Interview zum Thema Antisemitismus

Was darf ich sagen, ohne ein Antisemit zu sein? Forscher versucht sich an einer Antwort

17.5.2021, 19:29 Uhr
Prof. Dr. Uffa Jensen, stellvertretender Leiter des Instituts für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin.

Prof. Dr. Uffa Jensen, stellvertretender Leiter des Instituts für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. © Prof. Dr. Uffa Jensen

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat nach den Ausschreitungen bei Demonstrationen am Wochenende gesagt, man dürfe Israels Verhalten im Nahostkonflikt zwar scharf kritisieren und laut dagegen protestieren, aber keine Hassbotschaften senden. Ist es denn immer so leicht zu entscheiden, wo genau die Grenzen des Erlaubten überschritten werden?

Uffa Jensen: Diese Frage treibt auch uns Wissenschaftler immer wieder um. Eine Grundregel bei der Bewertung solcher Aussagen lautet: in welchem Kontext stehen sie? Werden zum Beispiel der israelische Staat und die jüdische Religion gleichgesetzt, dann ist klar eine Grenze überschritten. Das ist auch dann der Fall, wenn Menschen jüdischen Glaubens in der ganzen Welt für das Geschehen im Nahen Osten verantwortlich gemacht werden. Bei manchen Ereignissen kann man auch schnell zu einem Urteil kommen, wie etwa jetzt in Gelsenkirchen…

…Sie meinen die Demonstration vor einer Synagoge?

Uffa Jensen: Ja, da war bereits die Ortswahl das entscheidende Problem. Es wurde ein religiöser Ort ausgewählt, um politischen Protest auszudrücken. Mit anderen Worten: Man machte eine Glaubensgemeinschaft in Deutschland für etwas verantwortlich, was sich zwischen Israel und den Palästinensern ereignet. Das war von vorneherein unangemessen. Unabhängig davon, was sich konkret ereignete.

Was antworten Sie, wenn jemand im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt sagt „Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich alles noch sagen darf und was nicht“.

Uffa Jensen: Man muss aufpassen, dass man bei der konkreten Sache bleibt, die man kritisieren will - zum Beispiel wie aktuell bei dem konkreten Vorgehen der israelischen Armee oder generell bei der israelischen Siedlungspolitik. Das ist meistens vom Grundgesetz gedeckte Kritik. Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Wenn man aber in dem Zusammenhang aber die Israelis als „Kindermörder“ bezeichnet, dann ruft man jahrhundertealte Vorurteile auf. Ich meine damit die seit dem Mittelalter existierende Legende, Juden entführten Kinder und missbrauchten sie für rituelle Zwecke. Das ist antisemitisch.

In den sozialen Netzwerken dauert es meist nicht lange, bis Debatten über den Nahostkonflikt entgleisen. Warum ist das so?

Uffa Jensen: Ich denke, das ist in Deutschland immer noch eine Folge des Nationalsozialismus und des Holocaust. Wir haben es mit vielen unaufgearbeiteten Emotionen zu tun. Wir Deutschen sind vielleicht auch nicht immer die besten Ratgeber bei aktuellen Nahost-Debatten, weil wir so viel Ballast mit uns herumschleppen.

Wollen Sie damit sagen, dass andere Nationen zivilisierter über dieses Thema sprechen?

Uffa Jensen: Na ja, ich würde sagen, sie sprechen anders darüber. Jede Nation hat ihre eigenen, für sie typischen Reaktionen. In Großbritannien zum Beispiel spielt immer gleich die koloniale Vergangenheit und die Zeit als Mandatsmacht für Palästina eine Rolle. Auch dort werden die Diskussionen sehr schnell schroff geführt. Das konnte man bei den Antisemitismusvorwürfen gegen den früheren Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn beobachten.

Müssen wir nicht viel deutlicher klar machen, welche Regeln gelten sollen, wenn es um die Gefahr des antisemitischen Redens geht. Jüngst wurden sogar europaweite „ethische Standards“ dafür gefordert.

Uffa Jensen: Das ist wegen der vorhin beschriebenen nationalen Unterschiede gar nicht so einfach. Gewisse Aspekte wie die Holocaust-Leugnung werden bei uns in Deutschland ja bereits strafrechtlich streng verfolgt, deutlich strenger übrigens als in anderen Staaten. Doch es wäre schon sinnvoll, wenn wir uns auf einige elementare Punkte einigen könnten. Also eine auf eine klare Unterscheidung zwischen Religion und Regierungspolitik und einen Verzicht auf die mit scheinbar historischen Motiven begründete Dämonisierung Israels und der Juden.

Könnten Sie noch etwas näher darauf eingehen, wo genau die Grenzlinie verläuft?

Uffa Jensen: Nehmen Sie als Beispiel die oft zu lesende Forderung nach einem friedlichen Zusammenleben von Israelis und Palästinensern. Dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen. Im Gegenteil: Welcher vernünftige Mensch würde das nicht befürworten. Wenn ich allerdings aus der linken, palästinafreundlichen Ecke gelegentlich lese, dass dieses „friedliche Zusammenleben“ mit einem Verschwinden der Juden oder mit ihrer vollständigen Entmachtung erreicht werden soll, dann sieht das natürlich deutlich anders aus und hat nichts mehr mit einer sinnvollen Debatte zu tun.

Neigt denn der Staat Israel selbst nicht auch manches Mal dazu, berechtigte Kritik mit dem Vorwurf des Antisemitismus zu kontern?

Uffa Jensen: Vom „Staat Israel“ würde ich in dem Zusammenhang nicht sprechen. Wenn Sie aber sagen, bestimmte politische Gruppen in Israel wie die Siedlerbewegung oder auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verhalten sich so, dann stimme ich Ihnen zu. Das kann man kritisieren. Aber Sie sehen hier auch gleich wieder: Es kommt auf die Genauigkeit der Sprache an. Werfe ich einem ganzen Volk etwas vor oder einer abgrenzbaren Teilmenge.

Wie oft begegnet Ihnen als Antisemitismus-Forscher die Aussage, man dürfe ja heutzutage „gar nichts mehr sagen“, ohne gleich verteufelt oder aus der Diskussion ausgeschlossen zu werden?

Uffa Jensen: Ich kenne das, vor allem aus rechten Kreisen. Meine Antwort lautet immer: Man muss nicht alles über Juden sagen wollen – zum Beispiel dann nicht, wenn es sich um die vorhin beschriebenen Vorurteile und die Dämonisierung handelt. Wir sollen zivilisiert und nicht verletzend miteinander umgehen. Das gilt für alle Bereiche des Lebens, auch außerhalb des Komplexes Antisemitismus. Wir wollen doch nicht in einer Gesellschaft leben, in der sich alle ständig gegenseitig beschimpfen. Wenn ich solche Menschen treffe, frage ich sie, warum sie ihre Kritik ausgerechnet so verletzend formulieren wollen.

Es gibt aktuell einige Forderungen, den jungen Männern mit Migrationshintergrund, die häufig an vorderster Front von radikalen Demos stehen, müsse mehr die spezielle historische Situation und Verantwortung von Deutschland angesichts des Holocaust erklärt werden.

Uffa Jensen: Da habe ich meine Zweifel. Bei den von Ihnen beschriebenen jungen Männern handelt es sich regelmäßig um Vertreter der zweiten oder dritten Migrantengeneration mit türkischer oder palästinensischer Herkunft. Die wissen genau, was sie tun und wie sie damit die deutsche Öffentlichkeit aufbringen können. Sie haben ja das hiesige Bildungssystem durchlaufen.

Aber was tut man dann?

Uffa Jensen: Durch weitere Aufklärung über den Nationalsozialismus erreichen sie bei dieser Gruppe vermutlich wenig. Das ist nicht die Lebens- und Familiengeschichte dieser jungen Männer. Wir können mit ihnen nicht über unsere eigenen Großväter und deren historische Schuld sprechen. Sinnvoller wäre es, bei den Erfahrungen der Ausgrenzung anzufangen, die sie selbst erlebt haben. Davon ausgehend könnte man ihnen die jahrhundertealte Geschichte des Antisemitismus vermitteln, die weder im Nationalsozialismus begonnen hat noch danach beendet war. Ich könnte mir vorstellen, dass dann eher ein Begreifen einsetzt. Sicher nicht bei allen, aber doch bei einem größeren Teil von ihnen. Und damit wäre ja schon viel erreicht.