Die Suche nach Vermissten: Ein Wettlauf mit der Zeit

15.5.2020, 05:57 Uhr
Ein Großaufgebot der Bereitschaftspolizei hat im Dezember 2013 im Reichswald bei Fischbach nach der vermissten Postbotin Heidi D. gesucht.

Ein Großaufgebot der Bereitschaftspolizei hat im Dezember 2013 im Reichswald bei Fischbach nach der vermissten Postbotin Heidi D. gesucht. © Foto: Roland Fengler

August W. bricht mit seiner Frau zu einer Fahrradtour auf. Der 25. Juli 2012 ist ein warmer Sommertag. Von Nürnberg-Fischbach geht‘s in den Reichswald zum Eisweiher. Der 82-Jährige lässt bei solchen Touren immer seine Frau vorausfahren. Doch auf dem Rückweg tritt er kräftig in die Pedale und fährt mit seinem blau-silbernen Herkules-Damenfahrrad an ihr vorbei. Die Gattin holt ihn nicht mehr ein und nimmt an, ihn zu Hause anzutreffen. Doch da ist er nicht – August W. ist verschwunden.

Für die Angehörigen beginnt die quälende Ungewissheit. Eine riesige Suchaktion läuft an: Polizeitrupps und Feuerwehr durchkämmen den Wald, in dem der Rentner vermutet wird. Auch ein Helikopter steigt auf, die Besatzung nimmt den Forst von oben ins Visier. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, W. ist auf Medikamente angewiesen. Spürhunde nehmen seine Fährte auf. Bis zur alten Nürnberger Straße – dann löst sich August W.s Spur in nichts auf.

 

Bürger reden vom "Bermudadreieck"

Es vergehen Stunden, Tage, Wochen. Der Rentner ist wie vom Erdboden verschluckt. Bis heute. Mysteriös: Selbst sein Fahrrad und sein blau-schwarzer Helm tauchen nicht wieder auf. "Das Waldgebiet wurde mehrfach durch geschlossene Einheiten der Bereitschaftspolizei und Polizeisuchhunden abgesucht. Nichts", sagt Polizeisprecher Marc Siegl.

Der Fall erinnert unweigerlich an das Verschwinden von Heidi D., der Postbotin, die am 14. November 2013 zum Joggen aufbrach und nicht mehr zurückkam. Auch ihr Verschwinden löste eine umfangreiche Suchaktion aus. Von ihr fehlt ebenfalls bis heute jede Spur. So wie August W. wohnte die 49-Jährige in Nürnberg-Fischbach, in der Pellergasse. So wie August W. verschwand sie im Reichswald. Bewohner des Stadtteils sprechen von einem "Bermudadreieck", das Menschen verschluckt.


Verschwundene Heidi D.: Familie gibt die Hoffnung nicht auf


August W. und Heidi D. sind zwei von bundesweit rund 11.500 Vermissten, die beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden aktuell gespeichert sind (Stand: 1. März 2020). In Deutschland werden laut BKA täglich 200 bis 300 Fahndungen neu erfasst. Rund die Hälfte der Vermissten-Fälle erledigen sich innerhalb der ersten Woche. Vergeht ein Monat, liegt die "Erledigungs-Quote" bereits bei 80 Prozent. Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, liegt bei nur etwa drei Prozent.

Nach Angaben des Polizeipräsidiums Mittelfranken wurden im vergangenen Jahr insgesamt 1549 Personen als vermisst gemeldet – davon 182 Kinder, 996 Jugendliche und 371 Erwachsene. "Die mit 1423 im letzten Jahr weit überwiegende Zahl der Vermissten kehrte innerhalb von drei Tagen, 71 weitere innerhalb von 14 Tagen zurück", berichtet Polizeisprecher Marc Siegl. Lediglich 55 Personen – also gut 3,6 Prozent – seien länger als zwei Wochen vermisst gewesen.

Vladislava V. verschwand im März dieses Jahres

Vladislava V. ist jetzt auch länger als 14 Tage verschwunden. Am 19. März 2020 hat die junge Frau ihre Wohnung in der Nürnberger Südstadt verlassen und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Die Polizei schließt nicht aus, dass sie sich aufgrund ihres Gesundheitszustands in einer ausweglosen Lage befindet und Hilfe benötigt. Die etwa 1,68 Meter große, kräftige Frau ist auf die Einnahme von Medikamenten angewiesen. Sie trägt dunkle, schulterlange Haare.

Die Aufklärungsquote der Vermisstenstelle der Nürnberger Kripo lag 2019 laut Siegl bei 100 Prozent. "Dennoch endet nicht jeder Vermisstenfall glücklich. Drei verschwundene Personen aus dem Stadtgebiet konnten nur noch tot aufgefunden werden." Allerdings gibt es auch Menschen, die in Nürnberg lebten und seit Jahrzehnten verschwunden sind. Die Kriminalpolizei spricht hier von "Langzeitvermissten". Insgesamt elf Personen aus dem Stadtgebiet Nürnberg zählen dazu, sie sind seit 1980 nicht wieder aufgetaucht. "In der Regel handelt es sich hierbei um Menschen, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie als Touristen im Ausland etwa einem Unglück (Berg- oder Tauchunfall) zum Opfer gefallen
und seitdem verschollen sind", erklärt Polizeisprecher Siegl.

Immer wieder gelingt es, jahrzehntealte Vermisstenfälle zu klären. So konnten 2017 zwei tote Nürnberger Bergsteiger identifiziert werden, die 1992 im Mont-Blanc-Massiv verschollen waren. 2018 konnte die Vermisstenstelle der Kripo Nürnberg auch einen 1992 im Gardasee verunglückten Taucher identifizieren. Als "Langzeitvermisste" führte die Polizei auch die neunjährige Peggy Knobloch aus dem oberfränkischen Lichtenberg, die im Mai 2001 verschwand. Als ein Pilzsammler das Skelett des getöteten Mädchens in einem Waldstück in Thüringen entdeckte und die Identifizierung geklärt war, wurde auch ihr Name aus der Vermissten-Statistik gestrichen.

Hinweise über vermisste Personen nimmt der Kriminaldauerdienst unter der Rufnummer (09 11) 21 12 - 33 33 entgegen.

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