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Impfen beim Hausarzt: "Nur 18 Dosen, das geht auf Dauer nicht!"

Schwabachs Hausärzte-Chef Peter Roch im Interview über den Beginn der Impfungen in Praxen - 12.04.2021 07:04 Uhr

Auch beim Hausarzt: Nach dem Impfen werden Datum und Impfstoff im Impfpass festgehalten.

11.04.2021 © Stefan Bomhard


Peter Roch ist seit 1998 niedergelassener Hausarzt im Schwabacher Ortsteil Wolkersdorf. Der 57-jährige Allgemeinmediziner impft seit der ersten Aprilwoche in seiner Praxis. Patienten, die ihr Haus nicht mehr verlassen können und nach der vorgeschriebenen Prioritätsliste an der Reihe sind, können seitdem auch zu Hause geimpft werden. Wir haben Roch, der auch Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Südfranken und des Ärztenetzes Schwabach ist, unter strenger Einhaltung aller Abstands- und Hygieneregeln zu einem Impftermin im Zuhause eines Patienten begleitet und dabei nach seinen Erfahrungen gefragt.

Die Impfung: "Im Fernsehen wird immer so gerade gestochen. Ich setze von unten an, so kann ich einen Muskelkater an der Einstichstelle vermeiden", sagt Peter Roch.

11.04.2021 © Stefan Bomhard


Herr Roch, wie viele Personen in Schwabach zählen zum Kreis derer, die nur in ihren eigenen vier Wänden geimpft werden können?

Peter Roch: Das kann ich aus dem Stand nur für meine Praxis beantworten. Da sprechen wir von 50 bis 60 Patienten, die wir im ambulanten Bereich versorgen.

Kennen Sie die genaue Zahl der Praxen, die sich im Bereich Schwabachs am Impfprogramm beteiligen?

Roch: Nein, aber meine Schätzung geht davon aus, dass wenigstens 80 Prozent meiner Kolleginnen und Kollegen mit von der Partie sind. Ich merke dies daran, dass ich wegen einer Impfung derzeit von Kollegen keine Patienten zugewiesen bekomme, also noch ganz anders als bei der ersten Infektionswelle vor einem Jahr, als wir als Schwerpunktpraxis viele Patienten aus anderen Praxen mitzuversorgen hatten.

Welche Mengen an Impfstoff bekommen Sie zurzeit?

Roch: In der ersten Woche waren es 20 Dosen von Astrazeneca, in der zweiten dann 18 von Pfizer-Biontech. Das ist kaum mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Aber steter Tropfen höhlt eben auch den Stein. Ich bin Optimist und sehr sicher, dass die Zahlen in den kommenden Wochen kontinuierlich ansteigen werden. Ohne zu übertreiben kann ich sagen: 80 bis 100 Impfungen pro Woche wären für eine Praxis wie meine kein Problem.

Das klingt nach viel…

Roch: …ist aber am Ende eine reine Organisationssache. Es handelt sich dabei um einen beträchtlichen Mehraufwand für uns, denn diese Impfungen nehmen wir außerhalb der üblichen Praxiszeit vor. In den normalen Sprechzeiten kümmere ich mich um meine akuten und chronischen Erkrankten, da bleibt keine Zeit fürs Impfen. Die Zeiten zwischen den zwei Sprechstundenblöcken nutze ich zum Impfen – in der Praxis und bei den Hausbesuchen. Ich sehe diesen Mehraufwand als unsere Aufgabe an, dahinter stehen sicher auch die weitaus meisten meiner Kollegen.

Wie sieht das Zeitmanagement aus, in welchem zeitlichen Fenster müssen die sieben Dosen eines Fläschchens Biontech, die größeren Kühlaufwand erfordern als jene von Astrazeneca, verimpft sein?

Roch: Um Zeit zu sparen, ist es wichtig, dass die Patienten schon vorab den Aufklärungsbogen ausgefüllt und gründlich durchgelesen haben. Andererseits hilft es mir, dass sich die Menschen ja bewusst fürs Impfen entschieden haben, wenn sie vor mir sitzen. Ich muss dann nicht lange über den gesamten Komplex des Impfens an sich sprechen. Im täglichen Praxisleben vergeht ja derzeit zudem kein Termin, ohne dass man über das Thema Corona spricht. Ich nenne das nur noch die "C-Frage", die kommt auch bei jemandem, der wegen seiner Wirbelsäule in Behandlung ist. Dort erfahre ich also schon, wer sich impfen lassen möchte, und das trage ich in die Patientenakte auch entsprechend ein. So kann ich schon sehr gut vorfiltern. Danach geht es darum, den richtigen Zeitpunkt und den passenden Impfstoff zu bestimmen.

Das Vakzin ist bereits aufgezogen und wird dann mit der Kochsalzlösung verbunden. 

11.04.2021 © Stefan Bomhard


Wann erhalten Sie den Impfstoff und in welcher Zeit muss er verabreicht sein?

Roch: Zwischen 30 und 50 Impfdosen darf ich derzeit pro Woche anfordern, ehe wir jeweils am Donnerstagnachmittag erfahren, welche Anzahl wir tatsächlich zugeteilt bekommen. Danach wird aus einer schon erfolgten Grobsortierung ein Detailplan für die nachfolgende Woche, wobei ich mir die siebte Dosis, die wir inzwischen aus dem Biontech-Fläschchen ziehen können, freihalte als Reserve für unvorhergesehene Fälle. Ab Mai, spätestens ab Juni sollten wir genügend Impfstoff haben, um dann auch nicht mehr diskutieren zu müssen, welches Präparat bei wem zur Anwendung kommt. Ich bin sicher: Wir bekommen die freie Impfstoffwahl. Andererseits sage ich auch: Uns mit nur 18 Impfstoffdosen zu versorgen, das geht auf Dauer nicht.

Heiß diskutiert wird seit Impfbeginn im Dezember auch das Thema der Kühlung. Wie können Sie als Hausarztpraxis sicherstellen, dass die Kühlkette nicht unterbrochen wird?

Roch: Wir wissen inzwischen, dass der Impfstoff um ein Vielfaches stabiler ist, als wir zunächst geglaubt haben. Er wird aufgetaut geliefert und wandert dann sofort in den Kühlschrank, wo er bei zwei bis acht Grad plus aufbewahrt werden kann. Er ist danach innerhalb von fünf Tagen gut verwendbar. Nach der Entnahme aus dem Kühlschrank und der Aufbereitung mit der nötigen Menge Kochsalz sollte die gesamte Flasche idealerweise in zwei bis sechs Stunden verabreicht sein. Ein Kühlkettenproblem, da bin ich sehr sicher, haben wir nicht. Unser Problem ist vielmehr, dass wir zu wenig Impfstoff haben.

Zwei, die zusammengehören: Die Kochsalzlösung (rechts) und der Impfstoff, in diesem Fall das Vakzin von Pfizer-Biontech.

11.04.2021 © Stefan Bomhard


Deshalb müssen Sie als Arzt die Auswahl der zu impfenden Patienten vornehmen. Wie geht das vor sich?

Roch: Ich kenne meine Patienten und kann dies aufgrund ihrer Vorerkrankungen oder des eventuell bestehenden Risikos entscheiden. Da kommt es auf die Schwere der Erkrankung an: Jemand mit einer COPD (einer chronischen obstruktiven Lungenerkrankung, Anm. d. Red.) hat dann Vorrang gegenüber jemandem mit Bluthochdruck. Auch in den Reihen der jüngeren Patienten unter 60 Jahren gibt es viele mit schweren Vorerkrankungen wie Asthma, Diabetes oder Bluthochdruck. Bei ihnen wäre die Wahrscheinlichkeit, eine Corona-Erkrankung ohne Folgeschäden zu überstehen, äußerst gering. Neben der altersmäßigen Priorisierung kommt es also auch sehr auf den jeweiligen Gesundheitszustand an. Des Weiteren geht es darum, besonders gefährdete Berufsgruppen mit in die Überlegungen einzubeziehen, Mitarbeitende in Pflegeheimen, Krankenschwestern, ärztliches Personal oder Fachangestellte.

Insbesondere die Lehrer fordern stark, ebenfalls zeitnah geimpft zu werden.

Roch: Hier lautet meine Prognose, dass Lehrer ohne Vorerkrankungen vermutlich im Mai drankommen werden.

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Kaum waren die Arztpraxen mit ins Impfgeschehen eingebunden, kamen sofort verschwörerische Bedenken auf, die Ärzte könnten in Versuchung geraten, nach Gutdünken zu entscheiden oder sich gar als bestechlich zu erweisen. Was löst das bei Ihnen aus?

Roch: Ich spüre das zum Glück überhaupt nicht, was vielleicht auch daran liegt, dass wir Hausärzte sind, dass uns die Menschen vertrauen, weil sie wissen, dass das, was wir machen, sinnvoll ist. Natürlich spüre ich die Enttäuschung bei manchen, die gern schon an der Reihe wären. Denen sage ich dann: Rechnen Sie damit, dass es ein wenig länger dauert, aber freuen Sie sich, wenn Sie dann doch um einiges früher dran sind als erwartet.

Wie geht es weiter nach der Prioritätsgruppe 1 und den immobilen Kranken zu Hause?

Roch: Dann folgt die Gruppe der über 70-Jährigen. Ich gehe davon aus, dass ab Juni jeder geimpft werden kann, der das möchte, dann also auch Schüler und Studenten ab 18 Jahren. Zu dieser Altersgruppe laufen derzeit die entsprechenden Studien. Ich erwarte im Übrigen auch, dass wir uns alle immer wieder gegen Corona werden impfen müssen. Allein die Mutationsrate wird verhindern, dass wir mit einer Einmal-Impfung auskommen.

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Die am stärksten gefährdete Gruppe der älteren und alten Menschen ist weitgehend geimpft – wo sehen Sie zu Beginn des zweiten Quartals 2021 die Hotspots, jene Orte, an denen das Infektionsgeschehen am stärksten ausgeprägt ist?

Roch: Überall dort, wo sich die Menschen in ihren privaten Kontakten nicht an die Maßgaben halten, und danach in den Firmen, am Arbeitsplatz. Trotz vieler Hygienekonzepte findet, so glaube ich, in den Firmen weit mehr Infektionsgeschehen statt, als wir möglicherweise erwarten würden. In den Kitas und Schulen wissen wir, dass dort die Kontakte sehr eng sind. Ich bin aber im Zweifel, ob in allen Betrieben, gerade in produzierenden Firmen, die Menschen auf Wochen und Monate wirklich alle Hygienevorschriften beachten.

Warum liegen inzwischen bei Biontech sechs und nicht mehr nur drei Wochen zwischen erster und zweiter Impfung, bei Astrazeneca sogar zwölf?

Roch: Weil wir eine bestmögliche Erstimpfungsrate haben wollen, denn jede Impfung zählt. Darauf wollen wir dann aufbauen.

Interview: STEFAN BOMHARD

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