Pflegekräfte fehlen

Zu viele Patienten? Klinikum Fürth wehrt sich gegen Strafzahlungen

Claudia Ziob
Claudia Ziob

Lokalredaktion Fürth

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29.10.2021, 06:10 Uhr
Das Problem: Das Klinikum versorgt mehr Patienten, als es laut PPUG verkraftet. Man könne die Leute gar nicht woanders hinschicken, sagt der Medizinische Direktor, Dr. Manfred Wagner.

Das Problem: Das Klinikum versorgt mehr Patienten, als es laut PPUG verkraftet. Man könne die Leute gar nicht woanders hinschicken, sagt der Medizinische Direktor, Dr. Manfred Wagner.

Immer wieder hat Dr. Manfred Wagner, Medizinischer Direktor und Pandemiebeauftragter des Fürther Klinikums, in der Pandemie öffentlichkeitswirksam appelliert, geschimpft oder gewarnt, zuletzt etwa im Fall Hubert Aiwanger. Sein neuestes Video verbreitet sich seit Dienstag in den sozialen Netzwerken und sorgt für kontroverse Diskussionen.

"Es kann und darf nicht sein, dass wir dafür bestraft werden, dass wir in einer kritischen Situation über unsere Belastungsgrenzen gehen, um die Patientenversorgung sicherzustellen", sagt Wagner. Er fordert Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und die zukünftige Bundesregierung auf, die Strafzahlungen sofort auszusetzen, mit denen Krankenhäuser belastet werden, wenn sie die sogenannten Pflegepersonaluntergrenzen (PPUG) unterschreiten.

Mit den PPUG, die während der Pandemie längere Zeit nicht galten, soll ein Mindeststandard an Pflege gesichert werden, sie begrenzen damit auch die Aufnahmekapazität von Krankenhäusern. Ein Pflegekraft-Patienten-Schlüssel definiert klar, wie viele Patienten mit den vorhandenen Pflegekräften auf einer Station behandelbar sind.

Das Problem: In vielen Häusern fehlt Personal. Die Folge: Will die Klinikleitung die Vorgaben erfüllen, kann sie einen Teil der Betten auf den Stationen nicht belegen. Setzt sie sich darüber hinweg, riskiert sie Strafzahlungen.

Nachdem ihm seine Forderung rasch auch empörte Reaktionen aus dem Pflegebereich einbrachte, stellte Wagner in einem zweiten Video ausdrücklich klar: Er findet nicht die PPUG schlecht. Im Gegenteil: Sie sollen die Beschäftigten vor Überlastung schützen.

Die Kliniken sind im Zwiespalt

Angesichts des Pflegenotstands aber gerieten Krankenhäuser in einen Zwiespalt. Händeringend versuche man, Verstärkung zu akquirieren; und dennoch blieben viele Stellen unbesetzt. Beispiel Klinikum: "Wir konnten 2020/21 70 neue Pflegefachkräfte gewinnen", sagt Wagner, "und trotzdem ist das zu wenig."

Die Krankenhäuser, verdeutlicht er, bekommen also die Pflegekräfte nicht, haben aber noch Betten zur Verfügung und kranke Leute vor der Tür. Was tut man in dieser Situation? Für den Medizinischen Direktor ist die Antwort klar: "Wir nehmen sie natürlich auf". Es gebe keine andere Option. Denn die anderen Häuser seien genauso voll. "Die Möglichkeit, die Patienten woanders hinzuschicken, besteht nicht."

"Prekär" nennt er die Lage der Kliniken im Großraum. Seit Wochen seien sie ausgelastet, mit nicht aufschiebbaren Behandlungen, mit Infekt-Erkrankungen und seit einigen Tagen auch wieder vermehrt mit Covid-Fällen. "Da mehr Patienten kommen, als die Kliniken laut PPUG aufnehmen dürften, gehen sie in die Überbelegung."

Wagner zeigt sich überzeugt: Um die Patientenversorgung aktuell aufrechtzuerhalten, müsse man über die Belastungsgrenzen gehen. Man leiste das "durch den immensen Einsatz unserer Mitarbeiter, man könnte auch sagen: auf dem Rücken unserer Mitarbeiter". Dass die Kliniken dafür noch bestraft werden, leuchtet ihm nicht ein: "Wie krank ist eigentlich unser Gesundheitssystem?"

Bei manchen Pflegekräften indes weckt sein Appell die Sorge, dass der Verzicht auf die Strafzahlungen ausgenutzt werden könnte. Wagner betont: Das Aussetzen wäre nur vorübergehend eine Lösung, "damit wir finanziell sicher weiterarbeiten können". Finanzielle Engpässe würden den Druck aufs Personal schließlich noch erhöhen.

Langfristig brauche es etwas anderes: ein Ende des Pflegenotstands. Die Politik müsse endlich dafür Sorge tragen, dass der Pflegeberuf so attraktiv ist, dass der Mangel verschwindet.

"Wir würden jede Pflegekraft einstellen"

Wie groß aber ist dieser Mangel eigentlich? Experten gehen davon aus, dass bundesweit 100.000 Pflegerinnen und Pfleger in den Krankenhäusern fehlen. Genaue Zahlen, wie viele Stellen in Fürth unbesetzt sind, nennt das Klinikum nicht. Wagner sagt aber: "Wir würden jede Pflegekraft einstellen, die wir bekommen."

Nach seiner Einschätzung können die Kliniken im Großraum wegen des Mangels zehn bis 20 Prozent ihrer Betten nicht betreiben. Im Fürther Klinikum liegen momentan auf acht Stationen zu viele Patienten.

Mit den steigenden Inzidenzen (Fürth am Donnerstag: 163,0; Landkreis Fürth: 145,8) ist im Klinikum auch die Zahl der Corona-Fälle wieder höher. Aktuell werden in Fürth vier Covid-Patienten auf der Intensiv- und elf auf der Corona-Normalstation behandelt.

Auch in der Kinderklinik fehlt Personal. Die vielen RSV-Infektionen bringen sie daher ans Limit, zumal wenn Mitarbeitende krankheitsbedingt ausfallen. Patienten werden schon auf andere Kliniken verteilt. Kinderkrankenpfleger sind besonders rar, sagt Chefarzt Prof. Dr. Jens Klinge. Trotz Dauerakquise seien etwa 20 Stellen nicht besetzt. Das entspreche zehn bis 12 Betten, die man nicht belegen könne.

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