"Nein zu Judenhass": Polizei sichert schwer bewaffnet Demo in Nürnberg mit 1200 Teilnehmern

23.5.2021, 18:58 Uhr
In der Spitze versammelten sich rund 1240 Demonstranten auf dem Nürnberger Kornmarkt.

In der Spitze versammelten sich rund 1240 Demonstranten auf dem Nürnberger Kornmarkt. © Stefan Hippel, NNZ

"Nürnbergerinnen und Nürnberger jüdischen Glaubens gehören zu uns und zu Nürnberg", sagte Oberbürgermeister Marcus König (CSU) bei der Kundgebung der Israelitischen Kultusgemeinde unter großem Beifall: "Und wer sie mit dem Tod bedroht oder wegen ihrer Religion angreift, der bedroht uns alle, der greift uns alle an!" König erklärte, dass ihm die Situation im Nahen Osten "tiefe Sorge" bereite; aber die Welle antisemitischer Vorfälle, die nun nach Deutschland und Nürnberg schwappt, sei ebenfalls besorgniserregend: "Und ich finde es erschreckend, wie oft Deutsche jüdischen Glaubens für alles, was in Israel vor sich geht, verantwortlich gemacht werden."

Welle der Gewalt

Diese Welle verbaler und handgreiflicher Gewalt, der sich Juden derzeit ausgesetzt sehen, war das Motiv für Jo-Achim Hamburger, zu der Kundgebung aufzurufen. Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg (IKGN) sagte, dass es zu einem friedlichen Zusammenleben "keine Alternative" gebe. Die Szenen aus Hannover, wo eine Pro-Israel-Demonstration von der Polizei mit Wasserwerfern geschützt werden musste, hätten ihn ebenso entsetzt wie die Schmähungen und Hassbotschaften gegen Juden - ob auf der Straße oder in den sozialen Netzwerken. Die Stimmung sei "maßlos aggressiv": "Es ist nicht hinnehmbar, dass wir Dinge hören müssen, die während der Shoah zur systematischen Vernichtung der europäischen Juden führten."

Erinnerung an dunkle Zeiten

Genau wie Hamburger betonte auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU), dass politische Kritik an der Regierung Israels freilich möglich sein müsse. "Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht sind aber kein Freifahrtschein, um Hass und Hetze zu verbreiten oder gar Morddrohungen auszusprechen! Das sind schwere Straftaten", erklärte Herrmann vor den nach Polizeiangaben rund 1240 Kundgebungsteilnehmern (darunter viele Vertreter aus Stadtrat und Stadtspitze). "Der momentan in Deutschland aufflammende Antisemitismus erinnert uns an die dunkelsten und abscheulichsten Zeiten der deutschen Geschichte", sagte der Innenminister.

Deswegen müsse man dieser "erschreckenden Entwicklung" die Stirn bieten. "Nie wieder" - so laute der "unmissverständliche Auftrag", der aus den Verbrechen der NS-Diktatur erwachsen sei. "Dabei spielt es keine Rolle, ob der antisemitische Hass von Deutschen kommt oder von Migranten, ob er ideologisch von Rechts oder Links genährt wird oder im Gepäck mancher muslimischer Einwanderer in unser Land gekommen ist", sagte Herrmann. Der Auftrag laute: "Keine Toleranz der Intoleranz." Herrmann erinnerte auch daran, dass das Grundgesetz am Pfingstsonntag 72 Jahre alt wurde - es sei ein "fester Garant zur Wahrung unserer Grundrechte auf Menschenwürde und Glaubensfreiheit".

Unterstützung durch Türkische Gemeinde

Hamburger betonte, dass eine feindliche Haltung gegenüber dem Judentum auch in der "muslimischen und migrantischen Community" verbreitet sei. Ein Umstand, den Cemalettin Özdemir sehr bedauerlich findet: "Hass ist eine große Sünde im Islam", sagte der Leiter der um den Dialog zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen bemühten Begegnungsstube Medina.

Der Nürnberger Landtagsabgeordnete und bayerische SPD-Generalsekretär Arif Tasdelen wiederum sah "ein starkes Zeichen" darin, dass auch Bülent Bayraktar als Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in der Metropolregion Nürnberg den IKGN-Aufruf unterstützt habe und bei der Kundgebung anwesend sei. Die Türkische Gemeinde sei von selbst auf die IKGN zugegangen, um sich solidarisch zu erklären, sagte Bayraktar unserer Zeitung. Judenfeindliche Ausfälle muslimischer Jugendliche hätten oft in fehlender Bildung ihre Ursache, glaubt Bayraktar.

Erziehung zur Empathie

Özdemir und Tasdelen wiederum gehörten zum Kreis von insgesamt 15 Rednern, die in kurzen Grußworten dem Judenhass den Kampf ansagten. Darunter war auch der Antisemitismus-Beauftragte der bayerischen Staatsregierung Ludwig Spaenle (CSU), der darauf hinwies, dass momentan jüdische Eltern Angst hätten, ihre Kinder in die Schulen zu schicken.

IKGN-Vorsitzender Jo-Achim Hamburger (links) und Oberbürgermeister Marcus König (CSU). 

IKGN-Vorsitzender Jo-Achim Hamburger (links) und Oberbürgermeister Marcus König (CSU).  © NNZ

Solche Zustände dürften nicht sein. Solidarisch erklärten sich in ihren Beiträgen auch die evangelische Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern, der katholische Stadtdekan Andreas Lurz, Oberlandesgerichtspräsident Thomas Dickert, Andre Freud (Deutsch-Israelische Gesellschaft), die Bundestagsabgeordneten Michael Frieser, Christian Schmidt (beide CSU) sowie Gabriela Heinrich (SPD), SPD-Stadträtin Diana Liberova und Elke Leo aus dem Kreisvorstand der Grünen.

Michael Husarek, Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, mahnte in seinem Grußwort an, dass man auch im Alltag Haltung zeigen müsse, "um diese schreckliche Situation zu entschärfen". Der CSU-Landtagsabgeordnete Karl Freller forderte eine "Erziehung zu Empathie und Menschlichkeit". Stephan Doll, Vorsitzender der Allianz gegen Rechtsextremismus und Chef des mittelfränkischen DGB, hält es für einen Skandal, "dass wir im Jahr 2021 jüdische Einrichtungen beschützen lassen müssen". Auch die Kundgebung gegen den Judenhass fand unter Aufsicht eines massiven Polizeiaufgebots statt - inklusive Taschenkontrollen und Durchsuchungen an den Eingängen zum abgeriegelten Kornmarkt.

Dieser Artikel wurde am 23. Mai 2021 um 18.58 Uhr aktualisiert.