Donnerstag, 22.04.2021

|

NN-Wissen: "Bäumeflüsterer" Peter Wohlleben zu Gast in Talkreihe

"Wälder sind wie Kühlschränke", so der Förster und Buchautor - 26.02.2021 18:51 Uhr

Den Steigerwald, aus dem diese Aufnahme stammt, würde Peter Wohlleben gern zum Nationalpark erklären. 

26.02.2021 © David-Wolfgang Ebener


"Ich liebe Menschen, die Bäume umarmen. Wer sie umarmt, hat keine Motorsäge in der Hand." Es sind vermutlich Sätze wie diese, die Peter Wohlleben zu Deutschlands beliebtestem Förster und Walderklärer gemacht haben. Auch während des Talks findet er wieder jene plastischen Bilder, die seine Bücher zu Stammgästen auf den Bestsellerlisten werden ließen. Etwa, wenn er Forstgebiete als "Kühlschränke für die Landschaft" bezeichnet: "Alte Laubwälder kühlen die Temperatur um zehn Grad runter." Dies habe eine über 17 Jahre laufende Versuchsreihe im Landkreis Barnim ergeben. Der Verweis auf wissenschaftliche Studien zieht sich beinahe leitmotivisch durch Wohllebens Ausführungen in der Veranstaltung, die pandemiebedingt freilich nur virtuell stattfinden kann. Wohlleben macht deutlich, dass er seine Expertise nicht über "Esoterik-Buden" bezieht, wie er an einer Stelle launig formuliert, sondern durch Untersuchungen seriöser Institute.

Diskussion zu einseitig

Und er findet, dass im öffentlichen Diskurs über Bäume die besagte Kühlschrank-Funktion zu kurz kommt. "Wälder werden immer als CO2-Speicher gesehen." Dass sie die Umgebung abkühlen, nehme man zu wenig wahr. Sein Lieblingsbeispiel hierfür ist der Steigerwald, der laut Wohlleben bei

Nicht live im Saal, aber live zugeschaltet: Peter Wohlleben.

26.02.2021 © Michael Matejka


25 Grad liegt, wenn Deutschland unter 40 Grad Sommerhitze ächzt. Der Grund hierfür seien die enormen Wassermengen, die Bäume speicherten und ausschwitzten: "Es sind 25 bis 30 Kubikmeter Wasser, die ein Baum in seinem Wurzelbereich zur Verfügung hat." Selbst wenn die Forstwirtschaft unsanft die Bestände platt walze, blieben noch fünf bis sechs Kubikmeter übrig. "Und weil es über Wäldern häufiger regnet, kann man das auch kompensieren."

Gegenspieler des Borkenkäfers

Es müsse daher darum gehen, Waldflächen zu erhalten und zu vermehren.
Wohlleben (sein aktuelles Buch "Das geheime Band zwischen Mensch und Natur" ist im Zeitungsshop zu erhalten, es gibt 50 signierte Exemplare) betont zudem die ökologische Funktion toter Bäume – zum Beispiel, weil sich in jenen oft die Gegenspieler des Borkenkäfers aufhielten, die mit weggeräumt würden, wenn man das Totholz beseitige. Auf den Borkenkäfer kommt er zu sprechen, als es um das Schmerzempfinden von Bäumen geht.

Eine Fichte, die von diesen Angreifern befallen wird, "schickt die Nachricht an ihre Kumpels weiter", die dann ebenfalls Abwehrstoffe entwickelten. Pflanzen kommunizierten und kooperierten, sagt Wohlleben.

Streicheln der Zimmerpflanze

Bilderstrecke zum Thema

Mehr Natur in der Stadt: Verein verwandelt Lorenzkirche in eine grüne Oase

Es grünt in der Nürnberger Innenstadt: Bänke, Bäume und Rasen zieren seit Mittwoch den Eingang zur Lorenzkirche. Ein ungewöhnlicher Anblick, der zum Umdenken in der Stadtplanung anregen soll. Initiiert wurde die Aktion von Grünclusiv – der Verein hat es sich zum Ziel gemacht, mehr Grün in die Innenstadt zu bringen.


Eine Zimmerpflanze zu streicheln, ergebe durchaus Sinn, meint der Förster. Allerdings eher wegen eines Missverständnisses: Die Pflanze fühlt sich weniger geherzt denn bedroht und konzentriert ihre Kraft laut Wohlleben darauf, ein stabiles Fundament zu entwickeln. Schließlich muss es ein Baum auch aushalten, wenn sich ein Wildschwein an ihm reibt. Diese Konzentration auf eine robuste Basis wirke aber dem sogenannten Geizwuchs entgegen – in der Regel sei es den Zimmerpflanzen in unseren Wohnungen zu dunkel, weshalb sie recht dünn in die Höhe wachsen, führt Wohlleben aus.
Wenn sie dauernd Licht bekommen, ist es freilich auch nicht gut: "Bäume neben Straßenlaternen sterben früher. Sie kommen durcheinander." Formulierungen wie diese rufen mitunter Wohllebens Kritiker auf den Plan.

Vermenschlichte Bäume

Er vermenschliche Bäume zu sehr, lautet ein Vorwurf. Der Grund mag darin liegen, dass der Förster, der vor allem mit dem Buch "Das geheime Leben der Bäume" ein großes Publikum erreichte, die Distanz zwischen Mensch und Natur für konstruiert hält. "Wir denken immer, wir sind evolutionäre Krüppel und nur der Verstand macht uns überlebensfähig." Dabei habe der Mensch durchaus sehr funktionsfähige Sinne zur Verfügung. Zum Beispiel sehe er die Farbe Rot – im Gegensatz zu den Waldbewohnern. "Wenn Sie mit einer roten Jacke in den Wald gehen, ist das wie eine Tarnfarbe."

Bilderstrecke zum Thema

So entspannend sind unsere fränkischen Wälder

Allein der Anblick des Waldes soll unsere gestressten Gemüter beruhigen. Wir waren für Dich rund um Eckental unterwegs und haben dir ein paar Impressionen mitgebracht, die auf Dich hoffentlich wie eine Instant-Kur wirken.


Zum Schluss betont der Förster, dass er nicht dagegen sei, Holzprodukte zu nutzen. "Das darf man sich gönnen." Nur den großen Kahlschlag, den gilt es zu vermeiden.


Verpassen Sie keine Nachricht mehr!

In unserem neuen täglichen Newsletter "Mittags um 12 - Zeit für die Region" erfahren Sie alles Wichtige über unsere Region. Hier kostenlos bestellen. Montags bis freitags um 12 Uhr in Ihrem Mailpostfach.

Marco Puschner

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Nürnberg