"Durch die Krise": Café Naschmarkt wird zu Tante-Emma-Laden

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29.12.2020, 06:02 Uhr
Die Inhaberin des Cafés „Frische“ Naschmarkt hat ihr Angebot um Grundnahrungsmittel wie etwa Milchprodukte und Backwaren erweitert. Die Umstellung wurde notwendig, weil ihr Umsatz im Gastronomie-Bereich durch die Lockdowns radikal einbrach.

Die Inhaberin des Cafés „Frische“ Naschmarkt hat ihr Angebot um Grundnahrungsmittel wie etwa Milchprodukte und Backwaren erweitert. Die Umstellung wurde notwendig, weil ihr Umsatz im Gastronomie-Bereich durch die Lockdowns radikal einbrach. © Foto: Lidia Piechulek

Die 100 Quadratmeter große Verkaufsfläche, sie hat sich merklich verändert in diesem Jahr. In den gemütlichen Winkeln des Raums standen früher überall Tische und Stühle, insgesamt fanden an elf Tischen 40 Personen Platz. Doch dann kam Corona, es kam der Mindestabstand, und aus elf wurden fünf Sitzgruppen. Die Einnahmen halbierten sich dadurch beinahe, "die Ausgaben sind aber die gleichen geblieben", erklärt Gabriele Prix, Inhaberin des "Cafés Naschmarkt" in der Treuchtlinger Bahnhofstraße.

Die Weißenburgerin Gabriele Prix eröffnete vor drei Jahren ihr Café Naschmarkt.

Die Weißenburgerin Gabriele Prix eröffnete vor drei Jahren ihr Café Naschmarkt. © Foto: Lidia Piechulek

Prix weiß noch genau, wie sie nach dem ersten Lockdown wieder öffnete und ihr für sein Frühstück bekanntes Café geradezu überrannt wurde. Die Treuchtlinger, so schien es, hatten das Beisammensein bei Kaffee und Kuchen vermisst.

Prix und ihre Mitarbeiterinnen, frisch aus der Kurzarbeit zurückgekehrt, servierten das Brunch-Buffet fortan direkt am Tisch, um den Corona-Maßnahmen gerecht zu werden. Im Sommer federte die Außenbestuhlung die geringe Kapazität des Cafés ein wenig ab, die Einnahmeausfälle konnte dies dennoch nicht wettmachen. Wie auch, bei so wenig Gästen?

Insgesamt, berichtet die Inhaberin, habe das Interesse am Café dann auch abgenommen. Am Wochenende war das Frühstück weiterhin beliebt, aber es fehlte unter der Woche die Laufkundschaft. Ältere Stammgäste, die sich sonst regelmäßig zum Kaffeetrinken mit Freunden verabredeten, kamen nach dem ersten Lockdown teilweise nicht mehr zurück. Zum Mittagstisch "habe ich Suppe gekocht, und es kam keiner mehr", bedauert Prix.


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Die Phasen ohne jegliche Kundschaft wurden länger – und irgendwann zur Jahresmitte reifte in der Geschäftsfrau der Entschluss, das Konzept umzustellen. "Ich hatte im Grunde genommen zwei Optionen", erklärt Prix: "Weiterexistieren und investieren, oder den Laden zumachen." Sie entschied sich für ersteres und erweiterte die Ladentheke im Herbst um Käse, später um Brot, Nudeln, Joghurt und andere Milchprodukte sowie Backwaren. Ihr Café trägt nun einen neuen Beinamen: Café "Frische" Naschmarkt.

Da das Geschäft ohnehin als Café und Einzelhandel gewerblich gemeldet war, stellte die Umstellung rechtlich kein Problem dar. Prix bietet nun, während der Cafébetrieb nicht möglich ist, Kaffee und Kuchen "to go" an – genauso wie "die allzeit beliebten Granatsplitter", erklärt sie und lacht. Es ist, wie die Inhaberin selbst sagt, "mein letzter Versuch, mit 61 Jahren".

Den Traum von einer eigenen Käserei hegte die Weißenburgerin schon lange, jedoch wollte sie ursprünglich beide Konzepte räumlich voneinander trennen. Daraus wird nun nichts, mangels Einnahmen. Die Fragilität ihres Cafébetriebs hat sie in diesem Jahr, zwischen schwankenden Beschränkungen und zwei Lockdowns, allerdings erkannt.

Kunden sollen Wünsche äußern

Dass die Beschränkungen für die Gastronomie in den nächsten Monaten aufgehoben werden, hält Gabriele Prix für überaus unwahrscheinlich – und investiert deshalb vermehrt in den Ausbau des Lebensmittelladens, indem sie sich nach weiteren Händlern in der Region umsieht. Derzeit umfasst ihr Sortiment unter anderem Käsevariationen aus Triesdorf, Walnussspezialitäten aus Dittenheim und Säfte vom Polsinger Schlossgut. Dreimal die Woche gibt es Brot von regionalen Bäckern.

Prix sammelt fast alle Produkte selbst mit dem Auto ein, weil ihre Einkaufsmengen schlichtweg zu gering für eine Lieferung sind. Nach eigenen Angaben wird ihr Konzept aber durchaus gut angenommen: Es gebe bereits Stammkunden, die vorbestellt und regelmäßig im Café "Frische" Naschmarkt einkaufen.

Die Idee hinter dem neuen Konzept ist es, in diesen Zeiten gerade die regionalen Hersteller von Lebensmitteln zu unterstützen beziehungsweise den Kunden die Möglichkeit zu geben, das zu tun. Für die Treuchtlinger will Prix einen Ort schaffen, der an einen Tante-Emma-Laden erinnert. "Hier können sie in Ruhe und mit weniger Gedränge als im Discounter einkaufen", findet sie. Ein Vorteil sei außerdem die zentrale Lage in der Bahnhofsstraße.

Für die nächsten Monate könnte sich Prix vorstellen, noch mehr frische Produkte ins Sortiment aufzunehmen. "Regionales Obst und Gemüse sind eine Überlegung", verrät die Unternehmerin. Sie appelliert an ihre Kunden, auf sie zuzugehen, wenn ihnen bestimmte Produkte fehlen.


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Vor rund drei Jahren sei sie gern nach Treuchtlingen gekommen, um einen Leerstand im Stadtkern auszufüllen, betont Gabriele Prix. Spurlos sei die Pandemie aber definitiv nicht an ihr vorbeigegangen, verweist sie auf die ungewisse Zukunft ihres Geschäfts. Zwei ihrer Mitarbeiterinnen musste Prix in den vergangenen Monaten entlassen, nun hütet sie die meiste Zeit allein das Café. Solange sie "noch weiter existieren kann", möchte sie eine wohnortnahe Versorgung jedoch gerade für die älteren Kunden im Treuchtlinger Stadtkern anbieten.

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