Bald werden Musiklehrer und Schüler wieder singen und swingen im Haus der Musik

17.5.2021, 06:00 Uhr
Im Moment läuft der Unterricht von Sigrid Hönig und ihren Kollegen der Musikschule Element mit Kopfhörer und Computer. Die Schulleiterin hofft auf Lockerungen.

Im Moment läuft der Unterricht von Sigrid Hönig und ihren Kollegen der Musikschule Element mit Kopfhörer und Computer. Die Schulleiterin hofft auf Lockerungen. © Foto: Wolfgang Fellner

Das schwarze Brett der Musikschule sieht aus wie ein schwarzes Brett in diesen Tagen der Pandemie. Da hängt nicht mehr viel, an prominenter Stelle aber die Hygiene-Vorschriften, daneben ein Flyer von zwei Musikern: Sie suchen einen Bassisten und einen Schlagzeuger für eine Band, die sie gründen wollen. Darunter hängen zahlreiche Zettel mit der Kontaktadresse zum Abreißen. Es sind noch alle da. Weil schon lange keiner mehr da war.

"Das kann man auch positiv formulieren", sagt Sigrid Hönig und lächelt: "Bald wird es wieder laut im Haus der Musik." Es ist ihre Antwort auf die Formulierung: "Es ist still geworden im Haus des Musik in Postbauer-Heng", als Vorschlag zum Einstieg in diesen Artikel. Also gestrichen. Denn eines ist der 55-jährigen Leiterin der Musikschule "Element Musik" wichtig: "Ich sehe die Welt positiv, ich bin positiv eingestellt."

 

Deshalb freut sie sich, dass in Bayern ab dem heutigen Montag wieder Ensemble-Unterricht möglich ist. Im Kreis Neumarkt, sagt sie, noch nicht, weil der Inzidenzwert dafür stabil unter 100 liegen muss. "Aber nach den Pfingstferien geht es auch bei uns wieder los", ist sie sich sicher. Hoffentlich, endlich, Gott sei Dank.

Quasi ein "Berufsverbot"

Das, was ihr und ihren 30 Musiklehrern, die für sie tätig sind beim Unterrichten von 700 Schülern, seit dem zweiten Lockdown geschehen ist, bezeichnet sie als Berufsverbot. Nach dem ersten Lockdown vor einem Jahr sei es in der Musikschule wieder los gegangen, mit ausgefeilten Hygiene-Konzepten, mit Umbauten, mit geregeltem Ein- und Ausgang. Und es lief. Sigrid Hönig ist glücklich: "Keiner ist deswegen gegangen." Es gab keine Erkrankungen unter Schülern oder Lehrern. Alles war sicher.

 


Was Corona für die Lernentwicklung bedeutet


Bis Dezember. Die Mutter eines Schülers habe zu Beginn des Monats ein kleines Präsent gebracht. "Es ist doch noch nicht Weihnachten", habe sie gesagt. "Wer weiß, wann wir uns wieder sehen", war die Antwort. Und wenig später war wieder alles dicht. Was Sigrid Hönig empört: "Hätte man da nicht sagen können, verhaltet euch vernünftig, schränkt eure Kontakte ein, nehmt euch zurück, damit wir das schaffen?" Nein, sagt sie, so geht es nicht, einfach alles zugesperrt, statt den Leuten mehr Eigenverantwortung zu lassen.

Wert der Freiheit neu schätzen gelernt

Auch da sieht sie einen positiven Punkt. Erst dadurch sei der Wert der Freiheit in diesem Lande, die so viele schätzen, einem wieder richtig bewusst geworden. Was sie wert ist, habe man nun gemerkt, da sie einem genommen war, "wenn man keine Entscheidungsfreiheit mehr hat". Sie sei mit vielen Entscheidungen der Regierung nicht einverstanden gewesen, sagt aber auch: "Ich habe keine Nachteile gehabt, es ging bei uns weiter. Aber ich habe Kinder gesehen, denen es in dieser Zeit gar nicht gut ging. Da bricht es einem das Herz."

Denn den Unterricht, den haben sie aufrecht erhalten, so gut es ging, mit Kompromissen, die manchmal schmerzten, aber sie haben weiter gemacht. So, wie viele Familien, wenn die kleinen Kinder plötzlich zuhause waren und Mama und Papa arbeiten und die Kinder betreuen und bespaßen sollten. Manche, hat sie gesehen, haben es gepackt, andere seien untergegangen. "Das betrifft doch immer den Menschen in diesem Augenblick, und wenn es einem schlecht geht, dann geht es einem schlecht. Manchen wird da der Lebenstraum genommen."

Von Lockdown zu Lockdown

Vor allem den Kleinen, sagt sie. Sigrid Hönig gibt musikalische Früherziehung, zahlreiche Kurse jedes Jahr. Die Zeit dafür ist begrenzt, es sind zwei, drei Jahre, in denen Kinder hier gebildet, geformt, mitgenommen werden können. Hönig: "Es gibt schon kleine Kinder, die kennen nur das Leben mit der Pandemie". Bei denen die kognitiven Fähigkeiten, das bewusste Erleben der Umwelt, im vergangenen Frühjahr reiften und die seither von Lockdown zu Lockdown leben mussten.

 

 


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"Spitz die Ohren und hör zu, erst klatsche ich, dann klatscht du": Hönig steht vor ihrem Smartphone, das auf einem Teleskopständer fixiert ist, und nimmt eine Musikstunden für ihre Kleinsten auf. "Das kostet Kraft, das ist anstrengend, das dauert", sagt sie. Gute acht Stunden nimmt sie auf, schneidet sie dann auf eine bis zwei Stunden zusammen. Die stellt sie für ihre kleinen Schüler ins Netz. Und das an fünf Tagen die Woche.

"Wer fragt denn noch, wie es den Kindern geht?"

Der Zuspruch sei toll, sagt sie. Sie habe überlegt, ob sich der Aufwand lohnt, aber das Echo ist groß. Eine Mutter sagte: "Wer fragt denn die Kinder heute noch, wie es ihnen geht? Das macht nur ihr." Also macht sie weiter.

Für die Größeren gibt es den Unterricht digital. Kopfhörer auf, PC an, Software starten, und es wird Flöte geübt. Das geht, sagt Hönig, ganz gut, alle anderen Musiklehrer von Element Musik machen mit. Großer Nachteil: Gemeinsam lässt sich so nicht musizieren, es gibt eine kleine, leichte Verschiebung bei der Übertragung. Das Duett hört sich schräg an. Sigrid Hönig: "Gemeinsam lernt man Lieder viel leichter – man spielt nach und mit, dann hat man es."


Was macht Corona mit meinem Kind?


Das gilt auch für den Gesang: Sie hat sonst mehrere Kinderchöre, doch das geht derzeit gar nicht. Etliche Kinder seien in der Pandemie in den Stimmbruch gekommen, das lasse sich nicht mehr alles einfangen. Bis hier wieder aufgeholt wird, sagt sie, wird es dauern. Aber auch das wird zu schaffen sein, sie denkt positiv.

Keiner hat aufgesteckt

"Dass Musik und Kunst als erstes geschlossen worden sind wegen Corona und als letztes wieder starten dürfen – da kommt man sich total giftig vor", sagt sie. Als es im Dezember zum zweiten Mal runter ging, habe sie nicht geglaubt, dass es bis Juni dauern würde. "Aber es hat keiner aufgesteckt – weder von den Lehrern, noch von den Schülern." Und auch, wenn jetzt die Hoffnung groß ist, dass es wieder losgeht: "Das verbittert schon", sagt Sigrid Hönig, wie sie alleine in ihrem Musikzimmer in der alten Schule in Postbauer-Heng sitzt und auf den Bildschirm schaut, ihrer Schnittstelle, über die sie derzeit die Musik in die Kinderzimmer bringt. Und damit etwas Charakterbildung und vor allem Lebensfreude.

 

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