Vor dem Schulstart

Präsidentin des Lehrerverbandes: "Unsere Schulleiter saufen wieder ab"

9.9.2021, 06:38 Uhr

"Unsere Schulleiter saufen wieder ab, weil sie sich überlegen müssen, wie wir diesen Wahnsinn mit den Lollitests umsetzen. Dabei müssten sie eigentlich darüber nachdenken, was die Kinder jetzt an Bildung, Unterricht und Erziehung brauchen", kritisiert BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann © NNZ

Frau Fleischmann, warum reicht es Ihnen? Und was?

Simone Fleischmann: Wir hatten erwartet, dass wir uns während der Ferien endlich wieder auf das vorbereiten können, wofür wir mal angetreten sind, auf Unterricht, Bildung und Erziehung. Uns war schon klar, dass die Pandemie nicht vorbei sein würde. Aber wir hatten erwartet, dass alle Maßnahmen ergriffen worden sein sollten, die Schule im Live-Unterricht sicher machen. Jetzt hören wir aus allen Stellungnahmen und Regierungserklärungen heraus, dass immer noch die gesundheitstechnischen Aspekte im Vordergrund stehen.

Nicht unser Auftrag

Was meinen Sie konkret?

Fleischmann: Die Lehrkräfte müssen wieder eine Vielzahl anderer Aufgaben übernehmen und Dinge organisieren, die mit ihrem eigentlichen Auftrag nichts zu tun haben. In wenigen Tagen beginnt die Schule. Und unsere Schulleiter saufen wieder ab, weil sie sich überlegen müssen, wie wir diesen Wahnsinn mit den Lollitests umsetzen. Dabei müssten sie eigentlich darüber nachdenken, was die Kinder jetzt an Bildung, Unterricht und Erziehung brauchen. Wir hätten dieses bildungspolitische Logbuch, diesen Rahmenplan schon Ende August gebraucht. Stattdessen geht die Unsicherheit weiter. Es ist wie vor eineinhalb Jahren.

Wir wussten alle, dass die Pandemie nicht vorbei sein wird.

Fleischmann: Es ist nicht so, dass wir all das nicht organisieren können. Wir wollen es auch, weil wir so viel Unterricht wie nur möglich so live wie nur möglich organisieren wollen. Wir streiten nicht, wir schmeißen nicht hin. Wir sehen die Notwendigkeiten. Wir haben aber auch erlebt, dass in den vergangenen sechs Wochen so viel wieder verschlafen worden ist bei der Umsetzung zwischen den Ministerien und den Sachaufwandsträgern, egal, ob es um Hygienekonzepte geht oder um die Digitalisierung.

Zu wenig Lüfter

Laut Ministerpräsident Söder sind nur zehn Prozent der Fördermittel für Luftfilter abgerufen. Wo hakt es?

Fleischmann: Das war ein geschickter Schachzug im Wahlkampf, weil er damit Druck auf die kommunalen Sachaufwandsträger aufbaut. Die Frage nach dem Warum stellt er nicht. Manche Gemeinden haben ohne Fördermittel investiert. Außerdem ist das Förderverfahren umständlich und bürokratisch. Daneben gibt es Gemeinden, die sich das schlicht nicht leisten können oder wollen. Das führt aber zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, weil es unterschiedliche Quarantäneregeln gibt für Klassen mit und ohne Luftreiniger. Fehlt der, muss bei einem positiven Test die ganze Klasse in Quarantäne, ist einer da, nur der positiv Getestete. Damit steht reiche Stadt gegen arme Stadt. Und damit haben wir wieder keine einheitliche Lösung.

Die kann es ja auch kaum geben.

Fleischmann: Es sollte sie geben, weil wir so Bildungsungerechtigkeit schaffen. Wir wissen, dass in armen Gemeinden in der Regel auch das sozio-ökonomische Niveau der Bevölkerung niedriger ist. Diese Kinder sind mit Unterricht zuhause überfordert. Ich fürchte, dass sie die Quarantäne weit härter treffen wird als die Reicheren.

"Mir reichen die alten Ideen"

Was fordern Sie von der Regierung?

Fleischmann: Das Gleiche wie seit eineinhalb Jahren. Wir wissen seit eineinhalb Jahren, dass Lüften wichtig ist. Passiert ist seitdem zu wenig. Ich brauche keine neuen Ideen, mir reichen schon die alten. Wenn am Dienstag der Unterricht beginnt, werden wir Klassenzimmer mit Vollausstattung haben und andere ohne alles. Und damit ist Schule nicht gleich Schule, ist Klasse nicht gleich Klasse. Die einen werden zügig vorankommen, die anderen wieder abgehängt werden. Ich nenne das Bildungsungerechtigkeit. Vor allem dürfen wir jetzt nicht so tun, als sei alles super, wie Söder das in seiner Regierungserklärung getan hat. Das kreide ich ihm an, dass er darauf verwiesen hat, die Abschlüsse seien prima gewesen. Das ist ein Witz.

Weil?

Fleischmann: Gegenfrage: Was bedeutet ein gutes Abitur jetzt? Es durfte kein schlechtes geben, weil das sonst der Beleg für eine Bruchlandung gewesen wäre. Wir müssten nüchtern analysieren, was die Kinder jetzt brauchen, wo ihre Defizite liegen. Doch wir müssen uns stattdessen wieder um andere Dinge kümmern.

"So wenig Infizierte wie möglich"

Was ist die Alternative? Laufen lassen und auf eine Durchseuchung warten?

Fleischmann: Wäre sie das Ziel, hätten wir aufgegeben. Unser Ziel ist so viel Präsenzunterricht wie nur möglich, aber sicher und mit allen notwendigen Sicherheitsmaßnahmen. Und mit so wenig Infizierten wie möglich, damit die Schule nicht zum Ausbruchsort wird. Die Realität ist, dass die Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen steigen. In Nordrhein-Westfalen liegt sie bei den unter Zwölfjährigen bereits bei 800. Das müssen wir im Blick haben, wenn wir über Quarantäneregeln reden.

Das heißt, Sie haben beispielsweise nichts gegen die Maskenpflicht?

Fleischmann: Wir sind Profis für Unterricht, Erziehung und Bildung. Wir gehen davon aus, dass die Politik mit der Medizin nach besten wissenschaftlichen Erkenntnissen entscheidet.

"Wir haben ein hohes Verantwortungsgefühl"

Finden Sie es folglich auch richtig, dass die Lehrkräfte ihren Impfstatus bekannt geben müssen?

Fleischmann: Nein, weil wir befürchten, dass es ein Einstieg ist in weitergehende Fragen. Unsere Lehrkräfte haben ein hohes Verantwortungsgefühl. Da sind fast alle geimpft, die sich impfen lassen können. Wir wissen aus anderen Bundesländern, dass nur etwa fünf Prozent das nicht getan haben. Dafür müssen wir keine sensiblen Daten erheben. Da wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen.

Wenn die Schulabschlüsse nichts über die wahren Probleme aussagen, wie groß sind die Defizite tatsächlich?

Fleischmann: Ganz unterschiedlich. Und auf ganz unterschiedlichen Feldern. Manche haben Defizite im Wissen, andere in den sozialen Kompetenzen, vor allem aber im sozial-emotionalen Bereich. Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Am Härtesten hat es die Kinder in der zweiten und der dritten Klasse getroffen. Und das bei einem eklatanten Lehrermangel in Grund-, Förder- und Mittelschulen. Da steht am Dienstag nicht einmal vor jeder Klasse ein Pädagoge.

Drama Mittelschule

Sie beklagen nicht zum ersten Mal die Defizite vor allem an Förder- und Mittelschulen. Hat Ihnen die Politik jemals ernsthaft signalisiert, dass sie etwas ändern will?

Fleischmann: Ja, die Signale haben wir. Die Politiker geben es zum ersten Mal zu, dass ist neu nach all den Jahren. Aber die Lage ist eben an manchen Schulen so dramatisch, weil dort mehr Nichtpädagogen als Pädagogen unterrichten, dass das auch niemand mehr leugnen kann.

Er ist verantwortlich für die Schulen: Bayerns Bildungsminister Michael Piazolo von den freien Wählern.

Er ist verantwortlich für die Schulen: Bayerns Bildungsminister Michael Piazolo von den freien Wählern. © Peter Kneffel, dpa

Fatal in der Pandemie.

Fleischmann: Absolut. Am Härtesten trifft es die Mittelschule, weil dort niemand mehr als Lehrkraft hin will. Die Reaktion der Politik ist die immer Gleiche. Sie kürzt den Ganztag von zwölf auf neun Stunden. Die Grundschulen bieten keine Vorkurse mehr für Vorschulkinder, deren Deutsch schlecht ist. Wir schaffen Randstunden, in denen Künstler mit den Kindern Wände anmalen. Und wir verschieben die Teilungsgrenzen, sorgen also für größere Klassen. Wir stopfen die Löcher mit Nicht-Lehrern. Wir hatten den Lehrermangel schon ohne Corona. Jetzt reden wir darüber in einer Situation, in der gerade an den Mittelschulen die Bedürfnisse der Kinder noch sehr viel höher sind.

"Ein politisch hausgemachter Mangel"

Sie fordern eine finanzielle Gleichstellung der Lehrkräfte an allen Schularten.

Fleischmann: Da wird uns immer erklärt, das bringe nichts. Das sehe ich anders. Wer vom Gymnasium kommt, studiert für das Gymnasium, weil er es schon kennt, die Mittelschule aber nicht. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass der bayerische Ministerpräsident ständig das Abitur betont und auf die Abiturienten abhebt.

Luftfilter sollen die Lösung bringen und den Präsenzunterricht ermöglichen.

Luftfilter sollen die Lösung bringen und den Präsenzunterricht ermöglichen. © Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Sehen Sie also die Mittelschulen abgehängt von der Politik?

Fleischmann: Allerdings. Und sie leiden unter einem politisch hausgemachten Mangel. Wir bluten dort strukturell aus. Der Lehrermangel führt zu einem Qualitätsverlust, der die Schulen im Ansehen weiter sinken lässt.

Söder verwahrt sich dagegen, dass es eine verlorene Generation gebe. Es klingt bei Ihnen aber so, als treffe dies zumindest auf die Mittelschulen zu.

Fleischmann: Nein, da bin ich bei ihm. Was heißt verloren? Dass ich die Kinder aufgebe. Und das wollen wir nicht. Wir wissen alle, welche Defizite und Probleme sich bei den Schülern aufgetan haben. Wir müssen ihnen jetzt mehr geben als bisher. Wir müssen sie auffangen und nicht aufgeben. Allerdings müsste Söder entsprechend handeln und die Schulen ausrüsten. Das tut er leider nicht.

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