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Distanzunterricht - aber wie? Frankens Lehrer in der Zwickmühle

Lizenzen mit Microsoft laufen aus - Wie geht es weiter? - 02.12.2020 06:25 Uhr

Stell dir vor, es ist Unterricht – und keiner geht hin, weil alle Schülerinnen und Schüler von daheim aus arbeiten. Der Lehrer dieser Erlanger Mittelschule sitzt im leeren Klassenzimmer, hat seine Schüler aber auf dem Laptop im Blick. Das Foto entstand bereits während des ersten Lockdowns im Frühjahr. 

26.11.2020 © Harald Sippel, NN


Für die einen ist das Arbeiten mit MS Teams eine praktische Vorbereitung auf das Berufsleben, für die anderen datenschutzrechtlich ein Totalversagen der Politik. Und von all denjenigen, die noch immer mit der Infrastruktur kämpfen, weil es auf dem Land oft statt einer Datenautobahn nur eine einspurige Landstraße gibt, wollen wir gar nicht reden.

Also zurück zu MS Teams. Denn abgesehen vom Datenschutz drängt sich jetzt, in Zeiten von Wechsel- und Distanzunterricht, die Frage auf: Wie funktioniert das Arbeiten damit? Und dann gibt es noch ein ganz anderes Problem: Die Lizenzen laufen aus. Aber der Reihe nach.

Die Lernplattform des Kultusministeriums reichte nicht aus

Als das bayerische Kultusministerium 2017 seine digitale Lernplattform Mebis – das Kürzel steht übrigens für Medien, Bildung, Service – allen Schulen zur Verfügung gestellt hat, da wurde das Angebot angenommen oder auch nicht, und letzteres mehrheitlich. 2020 schnellten die Nutzerzahlen raketengleich nach oben, der Grund ist bekannt: Corona. Das System ging angesichts des Massenansturms in die Knie.

Um die Serverlast zu erleichtern, wurden Echtzeitkomponenten abgeschaltet. Doch wie soll ohne sie, ohne Video, Chat und Cloudspeicherfunktion, digitales Unterrichten aussehen? Eine Lösung musste her – und das schnell.

Weil die Lernplattform mebis keine Echtzeitkomponente anbietet, musste das Kultusministerium einen anderen Anbieter auswählen. Die Wahl fiel auf die Plattform MS Teams. Datenschützer sind darüber nicht glücklich. Und bald laufen die Lizenzen aus. 

01.12.2020 © Microsoft, dpa-tmn


Sie heißt "Microsoft Teams for Education" und wird vom Kultusministerium allen Schulen zur Verfügung gestellt (ein Kann, kein Muss). Die Kosten für Lizenzen sowie Supportleistungen werden sich auf einen "niedrigen einstelligen Millionenbetrag" belaufen, schreibt die Pressestelle des Ministeriums. Allerdings gibt es jetzt wieder ein Problem. "Die derzeit von circa 350 Schulen genutzte Landeslizenz für MS Teams läuft zum Jahresende aus", so Pressereferent Daniel Otto. Und jetzt?

Der Weg der Stadt Nürnberg

141 Nürnberger Schulen – die meisten nutzen MS Teams – können aufatmen. Denn die Stadt ist davon nicht betroffen. Sie hat sich mit MS-Office 365 eine andere Version organisiert, und diese Lizenzen sind bis Ende Januar 2022 gültig. "Wir als Stadt unterstützen nur dieses eine System. Jede Schule entscheidet selbst, ob sie es nutzt", sagt Christian Büttner. Er leitet das Institut für Pädagogik und Schulpsychologie Nürnberg, kurz IPSN.

Natürlich weiß Büttner, dass Microsoft nicht unumstritten ist. "Aber ich bin der Meinung, unser Angebot ist datenschutzkonform." Denn die Lizenzen für Schulen seien nicht mit jenen von Privatnutzern vergleichbar, es wurden Einschränkungen durchgeführt, nicht alle Tools freigegeben und das Thema Tracking laut Büttner ausgeschaltet.

"Ich bin sehr froh, dass wir diese Lösung haben", sagt Christian Rieger, Lehrer am Nürnberger Johannes-Scharrer-Gymnasium. Name, Vorname, Klasse – mehr werde nicht gespeichert, mögliche Drittanbieter-Apps wurden deaktiviert, und zum Schuljahresende werden Chatverläufe und hochgeladene Daten gelöscht.

In zahlreichen Fortbildungen des IPSN wurden (und werden immer noch) Nürnberger Lehrkräfte im Umgang mit dem System geschult, sagt Rieger, der auch IPSN-Mitarbeiter ist. Damit sie nicht nur den Unterricht digital gestalten, sondern auch Elternabende, Lehrerkonferenzen und Elternsprechstunden online durchführen können.

Schülerinnen und Schüler des Scharrer-Gymnasiums wurden ebenfalls auf das Arbeiten mit MS Teams vorbereitet. "Jetzt haben wir alle fit gemacht für das System. Was Neues einzuführen, kostet viel Zeit und Energie. Ich bin froh, dass wir in Nürnberg erst einmal damit weiterarbeiten können", sagt Rieger. Er möchte die Chancen, die sich aus dem digitalen Unterricht ergeben, unabhängig von Corona weiter nutzen.

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Florian Völkl von der Städtischen Beruflichen Oberschule, der wie Rieger zum Projektteam "IT-Infrastruktur an Schulen" der Stadt Nürnberg gehört, stimmt seinem Kollegen zu. Völkl führt seinen Mathe-Unterricht per Videoübertragung durch. Um besser arbeiten zu können, sind die Mikros der Schülerinnen und Schüler auf stumm und die Videofunktion ausgeschaltet. Seit 19. November und bis voraussichtlich 2. Dezember ist die Berufliche Oberschule im Distanzunterricht. "Die persönliche, direkte Kommunikation ist natürlich immer besser", sagt er. "Aber es bieten sich eben auch ganz neue Möglichkeiten des Austausches, Lehrens und Lernens."

Dienstgeräte für Lehrkräfte sind auch angekündigt, die Freigabe der Gelder befindet sich in der Abstimmungsphase über die Richtlinien. Völkl hofft, dass die Leihgeräte standardmäßig mit Eingabestiften ausgestattet sind. Denn zu seinen liebsten Werkzeugen gehört die Software "OneNote" aus dem Microsoft-Office-Paket.

Das Problem mit Microsoft

Nicht jeder ist so überzeugt wie Christian Büttner, Christian Rieger und Florian Völkl. Datenschützer sind skeptisch. Dem bayerischen Landesbeauftragten für Datenschutz, Thomas Petri, liegt die Beschwerde eines Nürnberger Rechtsanwalts vor. Unter dem Titel "Grobe Verletzungen datenschutzrechtlicher Vorschriften" ist sie auf der Internet-Plattform netzpolitik.org einsehbar.

Aber auch auf Verbandsebene gibt es kritische Stimmen. Zum Beispiel die von René Hurtienne, der als Vorsitzender des Bezirks Mittelfranken für den bayerischen Philologenverband spricht. Er sagt: Selbst wenn alle möglichen Einschränkungen zum Schutz der Daten und Persönlichkeitsrechte getroffen worden sind, bleibt ein Haken: US-Geheimdienste dürfen von Gesetzes wegen Daten amerikanischer Unternehmen überwachen.


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Zwar ist Microsoft zu folgenden Zusagen bereit: Wird das Unternehmen per staatlicher Anordnung zur Herausgabe von Daten aufgefordert, sollen betroffene Personen informiert werden; sie haben außerdem Anspruch auf Schadensersatz; und Microsoft verpflichtet sich, die Herausgabe der Daten rechtlich anzufechten. Auf dieser Basis sollen die Gespräche zwischen der Konferenz der Datenschutzbeauftragten der Länder sowie des Bundes und Microsoft vor Jahresende fortgesetzt werden.

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Trotzdem: All das sind nur nachgeordnete Maßnahmen. Das verursachende Problem bleibt, solange das US-Gesetz nicht geändert wird. "Die Situation ist derart komplex, dass sie für örtliche Datenschutzbeauftragte und Systembetreuer nicht zu überblicken ist", sagt Hurtienne. Er verstehe alle, die auf MS Teams setzen. "Aber wir als Verband können das System nicht befürworten, weil es keine Rechtssicherheit gibt."

Die Lösung?

Die gibt es noch nicht. Auf einen Nenner gebracht, lautet die technische Herausforderung: "Wir brauchen eine niederschwellige Lösung, die einerseits stabil-funktional und komfortabel, andererseits datenschutzkonform ist", sagt Hurtienne. Die schlechteste Alternative wäre: Jede Schule wurstelt sich selbst durch und/oder arbeitet mit zwei Systemen, nämlich mit der Lernplattform Mebis plus einem Anbieter von Videokonferenzen wie Zoom, Webex, Jitsi oder BigBlueButton. Das heißt aber auch: zwei Systeme betreuen, beherrschen und bedienen.

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Das lehnt der bayerische Philologenverband ab. Wichtig sei, die Lehrkraft nicht wieder wie in der Vergangenheit alleine zu lassen auf der Suche nach einem geeigneten Vorgehen. "Denn es werden tausende von Lehrerzeitstunden verbrannt, wenn an vielen Orten gleichzeitig für die gleichen Fragen nach Lösungen gesucht werden muss, nur weil Lösungen nicht zeitnah zentral zur Verfügung gestellt werden."

Und an welcher Lösung arbeitet das Kultusministerium? Es "beabsichtigt, auch über das Jahresende hinaus im Rahmen der ,BayernCloud Schule‘ dauerhaft eine Kommunikations- und Kollaborationsplattform, insbesondere ein Videokonferenzwerkzeug mit begleitender Chat-Funkion, zur Verfügung zu stellen", schreibt die Pressestelle. Das Beschaffungsverfahren sei noch nicht abgeschlossen, deshalb könne zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden, "um welches System es sich handeln wird".

Der jetzige Zeitpunkt: Weniger als vier Wochen vor Ablauf des Jahres. Und dann kommt – vielleicht – ein neues System. Auf das sich alle, Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler, wieder neu einstellen müssen. René Hurtienne fordert Kultusminister Michael Piazolo auf, so schnell wie möglich darzustellen, was am 1. Januar auf die Betroffenen zukommt. Ersatzverfahren müssten spätestens ab 18. Dezember zur Verfügung stehen, Schulungsmaterial inklusive. René Hurtienne: "In welchem Stadium befinden sich die Verhandlungen? Mit wem werden sie geführt? Wir brauchen Planungssicherheit. Und wenn Piazolo das nicht sagen kann, dann soll er wenigstens das sagen."

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