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Freistaat überweist der Uni Erlangen-Nürnberg zu wenig Geld

Die Millionen sind Tropfen auf den heißen Stein - 23.11.2013 10:00 Uhr

62 Millionen Euro braucht die Uni Erlangen-Nürnberg, um die wichtigsten Bau-Mängel zu beseitigen. Würde sie jedem Rost und jeder alten Lampe zu Leibe rücken, müsste sie sogar eine Milliarde Euro in die Hand nehmen. © Uni Erlangen


Siebenmal sind die Geografen in den vergangenen Jahren sprichwörtlich abgesoffen. Immer wenn über der Philosophischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg der Regen aus den Wolken bricht, stehen die Laborräume im Keller unter Wasser. Durch einen Abfluss im Boden drückt das Regenwasser nach oben. Inklusive Sand. Heuer ist das schon zweimal passiert.

Setzt der Starkregen an einem Wochenende ein, sickert das Wasser sogar seelenruhig in den Fußboden. Bis der aufwendig getrocknet ist, können die Geografen in den Laborräumen nur das Nötigste erledigen. Zwar hat der Regen schon einige Rechner auf dem Gewissen – doch deshalb rücken noch lange nicht die Handwerker an. Der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) fehlt einfach das Geld.

62 Millionen Euro benötigt sie allein dafür, die dringendsten Arbeiten zu erledigen – etwa in Sachen Brandschutz. Würde die Hochschule alle morschen Fensterrahmen, rostigen Geländer oder alten Lampenverkleidungen austauschen, bräuchte sie sogar eine Milliarde Euro. Seit Jahren betont Karl-Dieter Grüske, Präsident der FAU, dass der Staat für den Bauunterhalt zu wenig Geld zur Verfügung stellt. „Wir verwalten im Grunde den Mangel und stopfen ständig Löcher.“

Bereits vor zehn Jahren war der marode Zustand bekannt

224 Millionen Euro hat die Universität im vergangenen Jahr vom Freistaat, ihrem Eigentümer, erhalten. Doch dieses Geld nützt ihr für den Bauunterhalt nichts. Es ist zweckgebunden und soll die Personal- und Sachkosten decken. Für den Bauunterhalt gab es lediglich fünf Millionen Euro. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Dabei ist die Finanzierung der Hochschulen Aufgabe des Staates – das betont Bayerns Wissenschaftsministerium sogar selbst.

Die Rufe der Universität nach mehr Geld bleiben seit Jahren ungehört. 33 Millionen Euro hatte die Hochschule 2012 für den Bauunterhalt beantragt. 2011 waren es 30 Millionen. In beiden Fällen wurden ihr knapp fünf Millionen zugeteilt. Auch 2010 schrumpften die gewünschten 47 Millionen auf rund fünf Millionen Euro. Dabei wird bereits im Jahresbericht der Uni von 1999/2000 der „marode Zustand mancher Universitätsgebäude“ beklagt.

Allein der Mängelbericht über das Gebäude in der Erlanger Kochstraße 4 umfasst mehrere Dutzend Seiten. Das Staatliche Bauamt Erlangen-Nürnberg wies die Uni auf morsche Fensterrahmen, Defizite im Brandschutz, lose Geländerverankerungen und feuchte Wände hin. In Notfällen sei eine Evakuierung „problematisch“. An den zu engen Türen könnte es sich stauen.

Mittlerweile hat sich das Problem von selbst gelöst. Im September krachte im Keller des Gebäudes ein großer Deckenfladen auf den Schreibtisch eines Mitarbeiters. 100 Kilogramm. Zum Glück nachts, sonst hätte die Masse den Angestellten erschlagen. Das Gebäude wurde gesperrt. Ein Fiasko. Für die Sanierung stellte der Freistaat in kürzester Zeit 1,5 Millionen Euro bereit.

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Feuchte Wände und rostige Türen: Nicht nur die Studierenden beklagen unhaltbare Zustände an der Philosophischen Fakultät der FAU und fordern höhere Mittel für den Bauunterhalt. Im Juli 2013 musste das Gebäude in der Kochstraße 4 bis auf weiteres komplett gesperrt werden.


Der Sanierungsdruck auf Uni und Bauamt wird künftig noch stärker: 70 Prozent der Gebäude der Philosophischen Fakultät stammen aus den 1950er bis 1970er Jahren. Zehn Prozent wurden im 19. Jahrhundert erbaut. Gerade die Gebäude aus den 70er Jahren „altern schlecht“, erklärt Dieter Maußner, Leiter des Staatlichen Bauamts mit Sitz in Erlangen. Die Betonkonstruktionen sind nicht nur schlecht gedämmt, die Flachdächer geben nach 30 Jahren auch langsam ihren Geist auf.

Jahr für Jahr muss das Bauamt Arbeiten verschieben

Es sind „immer gleich größere“ Maßnahmen, sagt Maußner. Und bei größeren Sanierungen ist das Geld „schnell weg“. Feuchteschäden oder tiefe Risse in den Wänden – was nicht gegen gesetzliche Vorgaben verstoßt, rückt auf der Sanierungsliste nach hinten. Dieter Maußner muss sich in erster Linie um Brandschutz und Aufzüge kümmern. Und es gebe immer wieder neue gesetzliche Regelungen, sagt er. Notwendige Arbeiten muss die Hochschule Jahr für Jahr verschieben – wie das neue Rückstauventil im Labor der Geografen. Kostenpunkt: 20.000 bis 30.000 Euro.

Dass der Freistaat den bayerischen Universitäten zu wenig Geld gibt, hat der Oberste Rechnungshof bereits vor Jahren erkannt und gerügt. In einem Bericht von 2006 heißt es, der „Bedarf an Haushaltsmitteln“ der Unis liege „erheblich“, zum Teil um ein Vielfaches höher als die „zugewiesenen Mittel“. Der Rechnungshof warnte davor, dringend notwendige Maßnahmen aufzuschieben. Das würde zu „überproportionalen Kosten in den Folgejahren“ führen.

Nicht nur die Substanz der Gebäude der Philosophischen Fakultät ist marode. Bei den Naturwissenschaftlern floss sogar Wasser aus einer Steckdose und vor zwei Jahren platzte Beton aus der Fassade des Rechenzentrums am Informatikhochhaus. „Allein am Campus Regensburger Straße in Nürnberg beträgt der Sanierungsstau mittlerweile 40 Millionen Euro“, sagt Uni-Präsident Grüske.

„Die Studien- und Arbeitsbedingungen an den bayerischen Hochschulen sind beeinträchtigt von der permanenten Unterfinanzierung“, er-klärt Isabell Zacharias, hochschulpolitische Sprecherin der SPD. Der Freistaat lasse seine Universitäten fahrlässig verfallen. Das Thema Sanierung: für Zacharias ein „Fass ohne Boden“. Drei bis fünf Milliarden Euro beträgt der Sanierungsstau an allen bayerischen Universitäten, schätzt sie.

Bereits Ende 2012 hatte Isabell Zacharias zusammen mit weiteren Politikern die Staatsregierung aufgefordert, im Hochschulausschuss Auskunft über den Sanierungsbedarf der bayerischen Hochschulen zu geben. Laut Plenarprotokoll wurde der Antrag noch nicht einmal im Plenum beraten.

Freistaat weist Vorwürfe zurück

Das bayerische Wissenschaftsministerium weist Zacharias’ Vorwürfe entschieden zurück. Die Staatsregierung unternehme „große Bemühungen für den Erhalt der Gebäude“, heißt es auf Nachfrage der NZ. Zwischen 2008 und 2013 sei „ein umfassendes Modernisierungsprogramm“ in Höhe von vier Milliarden Euro verteilt auf zehn Jahre und alle bayerischen Unis beschlossen worden. Die Uni Erlangen-Nürnberg erhielt davon zwischen 2008 und 2012 rund 181 Millionen Euro. SPD-Politikerin Zacharias betont jedoch: Ein großer Teil des Geldes stamme vom Bund.

Bayerns Hochschulen wollen jetzt den Druck auf die Politiker erhöhen. In Nürnberg haben sie vor kurzem beschlossen, eigene Zahlen zum Sanierungsrückstand zu erheben. Sie haben erkannt, dass aus München wenig Hilfe zu erwarten ist.

Das wird aus einem Schriftstück der Tagung deutlich. Dort wird süffisant bemerkt: „Die Attraktivität des Problems dürfte für politische Entscheidungsträger dadurch eingeschränkt sein, dass es hier nicht um den Aufbau von Neuem, sondern vielmehr um den Erhalt von Bestehendem geht.“
 

Christiane Fritz (Nürnberger Zeitung)

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