ÖPNV-Flaute: Die Infektionsangst treibt Nürnberger zum Auto

Hartmut Voigt
Hartmut Voigt

Lokalredaktion Nürnberg

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26.5.2020, 05:29 Uhr
Mit Gesichtsschutz und Abstand: So sieht es momentan in den Straßenbahnen aus.

Mit Gesichtsschutz und Abstand: So sieht es momentan in den Straßenbahnen aus. © Foto: Michael Matejka

Der öffentliche Nahverkehr wurde wegen der Corona-Pandemie gewaltig heruntergebremst: Normalerweise sitzen täglich rund 600.000 Fahrgäste in U-Bahnen, Bussen und Straßenbahnen. Derzeit sind es gerade mal noch 55 Prozent, wie die Verkehrs AG (VAG) auf Anfrage mitteilt. Die Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus lässt viele ins Auto oder auf das Fahrrad umsteigen.

Die Umweltorganisation Greenpeace schätzt, dass allein in deutschen Großstädten zusätzliche drei Millionen Tonnen CO2-Emissionen durch Pkw entstehen könnten. "Damit Corona nicht auch die Verkehrswende infiziert, müssen Städte jetzt mehr Platz für Radfahrende und Fußgänger schaffen", fordert Greenpeace-Verkehrsexpertin Marion Tiemann.

Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC): "In einer kompakten Stadt ist das Rad das schnellste Verkehrsmittel", sagt Nürnbergs ADFC-Vorsitzender Markus Stipp, "in der Sondersituation mit Corona könnte man mit zeitlich befristeten 'Pop-Up-Radwegen' wie in anderen Städten viel ausprobieren. Das wurde leider versäumt."

Der 36-jährige Produktmanager Stipp glaubt, dass die Flaute bei den öffentlichen Verkehrsmitteln noch zwei Jahre andauern könnte — bis endlich ein Impfstoff gegen die gefährliche Lungenkrankheit verfügbar ist. Gegenüber derartigen Einschätzungen gibt sich die VAG zurückhaltend bis skeptisch: Ob der Einbruch bei den Kundenzahlen längerfristig anhalte oder nur ein zeitlich eng begrenztes Problem ist, lasse sich aktuell noch nicht verlässlich prognostizieren.

"Wir bemerken, dass mit den Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen die Fahrgastzahlen wieder zunehmen", erklärt VAG-Pressesprecherin Stefanie Dürrbeck, "allerdings sind ja dennoch viele Menschen weiterhin zuhause und müssen gar nicht fahren. Wie sich das in Zukunft entwickelt, muss sich erst zeigen."

Sie verweist darauf, dass zu Zeiten der stärksten Beschränkungen nur etwa 20 Prozent Fahrgäste im Vergleich zu normalen Tagen unterwegs waren. Daher ist man mit jetzt 55 Prozent wieder einen großen Schritt weiter. Allerdings ist es in den Hauptverkehrszeiten nicht möglich, 1,5 Meter Sicherheitsabstand vom Nächsten einzuhalten. Das weiß auch die VAG und argumentiert: Die Einhaltung der Hygieneregeln und das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes erlaube kurzzeitig das Unterschreiten von 1,5 Metern in Stoßzeiten — vor allem bei tendenziell kurzen Aufenthaltszeiten in den Fahrzeugen.

 

 

 

Die Verkehrsbetriebe raten jedoch, wenn möglich die Hauptverkehrszeiten zwischen 7 Uhr und 8 Uhr morgens sowie nach 13 Uhr zu meiden. Denn dicht an dicht in der U-Bahn mit Gesichtsmaske zu stehen, das ist für die Fahrgäste sicher eine mulmige Vorstellung.

Für die VAG ist wichtig, dass der öffentliche Nahverkehr nicht wieder hinter das Auto zurücktreten muss. "Es geht um nachhaltige, zukunftsfähige Entscheidungen und da muss der ÖPNV beim Thema Mobilität in Stadt und auf dem Land eine deutlich größere Rolle spielen", unterstreicht Dürrbeck.

Deutliches Zeichen

Damit befinden sich die Verkehrsbetriebe in völliger Übereinstimmung mit der Stadtverwaltung. "Unser Ziel ist nicht, Autofahrern eine noch weiter verbesserte Qualität zu bieten", erläutert Frank Jülich, Leiter der städtischen Verkehrsplanung, "sondern es geht vielmehr um die Frage: Wie können wir den Verkehr verringern, so dass er verträglich ist — mit ÖPNV, Rad oder auch zu Fuß?"

Der Stadtrat hat mit der Verdreifachung des Etats für den Radverkehr auf zehn Millionen Euro ab 2023 ein deutliches Zeichen gesetzt. Auch die aktuelle Diskussion um das 365-Jahresticket bei der VAG ist ein Mosaikstein in diese Richtung.

Jülich sieht auch digitale Beiträge als sinnvoll an wie etwa eine App mit "intermodalen Auskünften": Dort könnte der Länge eines Radwegs zur nächsten U-Bahn-Station angegeben sein, verknüpft mit der Aussage, wann die nächste U-Bahn kommt und an welchen Stationen man in welche Richtungen umsteigen kann.

Längere Durststrecke möglich 

Der Leiter der kommunalen Verkehrsplanung glaubt jedoch, dass der ÖPNV bei den Fahrgastzahlen "noch eine längere Durststrecke" vor sich hat. Mit abnehmenden Covid-19Neuinfektionen werde es zwar ein wenig mehr Sicherheit geben, doch "pickepackevolle U-Bahnen" zur Hauptverkehrszeit werde man nicht so rasch wieder sehen.

Als großen Profiteur sieht Jülich weniger das Auto als vielmehr das Fahrrad. Hier schaffe die Stadt beim "Vorrangroutennetz" ein attraktives Angebot, hält er der Kritik von Rad-Lobbyisten, die Stadt tue zu wenig, entgegen. Er benennt konkret drei Beispiele für wichtige Lückenschlüsse: Bei der Erlanger Straße in Höhe Nordring sind die Arbeiten bereits abgeschlossen, an der Rothenburger Straße sind die Pläne fertig und politisch abgesegnet und an der Bayreuther Straße laufen die Planungen.

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