Vorsichtige Entwarnung für Gunzenhäuser Burgstallwald

20.7.2019, 07:40 Uhr
Prüfender Blick nach oben: Der Gunzenhäuser Forstamtsleiter Jürgen Stemmer, Dr. Hannes Lemme und Dr. Gabriela Lobinger (von rechts) von der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft blicken sorgenvoll nach oben. Noch können sie nicht sagen, welche Auswirkungen der Kahlfraß auf die Bäume haben wird.

Prüfender Blick nach oben: Der Gunzenhäuser Forstamtsleiter Jürgen Stemmer, Dr. Hannes Lemme und Dr. Gabriela Lobinger (von rechts) von der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft blicken sorgenvoll nach oben. Noch können sie nicht sagen, welche Auswirkungen der Kahlfraß auf die Bäume haben wird. © Marianne Natalis

Durchaus sorgenvoll blicken Dr. Hannes Lemme von der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft und Jürgen Stemmer, Leiter des Gunzenhäuser Forstamts, nach oben. Wieviel Prozent Grün ist in den Kronen? Bei unter einem Drittel stehen die Chancen eines Baumes schlecht. 
Ein großes Problem ist, dass die Raupen an vielen Bäumen auch die Knospen abgefressen habe. Hier können keine neuen Blätter kommen. Um dennoch genügend Assimilationsfläche zu schaffen, setzen die Bäume an ihren Stämmen sogenannte Wasserrisse und treiben dort Blätter aus, erläutert Stemmer. 

Erst Mitte, Ende August wird man sehen, welche Bäume genügend Grün angesetzt haben, und welche nicht. Bei einem zweimaligen Kahlfraß ist „zwischen 20 und 80 Prozent“ an Verlusten alles möglich, weiß Lemme. Denn als wäre der Kahlfraß nicht genug, leiden die Bäume nach wie vor unter der Trockenheit. Bei den Buchen kann das wegen ihrer glatten Rinde zu Überhitzung des Stamms führen. Bei der Eiche wiederum hängt viel davon ab, ob die Bäume von Mehltau befallen werden, noch „sieht es aber ganz gut aus“, sagt Lemme.

Schwammspinner-Zeit für 2019 vorbei

Etwas weiter aus dem Fenster lehnen sich die Fachleute mit der Prognose zur weiteren Entwicklung der Schwammspinnerpopulation. Und die fällt höchst erfreulich aus: „Der Schwammspinner ist durch“, ist sich Lemme zumindest für die Fläche, die heuer kahl gefressen wurde, ziemlich sicher. 
Auch seine Kollegin Dr. Gabriele Lobinger sieht Grund zu „vorsichtigem Optimismus“. Die Biologin mit dem Spezialgebiet Insektenkunde kennt ihre Pappenheimer, das wird beim Gang durch den Wald mehr als deutlich. Sie zupft hier eine Puppe ab und zeigt, wie wenig vital und viel zu klein sie ist, findet dort eine noch lebende Raupe, die angesichts ihrer Größe das Puppenstadium wohl gar nicht mehr erleben wird und entdeckt im Vorbeigehen eine Exemplar das von dem Virus betroffen ist. Beim kleinsten Stupser platzt diese Raupe auf und eine braune Flüssigkeit läuft heraus.

Schwammspinnerpuppen sind sehr „steifig“

Die Puppen, die sich finden, sind durch die Bank viel zu klein und „steifig“, wie Lobinger es nennt. Normalerweise reagieren Schwammspinnerpuppen mit starken Bewegungen auf Störungen. Viele Raupen haben sich wohl angesichts der fehlenden Nahrung „notverpuppt“. Auch die Schmetterlinge, die unseren Weg kreuzen, sind keine Riesenexemplare. „Minimännchen“ schmunzelt Lemme beim Anblick der Falterchen. Die Weibchen sind normalerweise deutlich größer und müssten unübersehbar an den Stämmen sitzen – doch da ist nicht viel. Entsprechend wenige Gelege finden sich. 
Im vergangenen Jahr hingen ganze Puppenzöpfe an den Stämmen, die findet Lobinger diesmal nicht. Stattdessen haben sich fast überall zu den – teilweise auch schon leeren – Puppen winzige weiße Tönnchen gesellt: Es sind Brackwespen, eine auf Schwammspinner spezialisierte Parasitenart.
„Verblüffend“ ist es laut Lemme aber, dass der Virus fast keine Rolle gespielt hat. Ähnlich wie der Mensch den Herpesvirus tragen die Schwammspinner eine Darmvirose in ihren Genen. Steht eine Population unter starkem Stress (wie es heuer unzweifelhaft der Fall wahr), bricht er normalerweise aus.

Überhaupt verhält sich der Schwammspinner nicht immer lehrbuchmäßig, was Prognosen nicht einfacher macht. In einem Waldstück bei Dorsbrunn ist bei fast gleicher Gelegedichte so gut wie nichts passiert. Andernorts sah es gar nicht so schlimm aus, und doch wurde der Wald kahlgefressen.
An 50 Bäumen im Burgstall beobachten die Wissenschaftler der Landesanstalt die Entwicklung des unwillkommenen Schmetterlings. Manche haben etwa auf Augenhöhe einen Ring aus dunklen Lappen. Die Raupen des Schwammspinners, erläutert Lemme, verkriechen sich gerne ins Dunkle. Wir klappen einen Lappen hoch und stoßen auf einige tote Raupen, die viel zu klein wahren, und ein paar winzige Puppen.
Die Gelegedichten im vergangenen Jahr waren nach Aussage von Lemme „gar nicht so hoch“. Das Problem war vielmehr, dass der Falter dank äußerer Bedingungen eine „perfekte Massenvermehrung“ hinlegen konnte. 

Vom Ausmaß „erschüttert“

Dass sich im Burgstall etwas tut, sahen Fachleute bereits 2016 anhand der Lockstofffallen. Allerdings kam es dann doch weit „schlimmer als gedacht“, so Lobinger. „In dieser Form“ sei es nicht abzusehen gewesen, stimmt ihr Stemmer zu. Fatal war sicher auch, dass die Hochphase der Raupen über Pfingsten begann – und damit in der Ferienzeit. Auch Stemmer war verreist und bei seiner Rückkehr vom Ausmaß des Befalls richtiggehend„erschüttert“.
Ähnliches muss für 2020 wohl nicht befüchtet werden, davon gehen Lobinger und Lemme aus. Zumindest für den Bereich des Waldes, der heuer kahlgefressen wurde. „Spannend“ wird es laut Lemme im Randbereich. Doch „harte Zahlen“ gebe es erst im Oktober oder November, sagen die Fachleute und verabschieden sich zum nächsten Brennpunkt. Etwa nach Nördlingen, wo sich der Eichenprozessionsspinner extrem ausgebreitet hat. 
 

 

Keine Kommentare