Nächtlicher Widerstand

Protest gegen das ICE-Werk bei Roßtal: Drei kleine Dörfer trotzen dem Großkonzern

Sabine Dietz
Sabine Dietz

Lokalredaktion Fürth

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15.8.2021, 15:21 Uhr
#createSourceTag($imagePath, "480", "900", $media) #createSourceTag($imagePath, "320", "600", $media) Zwischen Sojafeld und Sonnenblumenacker formierten Landwirte an der Kreisgrenze von Fürth und Ansbach eine Traktorflotte.

© Hans-Joachim Winckler, NN Zwischen Sojafeld und Sonnenblumenacker formierten Landwirte an der Kreisgrenze von Fürth und Ansbach eine Traktorflotte.

Mit aufgeblendeten Scheinwerfern und Hupkonzert demonstrieren sie nach Anbruch der Dunkelheit auf einer Länge von 400 Metern – so lang ist ein ICE –, was Lärm- und Lichtemissionen eines Instandhaltungswerks der Deutschen Bahn (DB) vor Ort bedeuten würden.

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Nach einem fast zweistündigen Redemarathon von zwei Dutzend Politikern, Wahlkämpfern und Verbandsfunktionären haben die Gäste auf dem Kleinfeld hinterm Sportheim des SV Raitersaich offensichtlich nur noch darauf gewartet: Zig Smartphones schnellen hoch, um die nächtliche Licht- und Tonorgel festzuhalten. Von der Terrasse des Sportheims aus untermalen die Akteure der Bürgerinitiative (BI) "Nicht schon wieder Raitersaich" die Szenerie mit der dramatischen, von dumpfen Paukenschlägen unterbrochenen Trompetenfanfare aus Richard Strauss‘ Orchesterwerk "Also sprach Zarathustra".

"Ökologischer Wahnsinn"

Manfred Wißmüller, Sprecher der Raitersaicher BI, die die Kreisgrenzen überschreitende Aktion gegen Standorte des ICE-Werks in Raitersaich sowie den Heilsbronner Ortsteilen Müncherlbach und Ketteldorf mit den BI aus Rohr und Heilsbronn organisiert hat, nennt dazu Zahlen: Etwa 350 000 Liter Abwasser würden die 25 ICE, die in der Anlage gereinigt werden sollen, jeden Tag mit aufs Land bringen.


Protest gegen das ICE-Werk: Warum die Raitersaicher das Projekt rundum ablehnen


Die 25 Kilometer zum Verkehrsknotenpunkt im Zentrum Nürnbergs zögen mit dem Hin und Her der 25 Züge sowie den An- und Abfahrtswegen von 450 Mitarbeitern jeden Tag 23 500 Kilometer Fahrtstrecke nach sich. Eine Strecke, die binnen zwei Tagen einmal rund um die Erde führen würde. Für Wißmüller "ein ökologischer Wahnsinn". Ganz abgesehen davon, dass die DB seit 2004 18 500 Hektar eigene Liegenschaften verkauft habe, eine Fläche, in der 520 ICE-Werke in der jetzt geplanten Dimension Platz fänden.

Linienbus auf spezieller Mission

Im Vorfeld der Kundgebung hatte sich ein Linienbus des Rohrer Busunternehmens Reck auf eine besondere Mission gemacht. Die BI Raitersaich hatte Politiker und Verbandsfunktionäre zur Rundfahrt durch Wald und Flur eingeladen, um ihnen vor Augen zu führen, welche Auswirkungen das ICE-Werk in der Gegend hätte, etwa auf die betroffenen Landwirte.

Vor ihren Äckern berichten sie davon, dass das Werk ihre Existenz ruinieren würde. Im Fall der Müncherlbacher Landwirtin Andrea Schmidt, die einen von gerade noch drei Höfen im Dorf betreibt, müsste sogar der neu gebaute Milchviehstall weichen. Unter anderem geht es ins Heiligenholz, wo Roßtals Pfarrer Jörn Künne eindringlich auf die Konsequenzen für das Waldgebiet hinweist: Die 45 Hektar Forst im Besitz der Kirchengemeinde Buchschwabach würden massiv leiden, hier wäre die Wendeschleife des ICE-Werks angesiedelt.

"Das dürfen wir nicht hinnehmen"

Georg Großer, Sprecher der Rohrer BI "Lebensraum bewahren" und selbst Jäger, unterstreicht die Bedeutung des Waldes als Lebens- und Rückzugsraum für Wildtiere. "Ein Bauwerk dieser Dimension in die freie Landschaft zu stellen, das dürfen wir nicht hinnehmen."

Roßtals Bürgermeister Rainer Gegner verweist auf die Folgen. Mehr Abwasser, mehr Wasserverbrauch in der ohnehin bereits trockenen Region, zudem fehle es am für den Lkw-Zulieferverker nötigen Straßennetz. "Den Brandschutz sollen die Freiwilligen vor Ort sichern. Das alles geht zu Lasten der Gemeinde und der Steuerzahler."

"Wir sind nicht der Fußabstreifer der Metropolregion"

"Die Kommunen sollen es dann richten", meint Heilsbronns Bürgermeister Jürgen Pfeiffer (CSU): Die Vorteile des ICE-Werks hätte der Ballungsraum, "die Nachteile sollen wir am Land tragen". Hans Henninger (FW), stellvertretender Landrat aus Ansbach, formuliert es bei der Kundgebung noch drastischer: "Wir sind Teil der Metropolregion, aber wir sind nicht ihr Fußabstreifer."

Und immer wieder kommt der Einwand: Raitersaich ist bereits genug belastet. Juraleitung, Umspannwerk, Windräder und Solaranlagen. Noch dazu ein ICE-Werk, das will die Bevölkerung nicht hinnehmen, und das gelte nicht nur für Raitersaich, sondern auch für Müncherlbach und Ketteldorf: Sollte es tatsächlich einen der drei Standorte treffen, wären die Dörfer rundum schließlich genauso betroffen.

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