Corona vs. Excel: Gesundheitsämter auch in Franken am Limit

André Ammer

Region und Bayern

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20.10.2020, 05:50 Uhr

Excel-Tabellen, auf die immer nur jeweils ein Mitarbeiter Zugriff hat, Probleme mit Datenverlust und selbst programmierte Datenbanken, die nicht kompatibel mit anderen Computerprogrammen sind – nach Ansicht von Katharina Schulze, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im bayerischen Landtag, sind bis jetzt teilweise unzureichende EDV-Lösungen zur Pandemie-Bekämpfung eingesetzt worden. Das sei "peinlich für den Freistaat Bayern", konstatierte Schulze nach einer entsprechenden Anfrage ihrer Fraktion an den Landtag.

Dabei gäbe es neue Software für die Fallverwaltung von Corona-Infizierten und deren Kontaktpersonen, doch die wird nur von einem Teil der 76 Gesundheitsämter im Freistaat eingesetzt. Im Mai stellte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) das System BaySIM vor, das die Behörden unter anderem bei der Kontaktnachverfolgung digital unterstützen und unnötige Doppelarbeit vermeiden soll. Bislang wird BaySIM, mit dem Infizierte auch selber Daten an die zuständigen Mitarbeiter weiterleiten können, aber nur von 31 Gesundheitsämtern verwendet. In Mittelfranken kommt das Programm aktuell in einer von acht Behörden zum Einsatz, in Unterfranken in zwei von neun Ämtern.

"Gespräche mit weiteren Gesundheitsämtern laufen", versichert ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums, denn natürlich habe der Einsatz einer einheitlichen Software mehrere Vorteile. Zum Beispiel könnten anonymisierte Daten einfach zusammengeführt werden, wenn sie aus demselben Programm stammen "Dadurch können bayernweite Entwicklungen besser sichtbar gemacht, die Aussagekraft von Prognosen erhöht und die Auswirkungen von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie besser nachvollzogen werden."


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Ein weiterer Vorteil bestehe darin, dass Datensätze von Personen entsprechend der Zuständigkeit von einem Gesundheitsamt an das andere digital übergeben werden können – "natürlich unter der strengen Einhaltung datenschutzrechtlicher Vorgaben". Wenn jedes Gesundheitsamt seine eigene Software verwende, müssen diese Daten in Papierform übergeben werden. Es komme zu Doppelerfassungen. "Die damit verbundene Neuanlage der Daten beansprucht wertvolle Arbeitszeit und ist eine potentielle Fehlerquelle", heißt es aus dem Ministerium.

Ziel sei es deshalb, BaySIM flächendeckend an allen bayerischen Gesundheitsämtern zum Einsatz zu bringen. "Entsprechende Gespräche mit den Kommunen laufen", berichtet der Ministeriumssprecher. Die Entscheidung, diese Software zu nutzen oder nicht, liege aber nach wie vor bei den Kreis- beziehungsweise Stadtverwaltungsbehörden.

Und da liegt der Teufel oft im Detail. Das Gesundheitsministerium Nürnberg etwa hat bereits im März – also noch vor der Einführung von BaySIM – in Zusammenarbeit mit der städtischen IT und der Technischen Hochschule Nürnberg das System COVID-PIS aufgebaut, um das Management der infizierten Menschen sowie der Kontakt- und Verdachtspersonen und der von Infektionsfällen betroffenen Einrichtungen zu unterstützen. "Die Datenmenge war mit dem zunächst genutzten Excel nicht mehr beherrschbar", sagt Amtsleiterin Katja Günther.


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Derzeit biete die Eigenentwicklung bei der Unterstützung der Kommunikation mit Kontaktpersonen deutliche Vorteile, versichert die Chefin der Nürnberger Behörde. Für den Austausch mit anderen Gesundheitsämtern werde jedoch parallel zu COVID-PIS auf einigen Arbeitsplätzen der Einsatz von BaySIM geprüft.

"Notwendig hierzu wäre eine Import-Export-Funktion in beiden Systemen", erklärt Katja Günther, und angesichts der technisch ziemlich komplexen Anforderungen für den reibungslosen Datenaustausch zwischen unterschiedlichen Systemen wird wohl noch einige Zeit ins Land gehen. Die Migration der Daten würde ein Projekt von wenigstens 16 Wochen Dauer erfordern und könnte erst nach deutlichem Abklingen der Infektionswelle bewältigt werden, schätzt die Chefin des Gesundheitsamtes. Daran ist angesichts der aktuellen Corona-Zahlen wohl nicht so schnell zu denken.


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