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Getrennt wegen Corona: Das erlebte eine Nürnberger Familie in China

Wochenlang war die Millionenmetropole Xiamen im Lockdown - 27.05.2020 09:50 Uhr

Gerald, Susanne, Rokko und Lilli posieren in Australien für ein Familienfoto. Es sollte ein unvergesslicher Urlaub werden, dann stellte das Coronavirus das Familienleben auf eine harte Probe. 

© privat


Familie Kuhtz, Gerald, Susanne und ihre beiden Kinder Lilli (19) und Rokko (13), verschlug es 2017 von Nürnberg in die chinesische Stadt Xiamen. Knapp 1000 Kilometer von Wuhan, dem Ausbruchzentrum von Covid-19, entfernt. Im Zuge der Chinesischen Neujahrsferien Ende Januar reiste die Familie nach Australien und waren danach für Wochen getrennt. Wie Corona den Alltag veränderte und inwiefern China uns bei der Bewältigung der Krise voraus ist, verraten Gerald und Lilli im Interview.

Herr Kuhtz, Sie waren mit Ihrer Familie im Urlaub in Australien, als Sie vom Ausbruch des Coronavirus in China erfuhren. Wie ging es weiter?

Gerald Kuhtz: Vor unserer Reise wussten wir noch nichts von dem Virus, weil es in den Medien noch nicht präsent war. In der ersten Urlaubswoche in Brisbane kamen erste Nachrichten über Chatgruppen von Freunden aus Xiamen, dass in Wuhan ein Virus ausgebrochen sei und die Stadt abgeschlossen würde. Um die Situation weiter abzuwarten, entschieden wir uns dazu, eine weitere Woche in Australien zu bleiben.


Nach der Verlängerung des offiziellen Urlaubs erwartete der Arbeitgeber Geralds Präsenz, für Tochter Lilli stand der Schulabschluss bevor. Die Unsicherheit war groß, die Familie hatte keine andere Wahl als sich zu trennen. Mutter und Sohn flogen von Australien nach Deutschland und kamen bei Verwandten in Deutschland unter. Gerald und Lilli reisten zurück nach Xiamen.


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Wie war es für Sie, als Familie getrennt zu sein?

Lilli Kuhtz: Das ist nichts, das man freiwillig macht. Als die Einreisebeschränkungen nach China nach einem Monat des Getrenntseins verschärft wurden, buchten die beiden direkt einen Flug von Berlin nach Xiamen.


Auch wenn in Xiamen statistisch gesehen auf 3 Millionen Einwohner eine verschwindend geringe Zahl an Corona-Infizierten kommt, spürte die Stadt die Auswirkungen der Pandemie deutlich.


Wie hat sich Ihr Leben nach Ihrer Rückkehr nach Xiamen verändert - was ist in China anders als in Deutschland?

Gerald Kuhtz: Das öffentliche Bild hat sich dramatisch verändert, alle trugen Masken, man fand überall Desinfektionsmittel und uns wurde ständig Fieber gemessen. Es wurde erwartet, dass wir eine selbstauferlegte Quarantäne absolvieren. Zwei Mal täglich mussten wir Fieber messen und unsere Temperatur in eine App eintragen. Während Susannes und Rokkos Quarantäne kamen sogar täglich Mitarbeiter vom Gesundheitsamt, um die Temperatur zu überprüfen.

Welche konkreten Maßnahmen wurden getroffen?

Lilli Kuhtz: Eine Anordnung, zu Hause zu bleiben, gab es nur in der Woche nach dem Chinesischen Neujahr. Die Shoppingcenter waren circa drei Wochen geschlossen, Supermärkte aber jederzeit offen. Jedes Mal, wenn wir einkaufen waren, wurde unsere Temperatur geprüft und überall gibt es Desinfektionsmittel. Gruppenbildung mit mehr als drei Personen in Restaurants war bis Ende März untersagt.

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Ähnlich wie in Deutschland sind in China alle Sportveranstaltungen abgesagt oder verschoben, auch Events finden erstmal nicht statt. Schließungen von Schulen, Fitnessstudios, Kinos und Clubs erfolgten rasch. Mittlerweile hat bis auf Kinos und Theater alles wieder offen. In Xiamen lässt sich wieder von normalem Alltag sprechen.


Wie hat die Bevölkerung die Corona-Krise angenommen?

Gerald Kuhtz: Alle waren unsicher: in der Gegenwart, aber vor allem unsicher über die Zukunft. Die Bevölkerung wusste nicht, wie die Regierung die Krise bewältigen würde. Bis sich erste Erfolge gezeigt haben, dauerte es eine Weile und der Ursprung des Virus wurde hinterfragt. Von Seiten der Regierung wurde Propaganda gemacht. Durch verschiedene Maßnahmen wurde der Bevölkerung der Eindruck von Sicherheit suggeriert. Fahrzeuge, die im Sommer Feuchtigkeit in die Luft sprühen, reinigten in einigen Teilen Xiamens die Straßen mit Desinfektionsmittel. Ob das eine effiziente Maßnahme war, sei dahingestellt. Aber es hatte großen Einfluss auf die gesellschaftliche Psyche.

In deutschen Supermärkten waren Klopapier und Hefe oft vergriffen. Gab es in China ähnliche Hamsterkäufe?

Lilli Kuhtz: Es gab einen kurzen Aufschrei, dass das auch noch kommen wird, und dass Reis und Toilettenpapier weg sein könnten. Aber toi, toi, toi, dazu kam es (noch) nicht.


Die Schule läuft auch in China ausschließlich online. Mittlerweile sind einige Schulen für die höheren Jahrgänge wieder offen. Die Internationale Schule, die Lilli und Rokko besuchen, läuft weiterhin online. Lillis Abschlussprüfungen wurden abgesagt und ihre Abschlussnote bildet sich nun aus dem Durchschnitt der letzten zwei Jahre und einer Hausarbeit. Eine ähnliche Lösung wie das in Deutschland diskutierte Durchschnittsabitur.


Apps, die dabei helfen sollen, Infektionsketten nachzuvollziehen, sind in Deutschland stark in der Diskussion. In dieser Hinsicht ist China bereits einen Schritt weiter?

Gerald Kuhtz: Es gibt Apps, die jeder haben muss, die beispielsweise Informationen über deine Einreise enthalten. In viele öffentliche Gebäude kommt man nur mit dieser App, denn am Eingang wird ein QR Code gescannt. Mit diesem wird verifiziert, dass allein „überprüfte“ Personen Zugang bekommen. Überprüft in der Hinsicht, dass eine Quarantäne erfolgt ist, wenn man eingereist ist. Oder dass man seit dem Chinesischen Neujahr nicht im Ausland war. Die Apps werden in diesen Zeiten immer wichtiger, denn sie verfolgen das Ziel, neue Infektionsketten so schnell wie möglich zu durchbrechen.

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Gibt es in China Möglichkeiten für Homeoffice? Werden Menschen, die aufgrund der aktuellen Lage nicht arbeiten können, vom Staat finanziell unterstützt?

Gerald Kuhtz: Am Arbeitsplatz präsent zu sein, hat in der chinesischen Kultur hohen Stellenwert. Homeoffice gibt es hierzulande also nur selten. Im Zuge der Pandemie hat die chinesische Regierung ein Gesetz erlassen, dass es keine Entlassungen geben darf. Für Berufsgruppen wie Taxifahrer, Restaurantangestellte oder Piloten, die für gewisse Zeit nicht arbeiten konnten, bedeutet das, dass sie trotz ihrer Anstellung nichts verdienten. In China gibt es keine finanziellen Hilfen, die mit dem Kurzarbeitergeld in Deutschland zu vergleichen sind. Deswegen sollte sich der Alltag auch so schnell wie möglich normalisieren.

"Gemeinschaft innerhalb der Familie war mehr zu spüren"

Inwiefern wird sich das normale Leben in China wieder einpendeln?

Gerald Kuhtz: Die chinesische Kultur ist eine vorsichtige, die unnötige Gefahren meidet. Deswegen wird von der Regierung alles getan, um so schnell wie möglich den Zustand, der vor der Pandemie geherrscht hat, wiederherzustellen und die Wirtschaft anzukurbeln. China kann es sich finanziell nicht leisten, dass das Land noch länger stillsteht. Die Regierung ist bestrebt, dass die Chinesen wieder in Malls gehen und den Einzelhandel antreiben. Die öffentlichen Verkehrsmittel waren an den letzten Wochenenden umsonst, um die Leute zu motivieren, ihre Freizeit draußen zu gestalten. Das Treiben in Parks und Einkaufszentren wird stark promotet.

In Bezug auf Corona hört man hauptsächlich schlechte Nachrichten. Könnt ihr trotzdem etwas Positives aus der Zeit mitnehmen?

Lilli Kuhtz: Die Zeit, die ich mit meinem Papa verbracht habe, war für mich sehr schön. Die Gemeinschaft innerhalb der Familie war mehr zu spüren. Wir konnten Sachen machen, für die wir davor keine Zeit hatten. Ich habe die Zeit genutzt, um durchzuatmen, und um über das Leben und meine Ziele nachzudenken.

Gerald Kuhtz: Im Nachhinein bin ich dankbar für die Zeit, denn alles war ruhiger und man ist in sich gekehrt. Ansonsten ist die politische Situation auf der Welt das einzig Positive, das ich der Sache abgewinnen kann. So viele unnötige Auseinandersetzungen treten in den Hintergrund, weil es gemeinsam ein wichtigeres weltweites Problem zu lösen gilt.

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Laura Täuber

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