Nürnberg: Forderungen nach Rückkehr zur Normalität in Alten- und Pflegeheimen

30.4.2021, 17:45 Uhr
Besonders für die Bewohner und Mitarbeiter von Alten- und Pflegeheimen ist die Corona-Pandemie und deren Einschränkungen eine große Belastung. Forderungen nach einer Rückkehr zur Normalität werden laut.

Besonders für die Bewohner und Mitarbeiter von Alten- und Pflegeheimen ist die Corona-Pandemie und deren Einschränkungen eine große Belastung. Forderungen nach einer Rückkehr zur Normalität werden laut. © Werner Krüper, NNZ

Kaum Besuch – und wenn dann nur in sehr eingeschränkter Form, kein Kursangebot mehr, fehlende Gesprächsrunden beim gemeinsamen Essen. Besonders die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen leiden unter den Einschränkungen, die die Corona-Maßnahmen seit dem vergangenen Jahr mit sich bringen: "Vieles von dem, was das Leben in einer Langzeitpflegeeinrichtung prägt, war und ist noch immer nicht möglich", fasst Elisabeth Ries, städtische Sozialreferentin und Erste Werkleiterin des NürnbergStifts, die Situation zusammen. Mehrere größere Ausbrüche in Pflegeheimen und die Tatsache, dass deren Bewohner aufgrund ihres Alters oder Vorerkrankungen zur Hochrisiko-Gruppe zählten, machten die Maßnahmen unumgänglich.


Keine Normalität in Sicht: So ist die Corona-Lage in den Altenheimen


"Komplett durchgeimpft"

Doch die Lage in den Heimen hat sich mit den fortschreitenden Impfungen zusehends entspannt: In Nürnberg wurde allen Einrichtungen bereits ein Besuch mit mobilen Impfteams abgestattet: "Wir haben die Bewohner der 60 Nürnberger Seniorenheime in Priorität 1 der Corona-Impfverordnung bis circa Mitte Februar komplett durchgeimpft, das heißt, die Erst- und Zweitimpfung verabreicht", so Dr. Ulrike Goeken-Haidl aus dem Nürnberger Impfzentrum. Hinzu kommen Menschen in etwa 80 weiteren Einrichtungen, darunter unter anderem Behinderteneinrichtungen, heilpädagogische Tagesstätten und ambulante und stationäre Einrichtungen der Tagespflege sowie Bewohner und Mitarbeitende in Einrichtungen des betreuten Wohnens. Auch die Impfquote beim Personal sei hoch gewesen, erläutert Goeken-Haidl, sie habe zwischen 70 und 80 Prozent gelegen. "Die Situation ist daher heute eine völlig andere wie beispielsweise im Vergleich zu ersten Januarwoche, mitten in der zweiten Welle", stellt Ries dar. "Damals gab es rund 650 Fälle in Nürnberger Alten- und Pflegeheimen, darunter sowohl Bewohner als auch Mitarbeiter. Aktuell sind es 38."

Perspektive für die Heime fehlt

Und trotzdem warten Bewohner und Mitarbeiter in Langzeitpflegeeinrichtungen noch immer vergebens auf Lockerungen: "Über ein Jahr lang haben wir unseren Bewohnern vermittelt, dass die Maßnahmen notwendig sind, immer mit der Aussicht auf die Impfungen und dass sich die Situation danach wieder normalisiert", erzählt Wolfgang Strittmatter, Vorstandsvorsitzender der Wohnstifte am Tiergarten und am Rathsberg - ihn beschäftigt das Thema sehr: "Mir gehen die Antworten aus, wenn unsere Bewohner fragen, warum trotz längst verabreichter Impfungen keine Lockerungen gemacht werden dürfen."

Neue Änderung gilt nicht für Pflegeeinrichtungen

Mit der letzten Änderung der zwölften Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung vom 27. April 2021 wurden vollständig geimpfte Personen mit negativ Getesteten gleichgestellt. Ausgenommen von dieser neuen Regelung allerdings bleiben unter anderem vollstationäre Einrichtungen der Pflege, Alten- und Seniorenresidenzen. Alle müssten sich mit Corona einschränken und er verstehe auch die Jugend gut, so Strittmatter, aber den alten Menschen werde in besonderem Maße Lebenszeit genommen: "Die Senioren verbringen ihre letzten Lebensjahre bei uns, da lässt sich so ein Jahr nicht mehr so leicht aufholen."


Corona-Regeln in Bayern: Das gilt aktuell im Freistaat


Vorschläge für die Verbesserung der Situation in den Heimen

Die anhaltend stark eingeschränkte Situation in den Pflegeeinrichtungen und die daraus folgende psychische und physische Belastung der Bewohner und Mitarbeiter hat auch Prof. Dr. Markus Gosch, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 2 mit dem Schwerpunkt Geriatrie, und Michael Pflügner, Zweiter Werkleiter des NürnbergStift beschäftigt. Im Rahmen einer interprofessionellen Arbeitsgruppe und in enger Zusammenarbeit zwischen dem Zentrum für Altersmedizin im Klinikum Nürnberg und den Pflegeeinrichtungen, speziell dem für die kommunalen Heime zuständigen NürnbergStift, wurde ein wissenschaftliches Papier erarbeitet.

Anpassungen der Maßnahmen dringend nötig

Es enthält Überlegungen zu möglichen Strategien, wie in den Heimen nun langsam ein Weg zurück in die Normalität beschritten werden kann. "Wir haben wenige Daten über die Kollateralschäden, die die Einschränkungen mit sich bringen, aber es gibt Hinweise darauf, dass es durch die Maßnahmen zu einer schlechteren Versorgung der Bewohner gekommen ist. Aufgrund der nun sehr lange dauernden zweiten Welle gehen wir davon aus, dass hier auch die psychischen Folgen deutlich schwerwiegender ausfallen werden", verdeutlicht Gosch den dringenden Handlungsbedarf.

"Mit einem Restrisiko müssen wir leben"

"Uns ist sehr bewusst, wie gefährlich das Virus ist. Wir wollen nichts verharmlosen", bekräftigt der Mediziner, "aber uns ist wichtig, dass man auch die anderen Aspekte insbesondere der Heimbewohner und ihrer Angehörigen erkennt." Konkret schlagen die Autoren des Papiers eine deutliche Lockerung in den Heimen vor – der Ermöglichung sozialer Interaktion wird dabei hohe Priorität eingeräumt. "Die kann nicht ohne Regeln stattfinden, aber wir haben sehr konkrete Vorschläge gemacht, wie solche Kontakte aussehen können – mit einem kleinen Restrisiko, welches wir aber auch in Kauf nehmen müssen." Daher ist ein Vorschlag der Arbeitsgruppe, bislang stark eingeschränkte Besuche und Gruppenaktivitäten unter der Einhaltung angepasster Maßnahmen zum Infektionsschutz zu ermöglichen und neben den infektiologischen auch alle weitere lebensrelevanten Aspekte bei der Entscheidung über jene Maßnahmen einfließen zu lassen.


So durchbrechen Nürnberger Altenheime die Corona-Isolation


Impfpflicht für Mitarbeiter?

Zudem wird sich für eine Mitarbeiter-Impfpflicht ausgesprochen. "Das ist sicherlich ein heißes Thema, aber wenn man sich überlegt, dass jeder fünfte Heimbewohner, der an Corona erkrankt, stirbt, muss dieser Bereich besonders geschützt werden. Hätten wir eine solche Rate in der Allgemeinbevölkerung, würde man wahrscheinlich gar nicht diskutieren", erläutert Gosch. Für Besucher steht keine Impfflicht im Raum, der Impfstatus spiele allerdings schon eine Rolle, wie der Mediziner weiter erklärt. "Wenn zum Beispiel ein geimpfter Besucher einen geimpften Bewohner im Altenheim besucht, könnte man auf Masken und Abstand verzichten, weil das Übertragungsrisiko dann minimal ist." Für die verschiedenen möglichen Besuchs-Konstellationen wird im Papier eine Vorgehensweise vorgeschlagen.

Zurück zur Normalität bei Impfquote von 85%

"Wir sind außerdem zu dem Schluss gekommen, dass wir bei einer Impfquote von 85% fast von einer Durchimpfung ausgehen können und es ab diesem Prozentsatz daher vertretbar wäre, die Beschränkungen in den Heimen zurückzufahren und Gruppenaktivitäten und Ähnliches zum Beispiel ohne Masken durchzuführen", fährt Gosch fort.

Diskussions- und Handlungsgrundlage

Pflügner kann aus seiner Perspektive eines Heimleiters berichten, wie groß die Erwartungshaltung und die Unsicherheit an die Träger von Seniorenheimen ist: "Das Papier soll deshalb auch eine Basis für Heimbetreiber bieten, innerhalb des gesetzlichen Rahmens zu agieren und zu handeln." Zudem soll es ein Diskussionsanstoß sein und breit in Praxis und Wissenschaft kommuniziert werden: "Primärer Punkt war die Unterstützung von Pflegeheimen, der zweite Aspekt ist die noch folgende wissenschaftliche Publikation. Der Prozess ist im Gange, das Papier wird nun noch einmal fachlich geprüft, um das Ganze abzusichern. So bekommt die Publikation mehr Gewicht und Wertigkeit, auf die man sich berufen kann", ergänzt Gosch. Die Veröffentlichung des Papiers ist für den Monat Mai geplant, es wurde bereits an das Landratsamt für Gesundheit und Lebensmitteltechnik sowie die zuständige Referatsleitung im Bayerischen Gesundheitsministerium gesandt. "Wir hoffen natürlich, dass die Politik dann einige unserer Überlegungen aufgreift", so die Autoren.