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Kommt die Radentscheid-Bewegung auch nach Nürnberg?

Unterstützer fordern eine bessere Infrastruktur - 28.07.2019 05:56 Uhr

In München hat sich inzwischen der Stadtrat hinter die Forderungen der Initiatoren zweier Bürgerbegehren gestellt, die sich unter anderem einen Altstadt-Radlring wünschen. © Foto: Peter Kneffel/dpa


Die Texte auf der Startseite lesen sich vielversprechend, doch für die Kritiker klingen Sätze wie diese wie Hohn: Vom Radfahren als "festem Bestandteil eines urbanen, modernen Lebensstils" ist etwa die Rede auf Münchens Internet-Auftritt, in der sich die Isarmetropole als Fahrradstadt mit Herz präsentiert.

"Verglichen mit weiteren Großstädten haben wir in München den höchsten Radverkehrsanteil – und das bei einem sehr guten öffentlichen Nahverkehrsangebot", klopfen sich die Verantwortlichen dort auf die Schulter, doch all diesen Wortklingeleien zum Trotz sind die Radler in der Landeshauptstadt nach wie vor eher das fünfte Rad am Wagen.

Das zeigt unter anderem der vor drei Monaten präsentierte Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), denn dort hatte sich München sogar leicht verschlechtert gegenüber dem vorangegangenen Test. Und das zeigt die steigende Zahl von Verkehrsunfällen mit verletzten oder gar getöteten Radfahrern in der Landeshauptstadt.

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Nun aber macht die Radfahrer-Lobby mit zwei Bürgerbegehren Druck auf die Politik. Zum einen soll Münchens Fahrrad-Infrastruktur deutlich verbessert werden, zum anderen fordern die Initiatoren einen Altstadt-Radlring. Insgesamt 160.000 Unterschriften kamen innerhalb von drei Monaten für beide Bürgerbegehren zusammen, mehr als doppelt so viele Menschen wie erforderlich hatten unterschrieben.

Münchner Stadtrat zog mit

"Das sind die erfolgreichsten Bürgerbegehren der Stadtgeschichte", frohlockten die Verantwortlichen, als Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) kürzlich die Unterschriftenlisten in Empfang nahm. Der Münchner Rathauschef schlug dem Stadtrat – mit Erfolg – vor, sich hinter die Forderungen zu stellen und sie umzusetzen. Damit sind die Bürgerentscheide abgewendet. Nur die Bayernpartei plädierte, wenn auch erfolglos, dafür, die Münchner über die Begehren abstimmen zu lassen.

Unabhängig davon ist München nur eine von mehreren Städten in Bayern, in der sich die sogenannte Radentscheid-Bewegung formiert. In Regensburg werden bereits Unterschriften gesammelt, während in Rosenheim und Bayreuth die Bildung vergleichbarer Bürgerinitiativen angelaufen ist. "Das zeigt deutlich, dass die Unzufriedenheit der Radfahrenden hierzulande sehr groß ist und dass sie sich nicht länger mit bloßen Versprechungen abfinden, sondern endlich wirklich sichere und gute Radwege haben möchten", sagt Berndette Felsch, die Landesvorsitzende des ADFC Bayern.

Bürgerbegehren auch in Nürnberg?

Auch in Nürnberg könnte in absehbarer Zeit ein ähnliches Bürgerbegehren auf den Weg gebracht werden. Zumindest war beim ersten Nürnberger Klimacamp der Fridays-for-Future-Bewegung einer der Vorreiter der Radentscheid-Bewegung dabei, um mit Gleichgesinnten über die ersten Weichenstellungen für eine örtliche Initiative zu diskutieren.

Christian Hader hat in Bamberg Bayerns ersten Radentscheid auf kommunaler Ebene mit auf den Weg gebracht. Vor eineinhalb Jahren hat der Stadtrat der oberfränkischen Kommune beschlossen, dass die Förderung des Radverkehrs fest auf die politische Agenda kommt.

Vor einigen Wochen hat Hader ein Buch mit dem Titel "Was möglich ist" auf den Markt gebracht, in dem er die dreijährige Geschichte des Bamberger Radentscheids Revue passieren lässt. "Mit dem entsprechenden Engagement als Bestandteil einer lebendigen Zivilgesellschaft lässt sich jede Menge erreichen", so der Autor.

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Dass gerade in Bamberg der bundesweit erste Radentscheid initiiert wurde, ist kein Zufall. Mit rund 30 Prozent ist der örtliche Radverkehrsanteil dort der höchste in ganz Bayern, liegt sogar noch über dem der Fahrradstadt Erlangen. Und gleichzeitig haben es Bambergs Radfahrer angesichts des großen historischen Stadtkerns mit seinen engen Straßen und Gassen besonders schwer.

Streit um den wenigen Platz

"Um den wenigen Platz streiten sich alle", erzählt Hader, der auch um die Grenzen weiß. Zweieinhalb Meter breite Radwege seien in den meisten Ecken der Innenstadt unmöglich zu realisieren, dafür müsse man aber den motorisierten Verkehr ein Stück weit zurückdrängen und die Menschen mit attraktiven Alternativen dazu bewegen, das Auto öfter stehenzulassen. Bislang ist in dieser Richtung allerdings trotz des Stadtratsbeschlusses noch nicht viel passiert.

Immerhin hat in vielen Kommunen im Freistaat ein Umdenken eingesetzt, was man auch an der Entwicklung der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen in Bayern (AGFK) ablesen kann. Seit April 2019 ist diese Interessengemeinschaft um acht auf nunmehr 69 Mitglieder angewachsen.

Man merke, dass die Kommunalpolitik das Thema fahrradfreundliche Infrastruktur merklich wichtiger nehme als noch vor einigen Jahren, freut sich AGFK-Geschäftsführerin Sarah Guttenberger und nennt als Beispiel die Bike-and-Ride-Offensive, mit der die Deutsche Bahn und das Bundesumweltministerium in Zusammenarbeit mit Städten und Gemeinden mehr Radabstellplätze an deutschen Bahnhöfen schaffen wollen. Von den bundesweit circa 200 Anfragen, die bislang gestellt wurden, kämen 120 von Kommunen aus dem Freistaat. "Da ist Bayern ganz vorne dabei", sagt Guttenberger.

Und in das "Radverkehrsprogramm 2025" der Staatsregierung kommt zumindest ein bisschen Bewegung. Mit dem Bau von Radschnellwegen oder der besseren Vernetzung des Radverkehrs mit anderen Verkehrsmitteln soll der Anteil des Radverkehrs am Gesamtverkehrsaufkommen in den kommenden Jahren von derzeit knapp elf auf 20 Prozent gesteigert werden. In den ersten beiden Jahren hatte sich allerdings kaum etwas getan.

Nun wurde zumindest das Personal des zuständigen Sachgebiets im Verkehrsministerium aufgestockt. Und die Pläne für ein durchgängiges Radverkehrsnetz durch den gesamten Freistaat nehmen allmählich Gestalt an.

 

 

André Ammer

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