Jazz in der Fortuna

Höchstadt: Saxofon-Guru bei "jazz!3"

Hans von Draminski
Hans von Draminski

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23.11.2021, 05:49 Uhr
Timo Vollbrecht serviert ein virtuoses Sax-Solo, Keisuke Matsuno sekundiert mit Verve und rockiger Eleganz.

Timo Vollbrecht serviert ein virtuoses Sax-Solo, Keisuke Matsuno sekundiert mit Verve und rockiger Eleganz. © Hans von Draminski, NN

Die Fortuna, sie war so voll, wie es Abstandsregeln und Platzverhältnisse zuließen. Vielleicht war es ja die Vorahnung, dass angesichts extrem rasant steigender Infektionszahlen das Veranstalten von Konzerten bald (wieder) zu einer sehr schwierigen Angelegenheit werden wird. Von "Spartenmusik" konnte angesichts des Andrangs keine Rede sein, in das Schlossgewölbe, angestammter Spielort von "jazz!3" in Nicht-Corona-Zeiten, hätte diese Zuschauermenge nie und nimmer hineingepasst.

Gast in New Yorker Clubs

Freilich war es wohl auch der Nimbus des längst in den Olymp der Jazzgurus aufgestiegenen Saxofonisten Timo Vollbrecht. Der aus Stadthagen bei Hannover stammende Musiker ist mit seiner "Timo Vollbrecht Group" gern gesehener Gast in New Yorker Clubs, seine aktuelle Quartettbesetzung verkörpert ein veritables Allstar-Ensemble mit dem japanisch-stämmigen Amerikaner Keisuke Matsuno an der Gitarre, der in Seoul lebenden Südkoreanerin Dayton Seok am Schlagzeug und Elias Sterneseder am Konzertflügel und einer ganzen Batterie von Synthesizern.

Die

Die "Timo Vollbrecht Group" spielte in der Höchstadter Fortuna vor vollem Haus. © Hans von Draminski, NN

Polystilistische Soundscapes

Der Bass kommt per Synthie-Sample, was bei den raunenden, blubbernden, polystilistisch konstituierten Soundscapes des gemischten Vierers nicht weiter auffällt. Timo Vollbrechts Nummern leben von Melodien, die man spätestens beim zweiten Refrain mitsummen kann - sofern einem nicht ein unegal verschobener Rhythmus oder ein überraschender Harmoniewechsel einen Strich durch die Rechnung macht.

Melancholische Balladen

Dass die Tendenz bei Vollbrecht und seinen Quartettpartnern zu tiefempfundenen Gänsehaut-Balladen geht, dass die Grundstimmung oft sehr melancholisch ist, weiß er selbst und bittet dafür ironisch augenzwinkernd um Entschuldigung. Die gewährt man einem gerne, der aus einleuchtenden Ideen hinterfragte Stücke zu schmieden versteht, der seinen großen musikalischen Horizont in anrührende Zehn-Minuten-Nummern gießt. Miniatur-Suiten, in denen er selten die Krallen des Virtuosen zeigt (der er fraglos ist), sondern sich als Gleicher unter Gleichen nobel zurückhält.

Melancholische Balladen gehören zu Timo Vollbrechts Spezialitäten.

Melancholische Balladen gehören zu Timo Vollbrechts Spezialitäten. © Hans von Draminski, NN

Individuelle Charaktere

Das lässt genau jene Freiräume, die aus dem nur Schönen das Anspruchsvolle machen, die vier durchaus nicht immer im Gleichtakt "tickenden" Künstlerpersönlichkeiten für die Zuhörenden individuelle Charaktere machen: da die Filigranschmiedin Dayton Seok an ihrer "Schießbude", hier der Saitenzauberer Keisuke Matsuno, der seine Begeisterung für Jazz und Blues nicht verstecken muss.

Ätherisch und bodennah

Joker ist Elias Sterneseder, der Symphonieorchester sein kann und Elektroniksound-Tapete, der das Fließende, Umfassende so selbstverständlich beherrscht wie die Detailarbeit. Und über allem schwebt Timo Vollbrechts Sax, ätherisch und bodennah im selben Atemzug. Überirdisch.