Dienstag, 24.11.2020

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Geisterhaft: Disco-Areal an der Klingenhofstraße wie leergefegt

Die beiden letzten Betreiber kämpfen derzeit noch weiter - 24.10.2020 05:58 Uhr

Nur eine Plakatwand vor dem Klingenhof-Areal zeugt noch von früheren Zeiten: Die Discothek „Resi“ ist längst geschlossen und mit ihr zahlreiche andere Clubs.

21.10.2020 © Foto: Peter Romir


Eine etwa zehn Meter hohe Riesengitarre am Eingang des "Resi"-Geländes zeugt noch von der turbulenten Vergangenheit des Areals an der Klingenhofstraße. Eine Erinnerung an die legendäre Disco "Rockfabrik", die einst jedes Wochenende Tausende von Menschen in das ehemalige Margarinewerk lockte. Jetzt liegt der Parkplatz brach, die großen Plakatwände mit der "denglischen" Aufschrift "Bayerns biggest nightlife" bröckeln in der Einöde vor dem neobarocken Fabrikschloss. Die Verkehrsschilder "Disco Areal" deuten ins Leere.

Nun ja, nicht ganz. Wir treffen die letzten beiden örtlichen Club-Betreiber: Wolfgang Hanika und Marc Klages. Ihre beiden Discos könnten unterschiedlicher nicht sein. Bei Hanika, der mit dem "Loop" zu den Veteranen auf dem Gelände gehörte und nun das "Golden Nugget" betreibt, gibt‘s abwechselnd New Wave, Rockabilly und Gothic.

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Klages ist Experte für lateinamerikanische Musik. In seinem Club Fogon ("Feuerstelle") bedient er seit 2006 sowohl die Freunde klassischer Salsa und Samba-Klänge wie auch die Liebhaber moderner und urbaner Latino-Rhythmen, die Einflüsse aus Hip-Hop und Reggae integrieren. Schicke Salsa-Tänzer auf der einen Seite der Wand, schwarz gekleidete Rocker auf der anderen. "Das ist schon ein witziger Kontrast, da die Leute beim Klogang immer beim jeweils anderen Publikum vorbeikommen und sich fragen, was das wohl für welche sind", lacht Klages.

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Bis zu 6000 Leute am Abend

Früher fiel das nicht so auf, weil die Großraumdiskotheken das Gelände dominierten. "Die zogen oft bis zu 6000 Leute am Abend an", so Hanika. "Nun haben aber alle dichtgemacht – und überlebt haben nur wir: die Kleinsten." Wer nun aber glaubt, dass das Discosterben mit dem Coronavirus zu tun hat, liegt voll daneben: "Das fing schon vor einigen Jahren an und hat mit der Ausbreitung des Internets zu tun", erzählt Hanika. "Die Menschen konnten erstmals über ihren musikalischen Tellerrand gucken und Neues entdecken. Jeder entwickelt seinen ganz eigenen Musikgeschmack – und den können die Großraumdiscos, die Radiohits spielen, nicht mehr bedienen." Die Folge war, dass sich die großen Clubs aufteilten: "Von vier bis zu acht Unterräumen mit unterschiedlichen Stilen – aber das war es nicht, was die Leute wollten."

Aber was wollten die Leute dann? "Das Gemeinschaftsgefühl, welches durch einen gemeinsamen Musikgeschmack entsteht", sind sich Klages und Hanika einig. Und das konnten die großen Party-Discounter nicht vermitteln.

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Die kleinen Clubs aber schon. Gerade die, deren Macher selbst die Musik, die sie auflegen, kennen und lieben. "Musikstile, die früher eine winzige Nische waren, wurden bekannter", meint Klages. "Letztes Jahr haben wir ein ausverkauftes Festival am Airport gemacht, zu dem über 12.000 Latin-Fans kamen. Das wäre vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen."

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Und ist es aktuell auch wieder. Corona legte schließlich auch die Nischen-Discos lahm. Über den Sommer behalfen sie sich mit einem improvisierten Biergarten auf dem Parkplatz, doch im Winter sieht es düster aus. Momentan sind beide Clubs geschlossen. Zum Abstandhalten sind sie zu klein, zum Rumsitzen ist die Musik nicht gemacht.

Es schwingt eine tiefe Enttäuschung mit, wenn man die beiden Betreiber nach ihren Wünschen an die Politik fragt: "Die verstehen uns nicht. Viele Politiker sagen, Clubs braucht es nicht, weil die Leute die Musik ja daheim hören können. Aber dieses Gemeinschaftsgefühl kriegt man nicht zu Hause. Da braucht es professionelle Veranstalter."

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Wenn also die Corona-Politik so weitergeht wie bisher, könnte auch in den letzten beiden verbleibenden Clubs auf dem Resi-Gelände endgültig das Licht ausgehen.

Peter Romir

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