"Scheiss Bonzen"

Schmierereien und Hass: Wieder Gentrifizierungs-Wut in Gostenhof

13.7.2021, 14:29 Uhr
Immer öfter werden Häuser in der Kernstraße mit deutlichen AUssagen beschmiert.

Immer öfter werden Häuser in der Kernstraße mit deutlichen AUssagen beschmiert. © Irini Paul, NN

Die Fassade hat schon bessere Tage gesehen. Der Putz platzt von der Hauswand, der Anstrich ist in die Jahre gekommen - das Haus in der Kernstraße in Gostenhof ist alles andere als ein schicker Altbau. Dennoch ist ein "Scheiss Bonzen" an die Fassade gesprüht.

Kein Einzelfall im Viertel

Es ist kein Einzelfall: In jeder Straße rund um den Jamnitzerplatz in Gostenhof sind Häuserwände beschmiert, die soziale Ungerechtigkeit anprangern, angebliche Nazis des Stadtteils verweisen und Polizisten zu "Bastarden" degradieren. Seit ein paar Tagen soll sich jetzt auch Vadim Karasev mit seinem Team "nach Erlenstegen verpissen", wie es an der Hauswand steht - nur ein paar Schritte von den "Scheiss Bonzen" entfernt.

Seit 2020 betreibt der 35-Jährige das Gourmet-Restaurant "Veles". Zuvor war hier für kurze Zeit das "Herr Lenz" zuhause, nachdem sich die beliebte "Planungskneipe" nach Jahrzehnten von ihren vielen Stammkunden verabschiedet hatte. Seitdem lockt der erfahrene und in der Szene bekannte Koch (unter anderem Küchenchef im "Einzimmer Küche Bar"), mit ausgesuchten Menüs.

"Wir haben damit gerechnet"

"Um ehrlich zu sein, haben wir damit gerechnet, dass wir hier mit unserem Programm und unseren Preisen anecken werden", so Vadim Karasev. Es sei ihm und seinem Team immer bewusst gewesen, dass es in Gostenhof "eine kleine Gruppe" gebe, die "massiv" sei, wie er es ausdrückt. Diese Massivität macht sich nicht nur im Schriftzug an der Hausfassade Luft. Alle Tische und Stühle, Schirme, Fenster und die Tür waren nachts mit grüner Farbe besprüht worden.

Vadim Karasev vor seinem Restaurant

Vadim Karasev vor seinem Restaurant "Veles", das erst unlängst zum Opfer von massiver Sachbeschädigung wurde.  © Stefan Hippel, NNZ

Seit Jahren befürchten bestimmte Gruppen eine schleichende Umstrukturierung in Gostenhof - eine "Gentrifizierung": Sie wittern, dass Menschen aus ihrem Viertel verbannt werden, weil Altbauten saniert und dann zu hohen Preisen an Besserverdienende vermietet oder verkauft werden.

Ein Phänomen, das sich in anderen Großstädten, wie etwa in Hamburg oder Berlin, zeigt. In Gostenhof jedoch offenbaren die Zahlen und Daten eine andere Realität. Erst im Juni wurde die Untersuchung zu Gentrifizierungstendenzen im Stadtteil aus dem Jahr 2015 aktualisiert. Danach zeigt sich, dass zwar Anfang der 2010er Jahre einige Wohnungsumwandlungen bestehender Wohnungen (Miet- zu Eigentumswohnungen) in dem Gebiet zu beobachten waren (jährlich rund 30 bis 80 Wohnungen), diese aber bis Mitte der 2010er Jahre stetig zurückgingen.

"Sowohl Neubau als auch Wohnungsumwandlungen fanden seither nur noch in deutlich geringerer Zahl statt. Dies bestätigt die bereits in der letzten Untersuchung gemachte Beobachtung, dass in Gostenhof keine für Gentrifizierung typischen Bau- und Investitionsentwicklungen stattfinden", sagt Nürnbergs Wirtschaftsreferent Michael Fraas. Mit zuletzt sinkenden Wanderungszahlen verfestige sich in Gostenhof in den letzten Jahren der Charakter "eines belebten, jungen und multikulturellen Wohnviertels mit zum Teil weiterhin sozial angespannten Haushaltsstrukturen".

Keine Auffälligkeiten

Es handele sich weniger um eine seit jeher gewachsene und räumlich bisher wenig mobile Bewohnerschaft, vielmehr stelle Gostenhof bereits seit langer Zeit einen attraktiven Standort für „Neu-Nürnberger“ dar, die sich später zum Teil auch über das weitere Stadtgebiet verteilen. "Eine auffällige Verschiebung und Veränderung der Einwohnerstruktur ist dabei in den letzten Jahren aus den vorliegenden Daten nicht abzuleiten", so Fraas.

Eines trifft jedoch auch auf Gostenhof zu: Nürnberg gilt insgesamt als angespannter Wohnungsmarkt, was einen generellen Wohnraummangel und Preisanstiege zur Folge hat. Allerdings lagen 2019/2020 die Mieten in Gostenhof bei durchschnittlich 9,75 €/m² - gesamtstädtisch liegt der Schnitt bei 9,89 €/m² - und damit niedriger. Die viel beklagte Gentrifizierung erweist sich bei Betrachtung der Fakten also als Blase.

Vadim Karasev und sein Team haben unterdessen die Tische abgeschliffen, die Fenster geputzt. Nur an den Rahmen wird die Farbe bleiben. "Da können wir nicht mit scharfen Mitteln ran, sonst würden sie kaputt werden." Über einen Wegzug angesichts der offenen Anfeindung denke er nicht nach. "Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem wir auch von dieser Gruppe akzeptiert werden", sagt er.

Ein elitärer Laden will das "Veles" nicht sein. In seinem Restaurant gehe es nicht steif zu, die Preise lägen in einer fairen Preis-Politik seinen Lieferanten gegenüber und der Qualität der Ware begründet, wie er sagt. Den Verursachern der Sachbeschädigung hat er längst über seinen Facebook-Account geantwortet: "Mut zur Integration. Wir beißen nicht. Nächstes Mal könnten wir auch einfach 'n Bier trinken ..."

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