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Erlanger Ethiker zu Reisen in Risikogebiete: "Selten fahrlässig"

Ethiker Matthias Braun von der Uni Erlangen fordert mehr Verständnis für Familien und Arbeitnehmer - 05.08.2020 05:51 Uhr

Geisterhaft wirken die Hände eines medizinischen Mitarbeiters bei einem Corona-Test in Indien. Dass Rückkehrer aus Risikogebieten, zu denen der Flächenstaat zählt, die Kosten der Tests tragen sollen, ist ethisch gesehen problematisch.

© Mahesh Kumar A/AP/dpa


Herr Braun, ist ethisch gesehen eine Corona-Testpflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten vertretbar?

Ja, eine solche Pflicht ist gut zu rechtfertigen, wenn man die individuellen Freiheitsrechte und den Gesundheitsschutz auf Ebene des Gemeinwohls abwägt. Bedenklich finde ich allerdings die verbreitete Meinung, dass die Urlauber die Kosten für diese Tests übernehmen sollen.


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Wieso ist das problematisch?

In nicht wenigen Fällen sind Reisen in sogenannte Risikogebiete Besuche bei Angehörigen und Familienzusammenführungen, die ein ganz wesentlicher Punkt für das Wohlergehen sind. Oder aber es handelt sich um lange im Voraus geplante Reisen, wo der breite Teil der Bevölkerung, und insbesondere Familien, nicht ohne weiteres die Möglichkeit haben, mal eben ein alternatives Ziel zu wählen. Allen Fällen ist dabei gemein: Die Einstufung als Risikogebiet erfolgt sehr dynamisch. Da kann es nicht die Aufgabe des Einzelnen sein, die Kosten dafür zu tragen, weil man das so einfach nicht vorhersehen konnte und von Fahrlässigkeit selten die Rede sein kann.

Hält eine Kostenübernahme der Pflichttests durch Rückkehrer aus Risikogebieten für problematisch: Dr. Matthias Braun (Jahrgang 1984). Er arbeitet in Erlangen am Lehrstuhl für Systematische Theologie II (Ethik) von Professor Peter Dabrock.

© FAU


Ihre Ansicht wird viele Arbeitnehmer freuen, die es nach verbreiteter Rechtsauffassung selbst verschuldet haben, wenn sie sich bei einer solchen Reise anstecken und dann keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall bekämen. Ist das fair?

Aus ethischer Perspektive kann man sehr klar argumentieren, dass Arbeitnehmer in solchen Fällen ein Recht auf Lohnfortzahlung haben sollten. Angesichts der Notsituation, in der wir uns mit der Pandemie befinden, sind wir sehr gut beraten, die Dynamik so ernst zu nehmen und anzuerkennen, dass das Ausrufen eines Risikogebiets sehr plötzlich erfolgen kann. Kaum einer, der heute in Katalonien Urlaub macht, hat vor drei Wochen geplant, in ein Risikogebiet zu fahren. Es liegt also nicht per se ein Anfangsverdacht von Fahrlässigkeit vor. Zugleich ist es Aufgabe staatlichen Handelns, den Gesundheitsschutz zu gewährleisten. Und hier sind die Tests ja ein verhältnismäßig mildes Mittel. Mehr noch: Wir testen immer noch viel zu wenig.

Was spricht aus Ihrer Sicht noch für mehr Verständnis für Reisen in Risikogebiete und kulante Regelungen?

Viele Menschen haben in den vergangenen Monaten eine enorme Arbeitsleistung erbracht – sei es im Homeoffice, im Einzelhandel oder der Pflege, sei es in Altenheimen und Kliniken oder aber auch zuhause. Das geht an niemandem spurlos vorbei und Urlaub ist hier eine wichtige Unterbrechung. Gerade auch unter dem Aspekt, dass die Pandemie noch nicht ausgestanden ist, dass es auch in Zukunft weiterer Entbehrungen bedarf, wäre es töricht, Urlaub gegen Gesundheitsschutz auszuspielen.

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Kann man Erholung und eine Auszeit nicht genauso gut bei Reisen innerhalb Deutschlands finden?

Auch Deutschland ist in Sachen Corona ja kein Hort der Glückseligen. Bei dieser Argumentation schleicht sich unterschwellig ein Eigen-Fremd-Schema ein nach dem Motto: Hier ist es sicher, andernorts kann man sich überall leicht infizieren. Wir können uns aber genauso gut in Gottesdiensten oder beim Badebesuch am überfüllten Badesee infizieren. Wir tun gut daran, nicht blind Vorurteilen zu folgen oder gar in Ressentiments zu verfallen. Es geht darum, verantwortlich und das heißt dann vor allem: kontextsensitiv und weitsichtig zu agieren und dabei gleichzeitig bereit zu sein, gewisse (Lebens-)Risiken einzugehen.

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