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Endrunde für die Kulturhauptstadt: Wie kommt die Entscheidung zustande?

Ex-Jury-Chef Ulrich Fuchs gibt im Interview Einblick in den Wettbewerb - 22.10.2020 06:00 Uhr

Nürnberger lieben ihr Nürnberg - zumindest bei der Blauen Nacht. Im Bild eine Illumination der Kaiserburg.

19.10.2020 © Günter Distler, NNZ


Es muss eine Krux sein, über ein millionenschweres Zukunftsprojekt zu befinden, ohne den Vertragskandidaten in die Augen schauen zu können. Aber: "Sowohl die Juryvorsitzende als auch Sylvain Pasqua von der Europäischen Kommission als auch wir möchten von jeglicher Kommentierung absehen", antwortet die Kulturstiftung der Länder auf die Anfrage unserer Zeitung nach einer Stellungnahme.

Eine Jury der Europäischen Union entscheidet am 28. Oktober, welche deutsche Stadt im Jahr 2025 Kulturhauptstadt Europas wird. Eine Entscheidung für oder gegen Nürnberg, Chemnitz, Hannover, Hildesheim und Magdeburg.


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Die Verantwortlichen, abgeschottet, nehmen ihre Unbestechlichkeit also so ernst, dass sie nicht einmal die Besonderheit dieses Jahrgangs in den Medien beurteilen mögen: Die Corona-Pandemie hat das Auswahlverfahren massiv behindert; die Endrunde findet nur noch im Internet statt. Die zwölf Juroren konferieren per Video. Die Bewerberstädte präsentieren sich im virtuellen Raum, bangen in diesen Tagen, ob ihre Filme und Live-Streams wohl das ausdrücken, was sie sollen.

Im Digitalen geht viel Flair verloren

Technisch und inhaltlich ist das eine stressige Notlösung, wie Nürnbergs Bewerbungschef Hans-Joachim Wagner beklagt. Er könne vor Sorge kaum noch schlafen und schrecke oft morgens um vier "wie von der Tarantel gestochen" auf, berichtete er vor Kurzem auf einem Podium.

Ulrich Fuchs berät seit fast 20 Jahren europäische Städte, die den Kulturhauptstadt-Titel wollen, und leitete die Programme in Linz und Marseille.

19.10.2020 © Ulrich Fuchs


Um etwas darüber zu erfahren, wie diese Jury funktioniert, muss man mit Ulrich Fuchs sprechen. Der promovierte Geisteswissenschaftler und Kulturpolitiker führte die Kulturhauptstadtbewerbungen in Linz (2009) und in Marseille (2013) zum Erfolg, danach leitete er selbst fünf Jahre die Jury. Der gebürtige Oberpfälzer lebt heute in Frankreich. Fuchs sitzt zu Hause in Marseille am Telefon, die Stimmung auch dort bei Sonne und Meerblick durch Ausgangssperren getrübt. "Es ist ein schweres Handicap, dass die Städtebesuche digital stattfinden müssen. Ein realer Besuch ist natürlich sehr viel aufschlussreicher. Spontane Eindrücke, Nebenbei-Gespräche, Gerüche – das fällt alles weg."


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Als Entscheider habe er oft erlebt, wie eine Stadt in der persönlichen Begegnung ihre schriftliche Bewerbung noch einmal drehen konnte. "Ich habe immer mit Anrufen und in Stichproben recherchiert, ob das im ,Bid Book‘ Märchenerzählungen sind, ob es die Projektpartner wirklich gibt und so weiter." Aber: Manch mittelmäßiger Kandidat auf dem Papier überraschte Fuchs dann vor Ort positiv und umgekehrt. "Das Bewerbungsbuch ist das eine, der ,City Visit‘ durch einen Teil der Jury die zweite Etappe. Die dritte ist die Präsentation vor der gesamten Jury und die vierte die 45-minütige Frage-Antwort-Runde. Am Ende macht man sich aus den vier Teilen ein Bild."

Offiziell gibt es sechs Bewertungskategorien: die langfristige Kulturplanung einer Stadt, die europäische Dimension der Bewerbung, das vorgeschlagene Kulturprogramm für das Titeljahr, die Umsetzungsfähigkeit, die Einbindung der Bevölkerung und die Tragfähigkeit der Verwaltung. Nach der Endrunde diskutieren die Juroren einen halben Tag. Oft sortieren sie schon einhellig einen Finalisten aus, der weniger überzeugt hat. Über die Verbliebenen stimmen sie geheim ab; es zählt die einfache Mehrheit. "Zwölf zu null, sechs zu sechs – ich habe alle Konstellationen erlebt." In Rumänien kam es zum Patt, zweimal hintereinander. Ein Sonderfall, in dem dann die Stimme des Vorsitzenden für die Lösung doppelt zählen darf.

Hat es der Osten eher verdient?

Die weichen Faktoren, die zusätzlich einfließen, stehen nirgends zu lesen. Die politische Entscheidung für eine Region etwa. Braucht Ostdeutschland den Titel dringender als der Westen? Oder die Provinz, also Hildesheim? "Natürlich gibt es das, es entscheiden Menschen und keine Algorithmen", räumt Fuchs ein. "Eine subjektive Sympathie oder Antipathie kann eine Rolle spielen, auch wenn das keiner sagen wird."

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Der gefühlte Entwicklungsbedarf einer Stadt zähle aber nur dann, wenn auch ihre Bewerbung spitze sei. So sei das bei Marseille gewesen. "Ich kann mir vorstellen, worauf Sie anspielen. Denkt die Jury, Chemnitz hat es nötiger als Nürnberg? Da würden Ihnen sicher viele Leute zustimmen, aber: Wenn Chemnitz nicht auch eine sehr gute Bewerbung hinlegt, reicht dieses Argument vorne und hinten nicht."

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Ulrich Fuchs rät jeder Kandidatenstadt, den Humor nicht zu vergessen. "Wenn Kultur und Kunst nicht Kreativität entwickeln, wer denn sonst? Und Kreativität bedeutet, auch Unerwartetes zu tun, mit einem Hauch von Ironie und Selbstkritik in die Welt zu schauen. Ohne Fantasie fehlt das Salz in der Suppe." Die Stadt Bremen, die er begleitete, ließ beispielsweise in einem Filmclip die Stadtmusikanten mit absichtlich verpatzten Gesangseinlagen auftreten. Linz ging in seinem Logo von 2009 spielerisch-provokativ mit der Ziffer "09" um. "Aber natürlich haben wir über Linz als Lieblingsstadt des ,Führers‘ keine Witze gemacht."

Keine politische Einflussnahme

Eines schließt der Kulturmanager aus: politische Einflussnahme. "Keine Anrufe, keine goldenen Uhren, keine Besuche im Hotelzimmer", scherzt Fuchs. "Das habe ich in den fünf Jahren kein einziges Mal auch nur im Ansatz erlebt, das schwöre ich Ihnen." Mit politischem Druck erreiche man bei den Jurymitgliedern eher das Gegenteil. "Die müssten das sofort der Europäischen Kommission melden." Noch vor 15 Jahren sei das Preisgericht aber weniger professionell besetzt gewesen, schrieb Fuchs jüngst in der Fachzeitschrift "Kulturpolitische Mitteilungen". Damals, als Essen mit dem Ruhrgebiet gekürt wurde, habe es eine "Nordrhein-Westfalen-Lobby" gegeben.

Er selbst habe später die italienischen Bewerberstädte bewusst nicht einmal privat bereist, um neutral zu bleiben. Und als in Kroatien die Delegation aus Zagreb bei der Abschlusspräsentation Wein und Häppchen servieren wollte, habe die Jury lachend abgelehnt und den Imbiss halt an die Zuhörer im Saal umgeleitet.

Der 69-Jährige hat das deutsche Bewerberfeld aus ursprünglich acht Städten in Workshops gecoacht. Mit dem Ergebnis der fünf Finalisten ist er hoch zufrieden. "Sie machen es der Jury sehr schwer. Ich sehe in diesem Wettbewerb niemanden, der schon von vornherein verloren hätte. So ein hohes Niveau ist nicht in jedem Land der Fall. Deutsche Städte und ihre Kulturszenen sind einfach gut."

Doch was bleibt vom Prestige nach dem Kahlschlag der Corona-Krise? Viele Akteure sind schon jetzt wirtschaftlich am Ende. Hannover stellt in seinem Bewerbungsbuch daher die Sinnfrage bei dem aufwändigen Kulturhauptstadt-Prozess. Vier von fünf Bewerbern werden ausscheiden – bleibt ihnen irgendetwas von ihren teuren Bemühungen?


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Das lasse sich nicht eindeutig beantworten, sagt Ulrich Fuchs. "Es gibt einige ausgeschiedene Städte, die mit ziemlicher Energie ihren Plan B verfolgt haben, Cluj in Rumänien zum Beispiel und auch die italienischen Städte. Es gibt aber auch den anderen Fall. Das hängt von der Ernsthaftigkeit der lokalen Kulturpolitik ab." Das italienische Kulturministerium habe den zweitplatzierten Städten allerdings Anerkennungshonorare von einer Million Euro gezahlt. "Das empfehle ich Frau Grütters für Deutschland auch dringend."

Bürger bleiben skeptisch bis zuletzt

Letzte Frage: Ist es in jeder Stadt so, dass auch kurz vor dem Finale nur eine mäßige öffentliche Begeisterung zu spüren ist? "Ja. Das ist normal. Und selbst im Fall des Titelgewinns wird es eine lange Wegstrecke. Bis 2025 hat der normale Nürnberger ganz andere Sorgen." Gerade in Städten "mit angeknackstem Selbstbewusstsein", wozu Fuchs alle fünf Finalisten zählt, halte die Skepsis bis zum Silvesterabend vor dem Titeljahr an.

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Chemnitz, Hildesheim, Hannover, Magdeburg oder Nürnberg. Ja, er habe einen Favoriten, sagt Fuchs. Und zwar: "Den sage ich Ihnen nicht."

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