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Zu klein, um zu öffnen: So ist die Situation in Nürnberger Bars

Für viele Betriebe sind die Randbedingungen katastrophal - 09.10.2020 06:00 Uhr

Ihn plagen trotz allem keine Existenzängste: Stephan Schulz von der Mata Hari Bar in Nürnberg.

© Michael Matejka


Hinter der Theke stehen die Flaschen mit Gin und Co. in Reih und Glied, doch auf den Barhockern davor hat schon seit Wochen niemand mehr gesessen. Seit Mitte März ist der Innenraum der Mata Hari Bar in der Weißgerbergasse geschlossen, und daran wird sich vorerst auch nichts ändern. "Mir fehlt einfach der Platz", sagt Stephan Schulz. Nicht viel größer als ein Wohnzimmer ist das Zimmer in dem historischen Fachwerkhaus, in das sich an normalen Samstagabenden vor Corona trotzdem 50 Menschen drängten, um gemeinsam zu feiern.

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Jetzt dürfe er direkt an der Bar niemanden bewirten, sagt Schulz. Auch Stehtische sind nicht erlaubt, jeder Gast muss Platz nehmen und am Tisch bedient werden. Doch um die Theke herum bleibt nur ein schmaler Streifen, in dem der Wirt allenfalls zwei kleine Tische unterbringen könnte. "Das lohnt sich einfach nicht."

Der 44-Jährige ist trotzdem niemand, der sich unterkriegen lässt. Erst verschaffte er sich mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne etwas Luft, indem er Gutscheine an seine Gäste verkaufte; dann konnte er den Sommer mit seinem neu eröffnete Biergarten vor der Tür gut überbrücken. "Das lief besser als erwartet", sagt Schulz. Doch jetzt blickt er skeptisch in die Zukunft und weiß noch nicht, ob er das Wagnis einer weiteren Open-Air-Öffnung den ganzen Winter über eingehen soll. "Ich kann entweder hoffen, dass es irgendwie draußen läuft oder einfach nichts machen."

"Man wird gedrängt, nichts zu machen"

Unterm Strich würde das für ihn vermutlich auf dasselbe hinaus laufen, sagt der 44-Jährige. Denn sollte er nennenswerte Umsätze machen, müsse er einen großen Teil der staatlichen Hilfen voraussichtlich wieder zurück zahlen. Dabei geht es vor allem um die Grundsicherung, die Selbstständigen derzeit in einem vereinfachten Verfahren gewährt wird. Sie wird allerdings mit den Einnahmen verrechnet, was dazu führen kann, dass die Kleinunternehmer quasi umsonst arbeiten, wenn sie coronabedingt nur kleine Umsätze machen.

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Dabei erbringe er doch eine wirtschaftliche Leistung, zahle Mehrwertsteuer und honoriere sein Personal, sagt Schulz. Ihm fehle da die Anerkennung seiner Arbeit. "Im Grunde", sagt er, "wird man dazu gedrängt, nichts zu machen."


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Doch das hat der Wirt trotz allem nicht vor. Heizstrahler hat er schon angeschafft, das Konzept für den winterlichen Außenbetrieb steht. Schließlich hängt sein Herz an der Bar, die er schon seit fast 20 Jahren führt. Und er ist zuversichtlich, dass das so bleiben wird. "Ich habe keine Existenzängste."

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Andere Wirte sind nicht so optimistisch. "Gerade für viele kleine Betriebe ist die Situation katastrophal", sagt Gerhard Engelmann, Bezirksgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes in Mittelfranken. Noch hielten sich viele Kneipen irgendwie über Wasser, doch das dürfte sich während des Winters ändern, fürchtet Engelmann. "Eine Bilanz werden wir erst im Frühjahr ziehen können."

Schon jetzt klagen jedoch viele Gastronomiebetriebe über Umsatzeinbrüche von rund 50 Prozent, so eine Umfrage des Hotel- und Gaststättenverbandes in Bayern. 60 Prozent der Befragten sehen ihren Betrieb durch die Corona-Krise gefährdet. Den staatlichen Überbrückungshilfen, die zur Deckung der Betriebskosten dienen sollen, stellten die Befragten kein gutes Zeugnis aus. Über die Hälfte gab an, damit nur maximal 60 Prozent der laufenden Fixkosten finanzieren zu können.

Auch laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) trifft die Corona-Krise die Selbstständigen besonders hart. Demnach klagten 60 Prozent der Selbstständigen über Einkommensverluste, bei den abhängig Beschäftigten waren es nur 15 Prozent. Das Institut fordert deshalb weitere Hilfen, die nicht nur die Betriebskosten, sondern auch die privaten Lebenshaltungskosten der Selbstständigen berücksichtigen. Die Grundsicherung sei für solche Fälle "weniger ausgelegt". Auch Engelmann hofft auf großzügige Regelungen speziell im Bereich der Gastronomie. "Es geht dabei ja auch um ein großes Stück Lebensqualität in der Stadt."

Mehr Informationen in unserer Rubrik Essen und Trinken.


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