Wenig Interesse an Förderprogrammen

Hochwasserschutz? Viele Kommunen in Bayern haben da noch gewaltigen Nachholbedarf

André Ammer

Region und Bayern

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10.7.2021, 08:42 Uhr

© FF Hengdorf-Nemsdorf

Eigentlich mag Professor Dirk Carstensen den Begriff „Hochwasserschutz“ nicht. „Das suggeriert den Menschen eine Sicherheit, die beim nächsten, vielleicht noch extremeren Hochwasser, eben nicht mehr gegeben ist“, kritisiert der Experte für Wasserbau und Strömungsmechanik, der an der Technischen Hochschule (TH) Nürnberg Georg Simon Ohm lehrt und Präsident des Deutschen Talsperrenkomitees ist.

Carstensen spricht lieber von „Hochwasservorsorge“, mit der man die durch unkontrollierbare Wassermassen verursachten Schäden immerhin reduzieren kann. Unter anderem an der TU Dresden hat sich der Fachmann mit einer ganzen Reihe von Hochwasserschutzprojekten wie einer Schutzwand für das sächsische Grimma befasst.


Unwetter werden heftiger: Rüsten für den Klimawandel


2002 war die Altstadt dort in den braunen Fluten des über die Ufer getretenen Flusses Mulde versunken. Die daraufhin beschlossenen Schutzmaßnahmen verzögerten sich durch Umplanungen, bürokratische Hürden und langwierige Verfahren jedoch so lange, dass Grimma 2013 erneut absoff. Carstensen und seine Kollegen sprechen in solchen Fällen leicht sarkastisch von „Hochwasser-Demenz“, dem psychologischen Phänomen, dass die Schrecken einer Naturkatastrophe schnell in Vergessenheit geraten, wenn die Schäden wieder beseitigt sind.

Klimawandel erhöht das Risiko

Projekte zum Schutz vor der zerstörerischen Kraft des Wassers werden dann nur noch halbherzig angegangen, obwohl die Wahrscheinlichkeit solcher Ereignisse zusehends höher wird. „Das Risiko von Sturzfluten und Hochwasser infolge von Starkregen steigt durch den Klimawandel noch einmal deutlich an. Jede Kommune kann es treffen“, mahnte Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) vor einigen Tagen, nachdem Unwetter unter anderem Landshut und auch einige Ortschaften in unserer Region unter Wasser gesetzt hatten.


Ganze Orte in Franken überflutet - Straßen werden zu Flüssen


Für kleine Gemeinden können Sturzfluten laut Glauber sogar eine existenzielle Bedrohung sein, weshalb das Umweltministerium 2017, nach einer ganzen Reihe von Starkregenereignissen in den vorangegangenen Jahren, ein Förderprogramm für Schutzkonzepte aufgelegt hatte. Die Resonanz hält sich bisher allerdings in Grenzen, aktuell haben nur etwa 100 der mehr als 2000 bayerischen Kommunen Geld aus diesem Fördertopf beantragt. Auch die Summe von insgesamt rund zwölf Millionen Euro, die in den kommenden Jahren an die Antragsteller fließen soll, ist derzeit noch recht „übersichtlich“.

Problembewusstsein ist sehr unterschiedlich

„Bei den großen Städten ist das Problembewusstsein schon recht gut ausgeprägt, bei vielen kleineren Gemeinden allerdings nicht so sehr“, sagt Hans-Dietrich Uhl, der stellvertretende Leiter des Wasserwirtschaftsamtes Nürnberg, das den Kommunen in seinem Zuständigkeitsgebiet individuelle und kostenlose Beratungen in Sachen Hochwasserrisikomanagement anbietet.

Die zuständigen Ressorts in den jeweiligen Stadt- und Gemeindeverwaltungen haben dafür detaillierte Karten zugeschickt bekommen, in denen nicht nur die möglicherweise von Hochwasser betroffenen Gebiete eingezeichnet, sondern auch die potenziellen Schäden aufgelistet sind. „Manche haben sofort darauf reagiert, zum Beispiel Fürth und Roth, manche noch überhaupt nicht“, berichtet Uhl, der vor allem in der extrem kurzen Vorlaufzeit bei lokalen Starkregenereignissen eine große Gefahr sieht. Bei großen Flüssen wie der Donau könnten sich die Anliegergemeinden zum Teil drei oder vier Tage lang auf den Scheitelpunkt der Flutwelle vorbereiten, „aber bei kleineren Wasserläufen, wie sie in unserer Region dominieren, kann das Hochwasser über Nacht kommen“, gibt der Fachmann zu bedenken.

Über 200 Liter pro Quadratmeter

Diese Erfahrung mussten in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Ortschaften in Franken und der Oberpfalz machen. Schlimm erwischte es zum Beispiel mehrere Kommunen im nördlichen Landkreis Erlangen-Höchstadt und im südlichen Landkreis Forchheim, als im Juli 2007 bei sintflutartigen Regenfällen innerhalb von vier Stunden mehr als 200 Liter pro Quadratmeter herunterprasselten. Unter anderem rollte von der Marloffsteiner Höhe eine gewaltige Sturzflut auf Baiersdorf herunter, rund 100 Häuser standen damals unter Wasser.

Die Stadt hat aus dieser Katastrophe gelernt und ein Konzept entwickelt, mit dem die auf Baiersdorf zulaufenden Bäche in zwei Trassen um die Häuser herumgeleitet werden sollen. Die rund zwei Kilometer lange Südableitung wurde mittlerweile angegangen, bei der Nordableitung laufen laut Bauamtsleiter Matthias Gemperlein die Planungen. Der Termin für den ersten Spatenstich steht freilich noch in den Sternen, unter anderem weil die Abstimmung mit den Fachbehörden noch läuft.

Von der Erkennung eines Gefahrenherdes bis zum tatsächlichen Schutzprojekt ist es oft ein langer - manchmal zu langer - Weg, wie auch Dirk Carstensen in seiner mehr als 30-jährigen Berufslaufbahn oft erfahren hat. „Aber man hat in Deutschland schon dazugelernt. Bei den Vorwarnsystemen zum Beispiel ist in den vergangenen Jahren unheimlich viel passiert. So präzise Vorhersagen wie jetzt waren 2002 noch nicht mal ansatzweise möglich“, sagt der Experte der TH Nürnberg. Solchen Starkregenereignissen wie dem aktuellen steht man jedoch auch mit modernster Technik erst mal relativ hilflos gegenüber.

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