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Psychologe erklärt: So verändert uns die Maskenpflicht

Bamberger Forscher beschäftigt sich mit der Akzeptanz in der Bevölkerung - 01.05.2020 19:44 Uhr

Einkaufen mit Mundschutz - ohne geht es mittlerweile nicht mehr. © Robert Michael, dpa


Die 86 Versuchspersonen sollten beurteilen, wie wohl sie sich in einer Gruppe fühlen, in der unterschiedlich viele Menschen unterschiedliche Arten von Masken tragen.

NZ: Herr Carbon, welche Maske tragen Sie aktuell?

Claus-Christian Carbon: Ich verwende unterschiedliche. Meistens eine unauffällige, selbstgemachte Community-Maske. Aber ich habe auch eine FFP2-Maske, einen schwarzen Schlauchschal und alle möglichen anderen Modelle, um die Reaktionen der Leute zu testen und zu verstehen. Daraus ziehe ich Inspiration für meine Forschung.

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NZ: Dann ist jeder Einkauf gerade ein Experiment für Sie?

Carbon: Das ist das Tolle: Für den Psychologen ist die ganze Welt ein Experiment. Es geht immer um die Einstellung und das Verhalten der Menschen – und aktuell geht es um ihre Akzeptanz von Gesichtsmasken. Freunde und Bekannte haben mir erzählt, wie seltsam und unwohl sie sich damit fühlen, und dass sie es peinlich finden, mit Maske vor die Tür zu gehen. Als Psychologe muss man das ernst nehmen.

NZ: Welche Reaktionen haben Sie erlebt?

Carbon: Als noch vor ein paar Wochen niemand sonst eine Maske getragen hat, wurde ich von Kollegen und beim Einkaufen gefragt, ob ich krank sei. Manche wollten auch wissen, ob ich Angst habe. Dabei schützt die Maske ja nicht mich, sondern andere vor dem Virus.

Der Bamberger Psychologe Claus-Christian Carbon erklärt: "Je mehr Menschen in einer sozialen Gruppe eine Maske tragen, desto wohler fühle ich mich selbst damit." © Foto: privat


NZ: Ändert sich das durch die Maskenpflicht?

Carbon: Ja, auf jeden Fall! Deshalb ist die Pflicht auch so sinnvoll. Jetzt muss sich keiner mehr bewusst dafür entscheiden und folglich auch nicht rechtfertigen. Die Leute machen es jetzt einfach, weil sie müssen. Die Vorschrift hilft uns, eine gute Begründung zu haben, das macht es leichter. Das ist wie bei der Gurt-Pflicht.

NZ: Im Auto?

Carbon: Genau. In vielen Ländern ist es unüblich, sich auf den hinteren Sitzen anzuschnallen. Wer es trotzdem tut, wird als Feigling abgestempelt. Dabei schützen die, die sich hinten anschnallen, weniger sich selbst, sondern vor allem die anderen Insassen. Wie bei den Masken – ich schütze die anderen.

NZ: Anschnallen ist längst selbstverständlich. Maskentragen nicht.

Carbon: Auch beim Anschnallen gab es anfangs Schwierigkeiten. Mit Mundschutz haben wir hierzulande bis vor Kurzem höchstens einige Asiaten in der Öffentlichkeit gesehen. Sie sind rücksichtsvoll und wollen bei einer Erkältung niemanden anstecken. Bei uns dagegen galt man sogar als taff, wenn man sich hustend und schniefend ins Büro geschleppt hat.

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NZ: Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist das Wahrnehmen von Gesichtern. Schwierig, wenn plötzlich nur noch die Hälfte zu sehen ist, oder?

Carbon: Da fehlt etwas, ganz klar. Sogar Leute, die mich gut kennen, haben mich mit einer Maske zuerst nicht erkannt. Wir sind es gewohnt, unbewusst ganz viel aus dem Gesicht unseres Gegenübers herauszulesen und können diese subtilen Eindrücke wahnsinnig schnell und effektiv einordnen. Aber wir werden schnell lernen, unsere Kommunikation anzupassen, genauso wie wir gelernt haben, mit Leuten am Telefon zu sprechen, ohne ihr Gesicht zu sehen.

NZ: Sie haben die Akzeptanz von Masken erforscht. Mit welchem Ergebnis?

Carbon: Alle im Experiment eingesetzten Masken hatten eine ähnliche Wirkung: Je mehr Menschen in einer sozialen Gruppe eine Maske tragen, desto wohler fühle ich mich selbst damit. Mich hat überrascht, wie unglaublich deutlich das Ergebnis ist. Wenn alle eine Maske tragen, fühlt sich der Einzelne überhaupt nicht mehr merkwürdig. Dadurch steigt die Akzeptanz. Wir Menschen fühlen uns im Allgemeinen ungut, wenn wir nicht Teil der sozialen Norm sind und Maskentragen ist eben ab jetzt die neue Norm.

NZ: Wie lange wird es dauern bis wir uns an die Masken gewöhnen?

Carbon: Da sich so viele an die Vorschrift halten, wird es nur wenige Tage dauern. Wir werden so automatisch eine Maske einstecken wie unseren Schlüsselbund, wenn wir das Haus verlassen.

NZ: Sie erforschen auch ästhetische Wahrnehmung und Design. Sind Masken schon bald in Mode?

Carbon: Ja, bestimmt! Das wollen wir als nächstes untersuchen. Schon jetzt gibt es modische Aspekte wie Masken mit einem bestimmten Muster oder farblich auf die Kleidung abgestimmt. Wir müssen sie zwar tragen und wollen das aufgrund der sozialen Norm sogar, aber jetzt beginnt sich auch der persönliche Geschmack zu entwickeln.


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