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Fukushima-Mahnwachen in Nürnberg: Bis zum Aus für die letzten Brennstäbe

Seit zehn Jahren: Atomkraftgegner treffen sich Woche für Woche zum Protest - 07.03.2021 19:25 Uhr

Hans-Günther Schramm hält die Mahnwachen - mit etlichen Mitstreitern - seit genau zehn Jahren am Laufen.

07.03.2021 © NNZ


Die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima im März 2011 hat den Anstoß gegeben. An den Tag, als der Austritt von Strahlung aus dem von einem Erdbeben und Tsunami getroffenen Kraftwerk bekannt wurde, kann sich Hans-Günther Schramm noch genau erinnern. "Wir saßen nämlich genau da in einem Bus nach Neckarwestheim", erinnert sich der bald 80-Jährige. Zehntausende von Atomkraftgegnern trafen sich dort zu einer Großkundgebung, während das Fernsehen erschreckende Bilder aus Fernost lieferte.

"Auf der Rückfahrt haben wir im Bus besprochen, was wir in Nürnberg tun könnten und den Aufruf zu einer Mahnwache beschlossen", erzählt der Nürnberger, der ein paar Jahre später für die Grünen in den bayerischen Landtag gewählt werden sollte. "Die erste Mahnwache fand damals am Narrenschiff statt, es kamen ein paar hundert Leute". Die rege Beteiligung hielt eine Weile an, aber nach einigen Wochen kam jeweils nur noch ein Häuflein Aufrechter zusammen. So ist es bis heute geblieben.

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Am 11. März 2011 ereignete sich vor der Küste Japans das schwerste Erdbeben seit Beginn der dortigen Aufzeichnungen: 9,0 betrug seine Stärke. Dann kam der Tsunami. Bis heute kämpft das High-Tech-Land mit den Folgen dieser beispiellosen Katastrophe. Die schlimmste dieser Folgen: Die Zerstörung des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi.


Das Thema Atomkraft war ohnehin auf der Tagesordnung: Die Bundesregierung wollte damals gerade die Laufzeit der deutschen Meiler verlängern. Unter dem Eindruck der Ereignisse von Japan sollte sie diese Pläne wenig später doch aufgeben und sich zu einer Kehrtwende entschließen. Doch die Umsetzung ist noch nicht abgeschlossen - und solange wollen Schramm und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter nicht locker lassen.

"Für unsere Kinder und Enkel"

Zum Beispiel Maria Dötzer: "Ich mache das für unsere Kinder und Enkelkinder", begründet sie ihren "bescheidenen Beitrag". Nachdem sie immer wieder an der Mahnwache vorbeigekommen war, habe sie sich eines Tages entschlossen, auch mitzumachen. Sich zu engagieren, sei einfach notwendig, damit "das Atomzeug wegkommt", erst recht, weil ein sicherer Umgang mit dem Abfall immer noch ungeklärt ist.

"Für mich war Fukushima auch eine Folge der Geiz-ist-geil-Dogmas", sagt Franz Stryz, einer der Aktiven der ersten Stunde. Schließlich sei die Gefahr von Erdbeben und auch Tsunamis in jener Region bekannt gewesen, aber die Kosten für größeren Schutz habe sich der Betreiber sparen wollen. "Wenn die Schutzmauern ein paar Meter höher gewesen wären, würden wir heute nicht hier stehen."

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Die Sorge um die Lebensbedingungen für die Kinder und Enkelkinder war für Stryz schon zuvor ein wichtiges Motiv - und zwar seit dem Super-GAU von Tschernobyl 1986. "Den Kindern zu erklären, dass sie nicht draußen spielen können, wobei die Gefahr vollkommen unsichtbar blieb, das war einfach furchtbar", meint er im Rückblick. "Das wollten wir nicht mehr erleben müssen."

Unterdessen wirken die Mahnwachen schon seit längerem teilweise ziemlich skurril: Schon vor Corona nahmen oft nur wenige Passanten Notiz von der Schar um Schramm mit ihren Transparenten. Richtig bizarr aber wurde es, als in den Lockdown-Zeiten kaum noch Menschen in der Fußgängerzone unterwegs waren. Wenn Schramm dann, scheinbar unbeeindruckt, am Mikrofon steht, um "die Öffentlichkeit" vor den Gefahren der Atomkraft zu warnen, hat das schon etwas vom einsamen Rufer in der Wüste.

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Schramm kann den Eindruck gut nachvollziehen. Aber es zähle eben jeder einzelne - und es gebe regelmäßig Bürger, die sich informieren wollen. "Es gibt welche, die sich aufregen, dass wir das in diesen Zeiten überhaupt dürfen, andere beobachten uns erstmal aus der Distanz und sprechen uns dann an, wieder andere schauen immer wieder vorbei und fragen zum Beispiel, ob es neue Unterschriftenaktionen gibt", berichtet Schramm. Kleinere Pausen, etwa über den Jahreswechsel, habe man immer wieder mal eingelegt. "Aber es dauert nicht lange, bis aus den Reihen der Mitstreiter der Wunsch kommt, wieder weiterzumachen."

Dabei sei das - ganz ungewöhnlich - kein formal organisierter Kreis, sondern nur eine lose Verbindung. Das Nürnberger Evangelische Forum für den Frieden (NEFF) sei zwar eine Art Anker und helfe durch die technische Ausstattung. Aber Mitgliedschaften gebe es eben nicht. "Und wir treffen uns sonst auch privat nicht, gehen höchstens nach der Mahnwache noch etwas trinken oder ein Eis essen."

Ungewöhnliches Durchhaltevermögen

Sind zehn Jahre Mahnwachen schon rekordverdächtig? Ganz beispiellos sei das nicht, gibt Schramm zu bedenken. Schon vor gut 40 Jahren, während der erbitterten Debatten um die "Nachrüstung" der Nato gegenüber dem Warschauer Pakt, habe es über Jahre hinweg wöchentliche Friedensgebete gegeben, das Nürnberger Evangelische Forum für den Frieden war ja genau in jener Zeit entstanden.

Durchhalten wollen die Mahnwachen-Gestalter auf jeden Fall bis Ende kommenden Jahres. Denn bis dahin sollte auch für die aktuell noch verbliebenen sechs Atomkraftwerke das letzte Stündlein geschlagen haben. "Wie es danach für uns weitergeht, kann ich nicht sagen", meint Schramm. Denn natürlich ist das Kern-Problem dann noch lange nicht vom Tisch - solange die Kernkraft weltweit und auch in Nachbarländern weiter hoch gehalten wird. Und schon drohe die nächste Problemtechnologie: die Kernfusion.

Genau zum Jahrestag der Katastrophe von Fukushima laden die Veranstalter am kommenden Donnerstag, 11. März, zu einer verlängerten Mahnwache von 15 bis 17 Uhr ein - und hoffen auf Zuspruch und Gäste von anderen Initiativen und Gruppen, darunter etwa aus dem Energiewendebündnis oder von den einst hoch aktiven "Müttern gegen Atomkraft".

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