Anwesen wird wohl verkauft

Traditionelles Wirtshaus: Mit Heidi Eiden ist eine Legende abgetreten

Wolfgang Dressler
Wolfgang Dressler

Altmühl-Bote

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23.11.2021, 17:06 Uhr
So war es noch vor wenigen Wochen. Während der Gunzenhäuser Kirchweihtage war auf dem Schießwasen nichts los. In der Südstadt dagegen, bei Heidi Eiden, hatte die Chefin jede Menge zu tun. Inzwischen ist sie zur Ruheständlerin geworden.

So war es noch vor wenigen Wochen. Während der Gunzenhäuser Kirchweihtage war auf dem Schießwasen nichts los. In der Südstadt dagegen, bei Heidi Eiden, hatte die Chefin jede Menge zu tun. Inzwischen ist sie zur Ruheständlerin geworden. © Horst Kuhn, NN

Wo sonst gegen Mittag reges Treiben herrschte, sind nur zwei Menschen im Raum: die Hausherrin Heidi Eiden und ich. Kaum haben wir uns gesetzt, da beginnt direkt ein munteres Gespräch. Heidi Eiden will wissen, was ich von einem Umbau der Weißenburger Straße mit Einbahnstraße halte. Sie ist interessiert an dem, was in Gunzenhausen vorgeht, und noch mehr interessiert an den Menschen. Diese machten ihr Berufsleben aus.

Die gastronomischen Anfänge der Familie lagen in der Hensoltstraße, dann im Gasthaus "Zum Falken". Die Eltern erbauten 1966 die Wirtschaft mit Lokal in der Negeleinstraße in der Südstadt. 1976 starb die Mutter, Vater und Tochter machten unverdrossen weiter. Ab 1980 stand dann Heidi Eiden mehr und mehr in der Verantwortung. 1987 musste sie den Vater zum letzten Gang geleiten, seitdem war es dann so richtig "ihre" Wirtschaft mit allem, was dazugehört. Der Name war Programm: Hier amtierte eine Wirtsfrau, wie man sie sich vorstellt. Die Zeiten gingen vorüber, doch das Gasthaus Heidi Eiden war immer da, so schien es.

Vor zwei Jahren erlitt die Chefin eine schwere Herzattacke. Damals kam bei ihr im Krankenhaus der Gedanke auf: "Wenn ich das Rentenalter erreiche, dann höre ich auf." Und dabei blieb es, ganz unspektakulär, ganz menschlich, sehr verständlich nach den vielen Jahren in Küche, Metzgerei und Gasträumen. So zog sie in ihrem 65. Lebensjahr das Ende des Wirtshauses durch. Der Entschluss fiel leichter, weil auch in der kleinen Schar der Mitarbeiter sich eine Zäsur abzeichnete.

In den letzten Monaten viel die Arbeit schwerer

Sie erwähnt hier dankbar den Namen Fritz Zimmerer, ein treuer Weggefährte. Wegen Corona blieb das Lokal ein halbes Jahr zu. Das war bitter, aber nicht der entscheidende Beweggrund, für immer zu schließen. In den letzten Monaten fiel ihr die viele Arbeit dann schwerer als früher, die ehemalige Belastbarkeit hatte etwas gelitten.

So kam es, dass am Feiertag, 3. Oktober, die letzten Mittagessen serviert wurden, natürlich gutbürgerlich, halt wie immer. Nicht nur der Montagsstammtisch und die Interessensgemeinschaft Negeleinstraße äußerten ihr Bedauern über das Ende und sangen "ihrer" Heidi Eiden und Sohn Florian, der immer eifrig mithalf, ein Lob- und Abschiedslied.

Zu Heidi Eiden kam eigentlich jeder, sei es der heimische Unternehmer, der etwas auf sich hielt, der Arbeiter, der für zehn Euro ein komplettes Mittagessen samt Bier orderte, der Vereinsvorstand, der Stammtisch, die Rentnertruppe, die Kartler, die Schulklassenjubilare oder die Beerdigungsgesellschaft, nicht zu vergessen die Freien Wähler, die Landbürgermeister (gerne am Donnerstag) und die Urlauber.

Ab und zu musste auch ein Donnerwetter sein

Die Hausherrin werkelte in der Küche, ging auch gerne an die "Servierfront". Sie hatte gute Ohren, bekam mit, was an den Tischen so geredet und schwadroniert wurde. Wenn es zu hoch herging, fegte sie auch mal von der Küche aus herein und ließ ein Donnerwetter los. Das war aber selten – Heidi Eiden lobt ihre Gäste über den grünen Klee: alles ehrliche, offene Mitbürger, die halt mal in der Kneipe ein wenig aus sich herausgingen. Wo Menschen zusammen sind, da menschelt es eben.

Das galt auch für die Stadträte, die gerne nach der großen Sitzung hier noch einkehrten. Da steckten dann auch mal Gerhard Gumpert, Max Halbig und Karl Fischer die Köpfe zusammen. Und ein gewisser Dr. Karl Friedrich Zink war zeitweise ihr Nachbar. Da werden Erinnerungen wach an legendäre Wahlkämpfe und -siege.

Es waren fast immer lange Tage, die die Hausherrin absolvierte. So mancher wollte einfach nicht nach Hause gehen, Mitternacht hin oder her. Übrigens wurde in diesem Haus kaum geraucht, warum das so war, kann sie gar nicht genau sagen. Als dann per Gesetz das Rauchen mehr und mehr eingeschränkt wurde, war ihr das nur recht.

Kindergärtnerin für Erwachsene geworden

Als junges Mädchen wollte Heidi Eiden Kindergärtnerin werden, ein Herzenswunsch. Es kam ganz anders, und sie äußert kein Bedauern darüber. Ein wenig blieb sie dem damaligen Traum treu – sie sei dann eben "Kindergärtnerin für Erwachsene geworden", man denke an das oben erwähnte "Donnerwetter", das hin und wieder fällig wurde.

In der Negeleinstraße 39 existierte stets ein klassisches fränkisches Gasthaus, nichts anderes. Von einer sprachlichen Aufwertung in Form von Bar, Lounge oder sonstigem Schnickschnack wollte die Inhaberin nichts wissen. Im Lauf der Jahre wanderten unzählige gebratene Bratwüste auf die Tische und in die hungrigen Mägen. "Zwei mit Kraut" gingen immer. Der Rekordhalter verspeiste sechs Würste ohne große Anstrengung…

Mit der Brauerei Tucher hatte sie immer einen verlässlichen Geschäftspartner an der Seite, da kam Unterstützung. Dreimal lieferte Tucher im Lauf der Jahrzehnte neue Stühle und Tische. Sie bekräftigt: "Am Bier gab es nichts zu meckern." Die Wirtin passte immer auf, ganz frisch angeliefertes Bier nicht anzustechen, der Gerstensaft sollte etwas ruhen, sei es Lederer, Tucher oder Patrizier.

Kleine Wohnung in der Südstadt beziehen

Im Februar kam ein Grieche vorbei, äußerte die Absicht, die Gastwirtschaft fortzuführen, daraus wurde dann nichts. Es sieht tatsächlich so aus, dass Heidi Eiden das Anwesen verkaufen wird. Sie geht davon aus, dass es in dieser guten Lage Interessenten geben wird und das Haus zu Wohnungen umgebaut wird. Die Wirtin i. R. will dann mit ihrem Sohn eine kleine Wohnung irgendwo in der Südstadt beziehen, so der Plan.

Sie wird also in der Altmühlstadt weiterhin präsent sein, etwa auf dem Fahrrad oder auf dem Wochenmarkt. Wer klug ist, wird darauf verzichten, nach ihrem Befinden zu fragen. Sie würde sich freuen, wenn sie ganz privat unterwegs sein kann.

So vergeht die freundliche Plauderei über die Gastwirtschaft einst und jetzt wie im Fluge. Ich habe das Gefühl, während dieser zwei Stunden tief in eine Art "Alt-Gunzenhausen" eingetaucht zu sein. In diesem Gastzimmer ist etwas, das wohl für immer verloren geht. Mitten im Gespräch schaut ein ehemaliger Stammgast vorbei, hockt sich für einige Minuten an den Stammtisch, schaut in die Zeitung und merkt trocken an: "Eine Legende ist abgetreten."

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