Klimawandel

Erlanger Wissenschaftler erklärt: So ist die Arbeit im Weltklimarat

Isabella Fischer
Isabella Fischer

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16.8.2021, 07:37 Uhr
Die Weltmeere haben unter dem Klimawandel besonders zu leiden. Der Erlanger Paläobiologe Wolfgang Kießling beschäftigt sich im nächsten Weltklimabericht mit den Auswirkungen auf die Ozeane. 

Die Weltmeere haben unter dem Klimawandel besonders zu leiden. Der Erlanger Paläobiologe Wolfgang Kießling beschäftigt sich im nächsten Weltklimabericht mit den Auswirkungen auf die Ozeane.  © James Cook University, dpa

Professor Kießling, Sie arbeiten seit 2019 an einem Bericht des Weltklimarates IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) mit. Um was geht es in Ihrem Bericht?

Kießling: Der IPCC hat drei Arbeitsgruppen. In der Arbeitsgruppe I sind die Klimaforscher, die den Klimawandel untersuchen und prognostizieren, wie es weiter geht. Das ist praktisch Physik und Meteorologie. Ich bin in der zweiten Arbeitsgruppe. Wir schauen uns an, was der Klimawandel alles konkret anrichtet und wie man sich am besten anpassen kann. Die dritte Gruppe kümmert sich um das, was in der Öffentlichkeit am meisten diskutiert wird: Wie man den Klimawandel abmildern kann. Denn er ist schon längst da, verhindern kann man ihn nicht mehr.

Wolfgang Kießling (*1965 in Coburg) lehrt und arbeitet als Paläobiologe an der
Friedrich-Alexander-Universität (FAU). Paläobiologie bezeichnet die Wissenschaft von fossilen tierischen und pflanzlichen Organismen. Seit 2012 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Paläobiologie an der FAU. Der gebürtige Coburger ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Wolfgang Kießling (*1965 in Coburg) lehrt und arbeitet als Paläobiologe an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU). Paläobiologie bezeichnet die Wissenschaft von fossilen tierischen und pflanzlichen Organismen. Seit 2012 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Paläobiologie an der FAU. Der gebürtige Coburger ist verheiratet und hat zwei Töchter. © Harald Sippel

Sie sind einer der Hauptautoren für den sechsten Sachstandsbericht, der im Februar 2022 erscheinen soll - was ist Ihr Themenschwerpunkt?

Kießling: Als Paläobiologe erforsche ich in meinem Alltag, wie sich der Klimawandel früher auf Organismen ausgewirkt hat und was man daraus für heute und die Zukunft schließen kann. In meiner IPCC-Arbeitsgruppe beschäftigten wir uns mit Natursystemen und Biodiversität, welche Arten vom Klimawandel bedroht sind und wir sie am besten schützen können. Insgesamt bewerten wir die Risiken des Klimawandels, was das Ganze kosten wird und was Länder investieren müssen, um größere Schäden zu vermeiden. Ich bin dabei für zwei Kapitel mitverantwortlich: Der globale Ozean und Biodiversität-Hotspots.


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Stichwort Hochwasser - da hat man in den vergangenen Wochen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ja gesehen, was es anrichten kann. Kam das überraschend?

Kießling: Extreme Ereignisse überraschen immer, denn keiner kann sagen, dass sie es so und so vorhergesehen haben. Aber: Der IPCC hat schon im letzten Bericht gesagt, dass solche Extremwetterereignisse künftig zunehmen werden. Das zeigt auch die Klimaprognose des letzten Berichts: Hochwasser und Dürre wird es in Zukunft öfter geben. Es wird sich alles viel ungleicher verteilen, als es bislang der Fall war.

Wie kann man darauf reagieren?

Kießling: Die Anpassung an den Klimawandel kann man falsch machen. Natürlich kann man bei warmen Wetter Klimaanlagen einbauen, damit es in den Räumen kühler wird - doch das verstärkt den Klimawandel nur noch. Wir müssen auch aktiven Hochwasserschutz betreiben. Hochwasser kann man mildern, indem man die Bebauung verhindert und Wälder zulässt. Die können sehr viel Wasser speichern. Wo kein Wald ist, fließt das Wasser leichter ab. Wozu das führen kann, haben wir gesehen. Auf Englisch heißt es “Nature based solutions”, also Lösungen für den Klimawandel unter Zuhilfenahme der Natur. Es nimmt natürlich viel Raum ein, aber aus unserer Sicht ist das die beste Lösung.

Klingt logisch - Wie sieht das hier in der Region aus?

Kießling: Im Prinzip weiß man das ja alles schon seit Ewigkeiten, gemacht wird aber wenig. In Nürnberg und Umgebung kann man gut sehen, wie mit der Pegnitz und Regnitz umgegangen wird. Da wurde viel Platz gelassen. Durch die großen Wiesengründe, werden viele Schäden verhindert.


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Der letzte Bericht hat in der Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit erfahren. Glauben Sie, dass das Bewusstsein durch Umweltkatastrophen wie das Hochwasser noch weiter gestärkt wurde?

Kießling: Diese Wetterextreme werden wieder kommen, das ist gar keine Frage. Ich denke, in der breiten Bevölkerung ist es schon vor einer Weile angekommen, dass sich das Klima ändert, nur wird zu wenig darüber gesprochen, dass wir schon jetzt mit den Konsequenzen leben und umgehen müssen. Wo unsere Botschaften eigentlich hin müssen, sind die Entscheidungsträger, die Politiker. Es enttäuscht mich immer wieder wie da herumgeeiert wird. Politiker versichern zwar ständig, dass sie die Thematik ernst nehmen, aber in der Praxis passiert viel zu wenig. Sowohl um den Klimawandel zu mindern, als auch um sich an ihn anzupassen.

Was muss passieren?

Kießling: Wir brauchen wirklich einen substanziellen Wandel und dafür sind viele noch nicht bereit. Die Frage ist: Muss man alles über Verbote machen oder geht es über Anreize? Fakt ist: Die Zeit drängt, wir haben nicht mehr viel davon. 2050 müssten wir schon auf Netto null der Treibhausgase sein, um die Erderwärmung auf 1.5 Grad zu begrenzen. Meiner Meinung nach wird das nicht funktionieren.

Geben Sie uns einen Blick hinter die Kulissen - wie entsteht ein Weltklimabericht?

Kießling: Im Weltklimarat arbeiten ungefähr 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. In meiner Arbeitsgruppe sind wir knapp 300 Leute. Vor Corona haben wir uns zwei Mal jährlich in einer großen Konferenz getroffen und Ergebnisse präsentiert und diskutiert. Seit Corona sind die Treffen sogar noch mehr geworden, allein diese Woche hatte ich vier. Es wird unheimlich viel diskutiert - man kann sich nicht vorstellen, wie viel Zeit das in Anspruch nimmt. Am Ende geht es um jeden Satz, um jedes Wort. Und das bei mehreren tausend Seiten, die der Bericht insgesamt hat.


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Wie wird so ein Bericht überprüft?

Kießling: Wir müssen mehrere Versionen vorlegen, intern, für Wissenschaftler und Politiker. Jede Version wird begutachtet und kommentiert - wir müssen auf alle Kommentare eingehen. In unserem Kapitel über die Ozeane hatten wir bei der letzten Version alleine 1500 Kommentare. Nur, damit man sich die Dimensionen mal vorstellen kann. Wir dürfen nicht einfach vor uns hinschreiben. Wir dürfen ja nichts unter den Tisch fallen lassen, wir stellen uns schließlich der ganzen Welt.

Wie wird man Teil der IPCC-Gemeinde?

Kießling: Man wird nominiert und muss sich dann bewerben. Dann wird geschaut, ob das Geschlechter- und Altersverhältnis passt. Dem IPCC ist es wichtig, dass es nicht zu stark von westlichen Ländern dominiert wird, dass auch aus Afrika oder Südamerika Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dabei sind. In meiner Gruppe war rund die Hälfte der Autoren neu, manche erfahrene Hasen arbeiten schon seit über 20 Jahren mit. Alles ist natürlich ehrenamtlich. Es gibt kein Geld.

Der Countdown läuft - wie sehen die nächsten Wochen bei Ihnen aus?

Kießling: Anfang September müssen wir unsere Kapitel schon einreichen, wir arbeiten also gerade mit Hochdruck daran. Es gibt einen technischen Teil, in dem alles wissenschaftlich erklärt wird und dann noch eine Zusammenfassung für die Politiker. Daran wird bis zum Schluss gearbeitet, dass dieser Teil leicht lesbar ist und keine komplexen wissenschaftlichen Formulierungen enthält. Es ist unglaublich viel Literatur, die wir erfassen müssen. Ich muss pro Jahr rund 1000 neue Arbeiten anschauen, bewerten und entscheiden, ob wir sie in unseren Bericht aufnehmen. Die Arbeitsgruppe I hat beispielsweise 14.000 Studien berücksichtigt. Es ist noch ein harter Weg, den wir vor uns haben.

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