16°

Mittwoch, 21.04.2021

|

zum Thema

Ohne ihn gäbe es die deutsche Einheit nicht: Michail Gorbatschow wird 90

Der letzte Staatschef der Sowjetunion warnt vor atomaren Konflikt der Großmächte - 28.02.2021 17:38 Uhr

Im Juni 1989 besuchte Michail Gorbatschow mit seiner Frau Raissa Bonn. Das Paar wurde von begeisterten Bürgern empfangen.

23.02.2021 © Frank Kleefeldt, dpa


In Deutschland ist er nach wie vor höchst populär, in seiner Heimat dagegen ist er weit weniger beliebt - schließlich war er es, der das Ende des Sowjet-Imperiums einleitete. Und das war laut seinem Nach-Nachfolger im Kreml „die größte geopolitische Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts - so sagt es Wladimir Putin immer wieder.

Michail Gorbatschow hat in vielerlei Hinsicht Geschichte geschrieben. Dabei verlief seine Karriere zunächst eher ziemlich typisch für Partei-Laufbahnen in der Sowjetunion. Am 2. März 1931 wurde er im Nordkaukasus geboren, als Sohn von Bauern, die in einer Kolchose arbeiteten.

Die umjubelte Frau an seiner Seite

Während des Jura-Studiums lernte er Raissa kennen, 1953 heirateten die beiden. Es war eine Ehe, in der die Frau an seiner Seite den Mann gelegentlich überstrahlte; gerade in Deutschland wurde die First Lady der Sowjetunion in den Jahren der Wiedervereinigung zu einer Art Königin vieler Herzen.

"Die Gorbatschows vermittelten schon nach kürzester Zeit ein ganz neues Bild von der Moskauer Führung", schrieb Helmut Kohl in seinen Erinnerungen über den Amtsantritt seines späteren Freundes. Der wurde 1985 im für sowjetische Verhältnisse sehr zarten Alter von 54 der mit Abstand jüngste Staats- und Parteichef der Sowjetunion, als Nachfolger des nur kurz amtierenden Konstantin Tschernenko, der mit 73 gestorben war.

Kohl weiter: "Vor allem Raissa Gorbatschowa sorgte für Aufsehen. Sie war elegant, gebildet und scharfzüngig, eine kommunistische Funktionärin der Spitzenklasse... Ihren Einfluss kann man gar nicht hoch genug einschätzen."

Glasnost und Perestroika

Mit zwei für das Sowjet-Imperium revolutionären Veränderungen baute der reformwillige Kreml-Chef das Riesenreich um - und wickelte es dann ab: Mit Glasnost (Offenheit) brachte er Transparenz in die verkrustete Bürokratie, die er mit Perestroika (Umgestaltung) umkrempelte.

Zunächst betrachteten ihn westliche Politiker skeptisch. Legendär wurde jene Interview-Aussage von Helmut Kohl aus dem Jahr 1986: Gorbatschow sei lediglich "ein moderner kommunistischer Führer, der sich auf Public Relations versteht." Und der Kanzler ergänzte: "Goebbels, einer von jenen, die für die Verbrechen der Hitler-Ära verantwortlich waren, war auch ein Experte in Public Relations."

Kohl bedauerte den indirekten Goebbels-Vergleich

Dieser indirekte Vergleich mit dem NS-Propagandachef brachte Kohl heftige Kritik ein. Die Gleichsetzung sei "nicht seine Absicht" gewesen, notierte er später in seinen Memoiren. "Ich bedauerte es sehr, dass dieser Eindruck entstehen konnte."

Zumal "Gorbi", wie ihn die Deutschen später fast schon als Popstar feierten, zum wichtigsten Partner für Kohl wurde: Ohne den Russen hätte es die Wiedervereinigung des Landes nicht gegeben. Gorbatschow suchte, anders als seine greisen Vorgänger, den Dialog, traf sich mit US-Präsident Ronald Reagan - damals für viele in der Sowjetunion, aber auch in Deutschland, der Inbegriff des Kalten Kriegers.

"Mr Gorbachev, tear down this wall"

"Mr Gorbachev, tear down this wall", rief dieser Reagan bei seinem Berlin-Besuch am 12. Juni 1987 am Brandenburger Tor. "Mister Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!"

Bis es tatsächlich so weit war, bis Gorbatschow mit seinem Duz- und Sauna-Freund Helmut Kohl im Kaukasus die deutsche EInheit aushandelte, vergingen noch gut zwei Jahre. Legendär wurde Gorbatschows Besuch zum 40. Jubiläum der DDR im Oktober 1989, als er - angeblich - zum ratlosen Staats- und Parteichef Erich Honecker den zum geflügelten Spruch gewordenen Satz gesprochen haben soll: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Als der Kreml-Chef Ost-Berlin Reformen predigte

Der fiel so nie, sondern wurde im Nachhinein rekonstruiert und zugespitzt. Dass da ein Kreml-Chef den ostdeutschen Sozialisten aber Reformen predigte, das war unerhört und revolutionär - fühlte sich bis dato doch die SED als Primus im Ostblock.

Im Inneren hatte Gorbatschow zu kämpfen - logisch, denn er brachte genau diesen Ostblock, den Warschauer Pakt, durch seinen Kurs ins Wanken und dann zum kontrollierten Kollaps. Nach und nach erlangten die einstigen Satellitenstaaten Moskaus jene Freiheit zurück, die sie bis zu Stalins imperialistischer Eroberung hatten.

"Der Weltveränderer" nennt ihn ein Biograf

„Gorbatschow hat mehr als 164 Millionen Menschen in die Freiheit entlassen: 38 Millionen Polen, fast 16 Millionen Tschechen und Slowaken, 23 Millionen Rumänen, jeweils fast neun Millionen Bulgaren und Ungarn sowie rund 16 Millionen Deutsche in der DDR“, schreibt der Historiker Ignaz Lozo in einer neuen Biografie über Gorbatschow, Untertitel: "Der Weltveränderer."

In Russland wuchs der Widerstand gegen seinen Kurs. Sein schärfster Widersacher wurde Boris Jelzin, der Gorbatschow dann auch beerbte, als er 1991 nach einem gescheiterten Putschversuch die Macht übernahm.

In Russland sehen viele in ihm den Totengräber der Sowjetunion

Wie sieht man im heutigen Russland auf den "Weltveränderer?" Viele sehen in ihm dort den "Totengräber" der Sowjetunion. Der Erlanger Osteuropa-Experte Matthias Stadelmann sagte: „Gorbatschow ist im heutigen Russland kein großes Thema; wenn man doch über ihn spricht, dann geht es nach wie vor um das empörte Unverständnis, warum er die Sowjetunion unter Wert an den Westen verkauft habe. Dabei steht nicht der Verlust des Sowjetsystems im Mittelpunkt des Interesses, sondern der Verlust der paritätischen russischen Großmachtstellung. Es spielt bei dieser Einschätzung übrigens keine große Rolle, welcher politischen Couleur man in Russland angehört, ob nationalistisch, ob regierungstreu, ob regierungskritisch.“

"Hauptsache, einen Atomkrieg verhindern"

Gorbatschow selbst meldet sich nach wie vor zu Wort in Sachen Weltpolitik. „Man darf keine Angst vor Verhandlungen haben“, sagte der Friedensnobelpreisträger diesen Samstag. Er rief in dem Interview auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin und dessen US-Kollegen Joe Biden zu einem persönlichen Treffen und neuen atomaren Abrüstungsverhandlungen auf. „Die Hauptsache ist heute, einen Atomkrieg zu verhindern“, mahnte Gorbatschow. „Um einen Fortschritt zu erzielen, muss man offen aufeinander zugehen", sagte er und erinnerte an seine Begegnungen mit dem "Erzfeind" Reagan.

2

2 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Politik