Altstadtfreunde

Nürnberg: Abbruchhaus in schönen Wohnraum verwandelt

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Hartmut Voigt

Lokalredaktion Nürnberg

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1.9.2021, 05:55 Uhr
Die  Altstadtfreunde Karl-Heinz Enderle und Michael Taschner freuen sich über die Galerien zum Innenhof.

© Eduard Weigert, NNZ Die  Altstadtfreunde Karl-Heinz Enderle und Michael Taschner freuen sich über die Galerien zum Innenhof.

Eine der schwierigeren Baustellen der Altstadtfreunde geht endlich zu Ende: Der Verein hatte bereits 2002 das kaputte, zum Abbruch frei gegebene Haus Hintere Ledergasse 43 erworben. Doch außer Notsicherungen, damit die Bruchbude nicht zusammenfällt, tat sich viele Jahre nichts. Andere Projekte hatten Vorrang.

Handwerker machten sich 2018 schließlich daran, die Bauruine in der Nähe des Elektromarkts Saturn nach und nach herzurichten. Zwölf Firmen und bis zu 50 Fachleute bemühten sich, so viel originale Substanz wie nur möglich zu erhalten.

Zeitplan über den Haufen geworfen

Denn das im Kern barocke Anwesen aus dem 17. Jahrhundert war so schwer beschädigt, dass man jeden Balken einzeln auf seine Tragfähigkeit testen musste. Vermorschte Teile der Holzkonstruktion wurden ausgewechselt. Rund 70 Prozent der ursprünglichen Baustoffe konnte man erhalten, schätzt Michael Taschner von den Altstadtfreunden. Die nun fast abgeschlossene Sanierung dauerte daher deutlich länger als geplant. Auch die Corona-Pandemie warf den Zeitplan über den Haufen.

Nun ist es so weit: Ab Oktober ziehen die Mieter in die sieben Wohnungen ein, die zwischen 45 und 80 Quadratmetern groß sind. Im großzügigen Erdgeschoss (mit einer beeindruckenden, dicken Sandsteinsäule) bringt ein Rechtsanwalt seine Kanzlei unter.

Dort blickt man durch ein kleines, verglastes Stück Fußboden in die Vergangenheit des einstigen Gerberhauses: Eine etwa vier Meter tiefe Zisterne wurde freigelegt. Hier versorgten sich die Gerber früher mit Wasser für das Präparieren ihrer Tierhäute.

Trockenböden für Tierhäute

Im Erdgeschoss und im ersten Stock arbeiteten und wohnten die Handwerker. Daher gibt es dort massive Holzbohlendecken. In den Etagen darüber geht es deutlich schlichter zu, denn die oberen Geschosse waren nur Trockenböden für die Häute.

Auch wenn es in einer unattraktiven Ecke der Altstadt liegt, so hat auch dieses Anwesen etwas Besonderes: "Der barocke Innenhof ist der größte und schönste Hof der Altstadtfreunde", meint der Vereins-Vorsitzende Karl-Heinz Enderle stolz.

Die Pflastersteine des Innenhofs stammen von einem ehemaligen Schweinauer Bauernhof.

Die Pflastersteine des Innenhofs stammen von einem ehemaligen Schweinauer Bauernhof. © Eduard Weigert, NNZ

Malerisch eingerahmt von Galerien der oberen Stockwerke ist der Hofboden mit großen, alten Quarzit-Pflastersteinen bedeckt. Sie stammen von einem einstigen Schweinauer Bauernhof, waren 20 Jahre eingelagert, bis sie jetzt eine neue Verwendung gefunden haben.

Doch ehe der Innenhof seine Wirkung entfalten konnte, wurden erst einmal 350 Kilo Taubenkot entfernt. Die Stadtvögel hatten sich in dem Gebäude eingenistet. Ein Netz überspannt nun den ganzen Hof und soll die Tauben vom Nisten abhalten. Kotflecken zeigen jedoch, dass dies noch nicht hundertprozentig funktioniert.


Nur die Altstadtfreunde standen als Investor bereit


Eine Kartusche mit der Jahreszahl 1697 weist an der Fassade auf den Hausneubau des Rotgerbers Hans Georg Göpner hin, der ein vorhandenes Häuschen überbaute. Nach einem verheerenden Großbrand 1645 war ein großer Teil des Gerberviertels untergegangen. In der Vorderen und Hinteren Ledergasse wurden damals 32 Anwesen zerstört.

Bittere Schicksale hat das Haus in jüngerer Vergangenheit erlebt: Die Nationalsozialisten nötigten Eigentümer Julius Geiringer 1942 zum "Verkauf". Geiringer, seine Frau Emma und seine Schwester Jeanette Neurath wurden ins Konzentrationslager Izbica deportiert und ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt ein Verwandter die Immobilie, die er 1954 veräußerte.

Größtes Projekt des Vereins

Die Altstadtfreunde sind stolz, dass sie das größte Projekt unter ihren bisher 20 sanierten, mittelalterlichen Häusern gestemmt haben. Immerhin steckten sie vier Millionen Euro in das Vorhaben, die rund 500 Quadratmeter Nutzfläche wieder brauchbar zu machen. Das Landesamt für Denkmalpflege, die Bayerische Landesstiftung und die Städtebauförderung steuerten 1,5 Millionen Euro zu dieser Summe bei.

Ende September will der Verein das Haus der Öffentlichkeit mit geführten, kleinen Gruppen vorstellen. Genauere Angaben zu Termin und Anmeldung folgen noch.

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