Vor dem Saisonstart

Club-Trainer Klauß im Interview: "Ausreden gelten jetzt nicht mehr"

20.7.2021, 06:38 Uhr
Die Richtung ist klar:

Die Richtung ist klar: "Unser Ziel muss die Bundesliga sein", sagt Trainer Robert Klauß. Aber noch nicht in dieser Saison. © Sportfoto Zink / Daniel Marr, Sportfoto Zink / Daniel Marr

Herr Klauß, nach einem Jahr Eingewöhnungszeit: Was ist in Nürnberg denn besser als in Leipzig?
Robert Klauß: Ich finde, dass hier noch mehr persönliche Nähe herrscht, weil alles kleiner ist. Nicht in Bezug auf das Gelände, aber es gibt weniger Mitarbeiter als in Leipzig, wo man nur Kontakt zu ausgewählten Leuten hatte. Hier kenne ich fast jeden persönlich. Toll ist auch die gewachsene Verankerung des Vereins in der Stadt, die man an jeder Ecke spürt. Überall sind Aufkleber, jeder ist Club-Fan, die Farben sind rot-schwarz, da ist eine ganz spezielle Einheit. So etwas wächst in Leipzig gerade erst langsam heran.


Sie haben zwei kleine Kinder, Ihre Familie lebt in Leipzig. Ist das Heimweh manchmal groß?
Klauß: Für die gesamte Familie war es zunächst eine Umstellung. Da Leipzig aber nur knapp zwei Stunden entfernt ist, kann ich zwischendurch auch mal schnell heimfahren. Für die Arbeit hier ist es manchmal sogar von Vorteil, weil man nicht so den Druck verspürt und Termine auch mal auf den Abend legen kann. Wenn ich dann in Leipzig bin, habe ich dafür das Gefühl, wirklich abschalten und durchschnaufen zu können. Das war früher anders. Da ich in Leipzig nur fünf Minuten Fußweg entfernt vom Trainingszentrum wohne, ist man dann auch am freien Tag oft mal schnell ins Büro.

Hatten Sie in diesem seltsamen Corona-Jahr überhaupt die Chance, den Club richtig zu verinnerlichen?
Klauß: Ich kann selbst nach einem Jahr keine Bilanz ziehen, weil ich viele Facetten immer noch nicht kenne. Ich habe noch nie ein volles Stadion gesehen, hatte wenig Kontakt zu den Fans. Mit manchen Mitarbeitern habe ich nur in Zoom-Konferenzen gesprochen. Vor zwei Wochen habe ich hier am Gelände das erste Mal unsere U11 gesehen und mit deren Trainern und Betreuern geplaudert. Ich bin angekommen im Innersten des Vereins, aber was den Club in seiner Gesamtheit ausmacht, konnte ich noch gar nicht kennenlernen.

"Ich mag es, wenn Kinder da sind"

Momentan gibt es im Training ja wieder ein bisschen Fankontakt. Genießen Sie das oder war es vielleicht gar nicht so schlecht, in Ruhe arbeiten zu können?
Klauß: Das hängt davon ab, ob es eher um Inhalte oder Emotionen geht. Wir hatten heute eine intensive Einheit mit Zweikämpfen und strittigen Entscheidungen, wo es auch mal hitzig wurde. Da wären Zuschauer hinderlich, weil sich manche Spieler dann vielleicht nicht mehr natürlich verhalten. Ich persönlich mag es, wenn Kinder da sind und wir sie glücklich machen können.

In Leipzig standen Sie jahrelang in der zweiten Reihe. Sind Sie ein Alphatier, das erst geweckt werden musste?
Klauß: Mir geht es nicht darum, im Mittelpunkt zu stehen. Ich kann Ansagen machen, dirigieren, vor einer Gruppe stehen, aber ich brauche es nicht für mein persönliches Glück. Ich war auch in Leipzig als Co- oder Jugendtrainer sehr zufrieden. Es ist schon mein Anspruch, dass ich gerne Dinge entscheide und vorgebe, aber es war nicht maßgeblich für meine Berufswahl. Ich habe vier Jahre als Dozent an der Uni gearbeitet, das hat keinen interessiert. Wenn mich jemand fragt, was ich mache, sage ich auch nicht, dass ich Cheftrainer bin, sondern nur, dass ich im Fußball in Nürnberg arbeite.

Wie wichtig ist Ihnen, authentisch zu bleiben? Muss sich ein Trainer nicht auch in gewisser Weise inszenieren?
Klauß: Das mag ich gar nicht. Wenn ich der Meinung bin, ich muss jetzt ganz ruhig sein, dann bin ich ganz ruhig, und wenn ich laut sein muss, dann bin ich laut – unabhängig davon, ob das jetzt als Signal oder Zeichen interpretiert wird. Natürlich schlüpft man als Trainer manchmal auch in eine Rolle, um Inhalte rüberzubringen. Aber es muss immer um die Sache gehen. Ich mag das auch nicht bei anderen Menschen, wenn sie sich verstellen und in den Vordergrund drängen, sobald Kameras oder Zuschauer in der Nähe sind. Dafür habe ich eine Antenne, und da reagiere ich sehr allergisch.

Wenn Sie sich mit dem Vierten Offiziellen anlegen, geschieht das also immer ganz im Dienst der Sache?
Klauß: Da bin ich völlig im Tunnel und merke manchmal gar nicht, dass eine Kamera auf mich gerichtet ist. Das ist komplett aus dem Bauch heraus, ohne Kalkül. Hinterher denke ich dann: Oh Gott, ist das peinlich, das hättest du auch sein lassen können.

Nun also das zweite Jahr – in dem die jüngere Vergangenheit endlich ruhen sollte?
Klauß: Es ist klar, dass wir den nächsten Schritt machen wollen. Letzten Sommer hatten wir einen Umbruch, die Mannschaft hatte nach zwei beschissenen Jahren einen Rucksack auf. Aber diese Ausreden oder besser Ursachen gelten jetzt nicht mehr. Was mal war mit Abstieg und Fast-Abstieg, ist vorbei. Auch Schleuses tolles und wichtiges Tor in der Relegation sollten wir so langsam in den Geschichtsbüchern vergraben.

Gejubelt mit dem Club

Haben Sie das Spiel damals gesehen?
Klauß: Auf dem iPad im Urlaub, in irgendeiner abgelegenen Hütte am Chiemsee. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich hier Trainer werden würde, trotzdem habe ich gejubelt. Wenn man in diesen zwei Spielen als Fußballfan nicht für den Club war, dann weiß ich auch nicht. Es durfte einfach nicht sein, dass dieser Verein aus der 2. Liga absteigt.

Sie wären dann vermutlich auch nicht hier Trainer geworden.
Klauß: Wahrscheinlich nicht. Kürzlich haben wir noch gesungen: Ohne Schleuse wären wir gar nicht hier, das trifft ja auf uns alle zu. Dafür sind wir ihm auch ewig dankbar. Aber jetzt schauen wir nach vorne.

Sie verfügen nun über ein funktionierendes System und Talente wie Krauß, Nürnberger oder Shuranov, die sich definitiv weiterentwickelt haben. Die Findungsphase sollte also kürzer ausfallen.
Klauß: Es geht jetzt darum, die Neuzugänge in unsere Art des Fußballs zu intergrieren, vor allem die beiden Innenverteidiger. Dann müssen wir den Konkurrenzkampf noch mehr entfachen. Stillstand ist Rückschritt. Deshalb haben wir gute Jungs dazu geholt, die von hinten Gas geben und den Arrivierten Druck machen.


Und am Ende steht dann irgendwann mal: die Bundesliga?
Klauß: Aktuell die zweite. Der 1. FC Nürnberg hat das Anspruchsdenken und auch das Potenzial, Bundesliga zu spielen, deswegen muss das irgendwann unser Ziel sein. Dieter Hecking, Olaf Rebbe und ich, wir haben alle dort gearbeitet, teilweise sogar in der Champions League. Wir sind nicht gekommen, um hier die 2. Liga zu verwalten, wir wollen maximalen Erfolg. Das geht aber nicht im Hauruck-Stil, sondern muss schlau und gezielt vorbereitet werden.

"Die Liga ist oben zu stark"

Kann man einen Aufstieg denn planen?
Klauß: Natürlich braucht man auch das Momentum, Glück, die Performance anderer Mannschaften. Aber werden alle Faktoren berücksichtigt, kann man zumindest die Voraussetzungen schaffen, um irgendwann mit Vollgas anzugreifen. Dieser Zeitpunkt ist noch nicht da, dafür ist die Liga oben zu stark. Da gibt es andere Vereine, die mit ihrem Etat und der individuellen Klasse im Kader zum Aufstieg verpflichtet sind: die Absteiger, der HSV, Düsseldorf, vielleicht sogar Hannover, Darmstadt. Klar ist in Nürnberg keiner mit Platz elf zufrieden, zu Recht. Aber nach den letzten zwei Jahren war es erst einmal ein Schritt in die richtige Richtung. Darauf müssen wir aufbauen.

Hat auch der Cheftrainer Klauß den nächsten Schritt gemacht?
Klauß: Es gibt viele Sachen, die ich gelernt habe. Etwa im Umgang mit dem Schiedsrichter und dem vierten Offiziellen. Das sind Dinge, die ich verbessern muss und die ich in der Rückrunde schon immer mehr in den Griff bekommen habe. Meine Rote Karte war teuer. Und ich habe mich mit drei Gelben Karten über die Ziellinie gerettet, bei einer Sperre wäre es wieder teuer geworden.

Wie teuer?
Klauß: Für die Rote Karte durfte ich das als Trainer selbst festlegen, so steht’s in unserem Strafenkatalog (lacht). Ich habe etwas für die Mannschaft besorgt, das auch viel Geld gekostet hat. Einen Gebrauchsgegenstand, der jetzt täglich verwendet wird. Als Erfahrung habe ich für mich auch mitgenommen, dass ich am Anfang mit der Mannschaft zu viel gewollt habe, dass wir zu oft die Grundordnung geändert haben, weil wir flexibel sein wollten. Eine gewisse Stabilität ist einfach wichtig in dieser Liga. Das haben wir aber schon im Winter relativ schnell erkannt.

Würden Sie in einer Pressekonferenz nochmal über asymmetrische Linksverteidiger dozieren?
Klauß: Inhaltlich ja. Ich würde aber vorher kurz ankündigen, dass jetzt ein kleiner Exkurs kommt und ich den Matchplan in trainerspezifischer Fachsprache erkläre. Wer sich darin wiederfindet, gerne, wer nicht, hört einfach weg. Dann ist niemand überrascht und es schlägt auch keine solchen Wellen. Hätte ich geahnt, was ich damit auslöse, hätte ich es sicher nicht gemacht.


Italien hat bei der EM phasenweise auch mit einem asymmetrischen Linksverteidiger gespielt. Haben Sie Ihre Idee vom Fußball wiedererkannt?
Klauß: Die Italiener sind einer Vereinsmannschaft schon am nächsten gekommen. Sie haben alle Phasen des Spiels gut beherrscht, mit Ball, gegen den Ball. Belgien, Portugal, auch England, teilweise Frankreich basierten sehr auf Individualisten. Es ist schon auch mein Anspruch als Trainer, dass wir in allen Bereichen des Spiels gut sind und uns nicht nur über einzelne Phasen definieren.

Ein Kind des Ostens

Gibt es in dieser 2. Liga Spiele, auf die Sie sich besonders freuen?
Klauß: Da Werder Bremen als Kind mein Lieblingsverein war, auf das Spiel im Weserstadion. Und auf Dresden und Rostock, weil ich einfach ein Kind des Ostens bin und in beiden Vereinen gute Freunde habe.

Sie sind als Trainer, sorry, der Gag muss sein, schon vor der Saison geflogen. Wie war Ihre Paragliding-Tour in Südtirol?
Klauß: Ich würde es sofort wieder tun. Ich hatte es mir viel dramatischer und aufreibender vorgestellt, im Endeffekt war es dann einfach nur entspannt, sicher und schön.

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