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Virologin bei Hart aber fair: "Wir impfen nicht, um jemanden lustig in den Urlaub zu schicken"

Die Gäste der Sendung diskutierten über Reise-Privilegien für Geimpfte - 23.02.2021 13:13 Uhr

Dr. Corinna Pietsch erinnerte an den ursprünglichen Sinn von Impfungen, die nicht auf Urlaube, sondern auf Schutz abzielen.

31.01.2021 © Jürgen Heinrich via www.imago-images.de, imago images/Jürgen Heinrich


Bevor es zum Meinungsaustausch über mögliche Reiseprivilegien für Geimpfte kam, stellte sich allerdings die Frage, ob Urlaub überhaupt vertretbar und realistisch wäre. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte äußerte sich diplomatisch. Zwar zeigte der SPD-Politiker Verständnis für das Fernweh der Bürger, die sich seit mehreren Monaten nun überwiegend in den eigenen vier Wänden aufhalten, verwies aber auf die Abhängigkeit von der weiteren Ausbreitung der Virus: Ob Reisen in naher Zukunft möglich werden, hänge "von der Entwicklung des Infektionsgeschehens ab".

Auch Dr. Corinna Pietsch, Leiterin der Virologie am Universitätsklinikum Leipzig, riet zur Vernunft und sprach die Auswirkungen durch das Öffnen der Schulen und Kitas an: "Wir brauchen sicherlich drei Wochen, um gut einschätzen zu können, was da an Mehr an Kontakten oder Infektionen dadurch stattfindet." Dies bringe Osterpläne ins Wanken. Entsprechend findet es die Virologin "verantwortlich, frühzeitig zu große Euphorie auf den Urlaub einzubremsen". Dementsprechend lobte sie das Vorgehen von Michael Kretschmer: Sachsens Ministerpräsident schloss einen Osterurlaub in diesem Jahr zuletzt aus.


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Dies brachte Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), wie er in der Sendung sagte, "auf die Palme", sorgte diese Ankündigung doch für Unverständnis, warum bereits zwei Monate zuvor die Aussicht auf Urlaub "kaputtquatscht" werde. Der 59-Jährige forderte ein Ende der Reisesperre: "Wir müssen die Chance kriegen, wo immer es aus gesundheitlichen Gründen möglich ist, unser Geschäft wieder zu starten." In Richtung des sächsischen Politikers bemängelte Fiebig "Sensibilität und Sachverstand, was Touristik leisten kann – was Touristik auch leisten kann, um sicheres Reisen zu ermöglichen."

Den Reisedurst der Bürger wolle die Tourismusbranche nach einem Jahr mit rund 90 Prozent Umsatzeinbruch stillen - für das Wohlbefinden der Urlauber ebenso wie für die finanzielle Stabilität der Urlaubsanbieter. Dank Testregimes und der gezielten Isolierung der Reisegruppen hielt der DRV-Chef Öffnungen für möglich, beispielsweise für Jugendherbergen oder die Kreuzfahrttouristik.


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Im Aspekt der Isolierung pflichtete ihm Wanderfan Manuel Andrack bei, der sich wunderte, warum sich "die Blase Familie" denn nicht einfach in eine Ferienwohnung verlegen und von dort zu Wandertouren oder Ähnlichem aufbrechen könne. Die finanzielle Bedeutung etwaiger Öffnungen räumte auch Bovenschulte ein: "Wirtschaft und Gesellschaft halten das auf Dauer nicht aus, wenn wir gar keine Schritte ergreifen."

Journalistin Andrea Zschocher betonte die Wichtigkeit eines Urlaubs für das menschliche Wohlbefinden. In diesem Zuge äußerte sie sich zur Impfreihenfolge, die ältere und vulnerable Personen bevorzugt und in der Talkrunde zwar unumstritten war, aber in Bezug auf die Urlausfrage dennoch ein Problem aufweist: Familien mit Kindern werden zu Beginn der Sommerferien mutmaßlich nicht geimpft sein. "Gerade die, die sich jetzt sehr stark einschränken, weil jemand in der Familie schwer krank ist, brauchen auch mal Erholung", plädierte die Mutter dreier Kinder.


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Und die Antwort auf die Leitfrage nach Reiseprivilegien für Geimpfte? "Wir haben gerade mal drei Prozent der Bevölkerung geimpft", erinnerte Fiebig zunächst. "Wir impfen ja auch nicht, um jemanden lustig in den Urlaub zu schicken. Das ist ja nicht der Sinn und Zweck des Impfprogramms", konstatierte Pietsch schließlich. Ziel sei der Schutz gefährdeter Personen und eine Herdenimmunität. Die Diskussion um Reisevorteile hielt der DRV-Chef also für verfrüht, die Virologin für vermessen. Die Frage nach einem möglichen Urlaub an Ostern oder im Sommer bleibt auch nach der Debatte bei "Hart aber fair" eine Frage des Gewissens – und des Infektionsgeschehens.

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sde

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