele zur völkerrechtlichen Praxis, die auch erst nach dem Kalten Krieg wieder Fahrt aufnahm. Eine häufige Frage dazu, die auch Claussen nicht abschließend beantworten kann: Wurde das linke Ende der Bank von Görings Hinterteil so durchgescheuert?

Die Verteidigung

Entscheidender Bestandteil eines rechtsstaatlichen Verfahrens ist die Verteidigung. Deren Auftritte im Prozess sind für Claussen ein "Urknall für die Aufarbeitung der NS-Zeit, aber auch der Beginn der Entschuldigungsstrategien". Die Verteidiger seien erst seit zehn, 15 Jahren in den Fokus der Wissenschaft gerückt, es gebe noch viele Lücken.

Wie geht es weiter?

Unser Rundgang führt uns in die hinteren Räume, die gegenüber der Hauptausstellung etwas versteckt liegen. Dort geht es um die Nachfolgeprozesse, die Aufarbeitung in den Jahrzehnten nach Nürnberg, auch vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs, und den Weg zum Internationalen Strafgerichtshof mit Filmaufnahmen zweier Zeitzeugen. "Dieser Bereich soll viel mehr Raum bekommen", betont Claussen. Die Ausstellungsfläche werde sich verdoppeln, die "hinteren" Themenbereiche entsprechend aufgewertet.

Womit wir mittendrin sind in den Zukunftsplänen. Inklusiver, interaktiver, ja partizipativer soll die Ausstellung werden. Wobei: "Echte Partizipation ist ein Brett." Da gehe es nicht darum, hier und da einen Knopf zu drücken, sondern um tatsächlichen Einfluss der Besucher, um die Macht über Inhalte. Bei den weltanschaulich heiklen Inhalten der Ausstellung nicht ganz einfach. "Das wird noch lange diskutiert werden", prophezeit Claussen.

Ganz konkret soll das Gebäude an der Fürther Straße, in dem früher eine Autowerkstatt Platz fand, zunächst zwischengenutzt werden, um dann ein Besucherzentrum entstehen zu lassen: "Seminarräume, Shop, ein bisschen Gastronomie", erläutert Claussen. Dinge, die bei einem Museum eigentlich selbstverständlich sind, bislang aber aufgrund der Platzverhältnisse unmöglich.

Auch im Saal 600 soll etwas passieren. Der zeitweise diskutierte Rückbau in den Zustand von 1945 ist vom Tisch, sehr zur Freude von Henrike Claussen. "Dass der Saal heute so aussieht, wie er aussieht, kleiner als 1945 und etwa mit dem großen Kruzifix an der Wand, das ist Teil seiner Geschichte." Um das Damals erlebbar zu machen, soll eine große halbtransparente Leinwand installiert werden. Damit könne das Publikum dann den Standpunkt eines Prozessbesucher von 1945 einnehmen.

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