Stundenstreichungen in Nebenfächern

Lehrerverbände schlagen Alarm: Bildung geht den Bach runter

9.6.2021, 17:23 Uhr
Quereinsteiger, sogenannte Differenzialkräfte ohne Fachstudium sollen künftig Pädagogen an den Grund-, Mittel- und Förderschulen unterstützen.

Quereinsteiger, sogenannte Differenzialkräfte ohne Fachstudium sollen künftig Pädagogen an den Grund-, Mittel- und Förderschulen unterstützen. © Annette Riedl, NN

Alle Jahre wieder im Februar, aber normalerweise bis spätestens Mai, legt das Bayerische Kultusministerium seine Lehrerbedarfsprognose vor. Diese Rechnung wird von Schulleitungen jeder Schulart mit Spannung erwartet, sagt sie doch viel darüber aus, wie das kommende Schuljahr laufen wird. Dieses Jahr tappen alle noch im Dunkeln. Die Lehrerbedarfsprognose ist nicht erschienen, Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) proklamiert stattdessen am ersten Schultag nach den Pfingstferien im bayerischen Fernsehen, dass es gar keinen Lehrermangel gebe.

Freiwillige Sommerschule

Es seien 1000 neue Lehrer (für alle Schularten) eingestellt worden und man müsse sich auch wegen der Lerndefizite der Schülerinnen und Schüler keine Sorgen machen. Dafür gebe es die freiwillige Sommerschule, in der pensionierte Lehrkräfte und Referendare Kinder und Jugendliche mit Problemen in den Kernfächern fördern würden. Das Angebot sei freiwillig. Doch man habe ja auch noch das nächste und übernächste Schuljahr Zeit, um Wissenslücken auszugleichen. Als alles gut und in geordneten Bahnen?

"Massive Bildungskrise"

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (Bllv), sowie ihr Vize, Gerd Nitschke, sind da anderer Meinung. Sie sehen eine "massive Bildungskrise" auf die bayerischen Schulen zukommen. Den Lehrermangel an den Grund-, Mittel- und Förderschulen bemängeln sie seit Jahren.

Die Corona-Krise ist eine Krise zu viel, die Schulleitungen und Lehrkräfte schultern müssten, sagt Fleischmann: "Kaschierte Corona den Lehrermangel, so schlägt er jetzt erst recht zu. Da hilft auch kein Leugnen." Neben der Lehrerbedarfsprognose ist das Kultusministerium auch die Schülerbedarfsprognose bislang schuldig geblieben. Auch diese hilft den Schulleitungen bei der individuellen Personalplanung an ihren Schulen.

Stundenstreichungen stehen an

Das kommende Schuljahr dürfte also spannend werden, denn zurück zur Normalität, das machten Fleischmann und Nitschke klar, werde es nicht gehen können. Dazu seien die Ressourcen zu knapp und die Pandemie zu unberechenbar. Denn im Raum stehen jede Menge Stundenstreichungen. Von sogenannten Randstunden, wie etwa Kunst, Musik oder Sport, auch Vor- und Förderkurse im Fach Deutsch sollen wegfallen ebenso wie Schulprojekte in Arbeitsgruppen oder Fachunterricht. Eine massive Kürzung soll auch der gebundene Ganztag in den Mittelschulen erfahren


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"Ein krasses und trauriges pädagogisches Streichkonzert", kommentiert Fleischmann. Die fehlenden Stunden sollen von unqualifizierten Kräften ("wenigstens ein Masterstudium") übernommen werden. Für deren Rekrutierung sind die Schulleitungen selbst verantwortlich. Eine zusätzliche Aufgabe für die ohnehin belasteten Lehrkräfte in den Leitungspositionen.

Im vergangenen Jahr zog der Kultusminister noch die dienstrechtliche Karte, um fehlende Lehrerstellen auszugleichen: Grundschullehrkräfte in Teilzeit mussten, wie berichtet, eine Stunde Mehrarbeit leisten, doch mindestens 24 Stunden pro Woche. Vor 65 brauchte niemand mehr den Ruhestand beantragen und Sabbatjahre wurden nicht mehr genehmigt.

Stattdessen wurden Pensionäre zurück in den Unterricht gerufen, Seitenensteiger als sogenannte Teamlehrkräfte akquiriert. "Dienstrechtlich geht nichts mehr, sagt Fleischmann, "da sind wir am Limit. Jetzt geht es den pädagogischen Angeboten an den Kragen."

Einsatz von nicht-pädagogischen Personal

Nach Rechnungen des Bllv werden durch die Sparmaßnahmen insgesamt 576 Vollzeitkräfte ersetzt, rechnet man die Förderschulen mit, sind es sogar 650. Rund 15840 Unterrichtsstunden an Grund- und Mittelschulen werden im kommenden Schuljahr demnach nicht mehr von ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern geleistet werden.

Den Einsatz von nicht-pädagogischen Personal sehen Fleischmann und ihr Vize Nitschke kritisch: "Damit sieht es so aus, als ob doch alles funktionieren würde, doch diese im Unterricht unerfahrenen Kräfte werden zusätzlich Ressourcen binden, weil sie Unterstützung brauchen."

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ruft angesichts des massiven Lehrermangels am kommenden Donnerstag, 10. Juni, 15.30 Uhr, Lehrerkolleginnen und -kollegen zu einer Kundgebung am Kornmarkt in Nürnberg auf. Nach den Plänen des Kultusministeriums für das neue Schuljahr drohe nun ein Ausverkauf der Bildungsqualität an den Grund-, Mittel- und Förderschulen Bayerns, sagt Ruth Brenner, Sprecherin der GEW-Landesfachgruppe Grund- und Mittelschulen und für die GEW im Hauptpersonalrat: "Uns besorgen die momentanen Entwicklungen zutiefst und wir können und wollen diesen nicht untätig zusehen. Auch Brenner bezieht sich auf die Streichung notwendiger Lehrerstunden im Ganztag und die ungenügende Umsetzung von dringend notwendigen Förderprogrammen für Schülerinnen und Schüler mit Lerndefiziten.

"Überzogener Personalbedarf"

Das bayerische Kultusministerium hält die Personalrechnung des Bllv nicht für realistisch. Die aktuellen Schülerzahlentwicklungen zeigten, dass an Grund-, Mittel- und Förderschulen zum kommenden Schuljahr deutlich weniger Lehrkräfte benötigt werden, als man bislang erwarten musste, sagte ein Sprecher: "Wir gehen auch für das kommende Schuljahr davon aus, den Lehrkräftebedarf in allen Schularten entsprechend decken zu können."

Des Weiteren gebe es keinerlei Pläne, Beschlüsse oder Umsetzungen, Streichungen oder Kürzungen bei Unterrichtsfächern oder bei der Deutschförderung vorzunehmen. Die Schulen seien darüber informiert worden, dass ab dem kommenden Schuljahr zusätzlich externes qualifiziertes Personal zum Einsatz kommen soll, um bestimmte Bereiche außerhalb der Kernstundentafel zu unterstützen.

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